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Full text of "Gebirgsbau und Oberflächengestaltung der sächsischen Schweiz"

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Gebirgsbau 
und 

Oberflächeng, 
der 

sächsischen . 




Alfred Hettner 




VUin Lib. 




» . 



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DER 



SÄCHSISCHEN SCHWEIZ. 



VON 



D ß ALFRED HETTNER. 



Mit einer Karte, einer Figurentafel und sechs Figuren im Text. 



STUTTGART. 
VERLAG VON J. ENGELHORN. 

1887. 



Druck von Gebrüder Kröner in Stuttgart. 



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Inhalt. 



Seiten 

Einleitung [5] 249 



Landschaftlicher Charakter. Bisherige Untersuchungen. Plan 
der Arbeit. 

I. Orographische und geologische üebersicht [8] 252 



Grenzen und Grosse. Orographischer und geologischer Gegen- 
satz gegen die Nachbargebiete. Das Erzgebirge. Das Elbthal - 
gebirge. Das Lausitzer Uergland. 

IL Gliederung und Lagerung der sächsischen Kreide - 
bildungen T121 256 



Quadersandstein und Pläner. Gliederungsversuche. Die Auf- 
lagerungsttachc des Quadersandsteins auf dem (Grundgebirge. 
Inseln älteren Gesteins, Unregelmässigkeiten der Lagerung zwi - 
schen Dresden und Dippoldiswalda. Verwerfung zwischen Cosse- 
baude und Meissen. Unterer und mittlerer Quader und Pläner. 
Der obere Planer und die l'länereinlagerung. Der obere Quader 
Ünd die Mergelschicht. Abwesenheit Ton Verwerfungen im Innern 
der BÜrhniBr.hftTi Sr.hwwy. ' 

IIL Die Lausitzer Granitüberschiebung [211 265 

Bedeutung und allgemeiner Charakter. Auftreten bei Oberau 
und Weinböhla. Zwischen Weinböhla und Bonnewitz. Zwischen 
Bnnnpwit.7. nnd TTnlmsfein Zwischen Hohnsfpin und Hint.erherms- 
dorf. Bei Sternberg, Khaa und Neu-Daubitz. Erklärungsversuche. 
Art der Dislokation. Sandstein auf der Lausitzer Platte. Betrag 
der Dislokation. 

IV. Die erzgebirgische Bruchlinie und die Bildung der 

~Bäsaltkcgei ...... T281 272 

Südrand der sächsischen Schweiz eine Flexur. Beschreibung 
derselben. Auflagerung der Tertiärschichten und Alter der Flexur. 
Das böhmische Mittelgebirge. Eigentümliche Lagerungs Verhält- 
nisse mancher Basalte. Enthüllung derselben durch Denudation. 

V. Der Bau der sächsischen Schweiz f351 279 

Paläozoische Faltung und ; Verwerfungen der Tertiärzeit. 
Sudetische Dislokationen. Bedeutung der Schichtenneigung. Erz- 
gebirgische Dislokationen. Kombination der beiden Dislokations- 
systeme. Hebung oder Einbrüche ? Faciesbildungen und Mächtig- 
keit der Kreideablagerungen. Ursprüngliche Oberfläche derselben. 
Ursprüngliche Verbreitung und Denudation in den Nachbargebieten. 



186037 



248 Inhalt. [4 

Seiten 

VI. Die quaderförmige Absonderung [43] 287 

Lose und Klüfte; die quaderförmige Absonderung. Richtung 
der Klüfte. Erklärungsversuche. Entstehung bei der Gebirgs- 
bildung. 

VII. Verwitterung und Abtragung [46] 290 

Die geognosüsche Zusammensetzung der sächsischen Schweiz. 

Wasserführung und Quellen. Meehaniseher Charakter der Yer- 

Witterung. Sandbildung. Transport des Sandes. Leisten, abge - 
rundete Felsblöcke, Karienbildungen. Löcher, Höhlen und Ueber- 
hänge. Thore u. dgl. Zersprengung der Sandsteinblöcke. Ab - 
lösung derselben, t-iestalt der Felswände. Bildung von Hissen 
und Schluchten, Felspfeiler. Der Fusskegel. Mrösse der Sehnt t- 
bildung und Abtragung. 1» iirkvcrlegung der Felswand. Finlluss 
der Höhe und (Jestalt der Wand und der Lage der l'hitte, Kintluss 
der .Stärke der Verwitterung und der Wassermenge. Kinlluss der 
Schichtenneigung. 

VIII. Ursprung und Anordnung der Gewässer [61] 305 

Verhältnis der Erosion zur Verwitterung. Wassergehalt der 
Gründe. Ursprüngliche Abflusalosigkeit. Fortbildung der Kegen- 
risse. Anordnung der Wasserläufe. Thalkrümmungen, Verhältnis 
der Wasserläufe zu den Absonderungsrichtungen. Das Klussgebiet, 
Wasserscheiden. Beziehungen der Thäler zum Gebirgsbau. An- 
sichten über die Entstehung des Elbdurchbruchs. 

IX. Die Gründe [741 318 

Aufriss der Thäler. Bildung derselben durch rflcMjtoflgg Erosion. 
Aufriss der Kegenschluch ten. Ziel der Erosion. Periodizität der 
Erosion. Thalstufen und Terrassen. Gestalt der heutigen Thal- 
böden, seitliche Erosion. Die Thalgehänge. Canonform. 

X. Felswände, Steine und Ebenheiten [861 330 

Felskessel. Gestaltung der Felswände. Felsrevier zwischen 
Schandau und Dittersbach i. B. Das rechte Elbufer westlich von 
Schandau. Die Cottaer und die Struppener Ebenheit. Gegend 
zwischen Biela und Elbe. Gegend zwischen oberer Elbe und 
Kamnitz. Zerstörung der Ebenheiten. Bildung derselben durch 
kontinentale Erosion. Bedingungen der Entstehung von Platten. 

XL Perioden der Erosion [98] 342 

Bildungen der Tertiär- und Diluvialzeit. Die Terrassen des 
Längsprofils. Die obere oder Gehängeterrasse. Alter der Eben- 
heiten. 

XII. Die Individualität der sächsischen Schweiz [106] 350 

Faltung und -Meeresbedeckungen. Entstehung des heutigen 
Gebirgsbaus. Faktoren der Zerstörung. Charakter der Erosion und 
Verwitterung. Relief der Gegenwart und der Tertiärzeit. Ver- 
gleich mit anderen Gebirgen. Einfluss des Gebirgsbaus und der 
Oberflächengestalt auf die Bewohner. 



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Einleitung. 



Die sächsische Schweiz verdankt die Anziehungskraft, welche sie 
jährlich auf Tausende von Reisenden ausübt, nicht etwa einer gross- 
artigen Hochgebirgsnatur, denn ihr höchster Gipfel, der Schneeberg, 
erhebt sich nur 723 ra über den Meeresspiegel, 600 m über den Fuss 
des Gebirges, eine Höhe, welche nur wenig mehr als das Vierfache 
der Höhe des Strassburger Münsters beträgt. Ebensowenig bezeichnet 
liebliche Anmut allein ihren Charakter. Freilich ist die Aussicht von 
der Bastei oder dem Brand heiter und anmutig: der schöne Elbstrom 
schlängelt sich zwischen massig hohen Abhängen dahin, oben auf den 
Ebenheiten, wie der gut deutsche ortsübliche Ausdruck für Plateau lautet, 
und unten im Thale erblickt man zahlreiche Ansiedelungen und die 
Spuren reger menschlicher Arbeit , und nur im Hintergrunde -häufen 
sich bewaldete Felswände und Gipfel. Aber östlich von Schandau 
erstrecken sich felsenreiche Waldreviere bis unmittelbar an die Elbe 
heran und nehmen auf beiden Seiten derselben grosse Flächenräume 
ein; abseits von der grossen Touristenstrasse begegnet man hier stunden- 
lang nur einigen Holzhackern und Holz und Beeren sammelnden 
Weibern und Kindern. Die meisten Gründe sind von steilen, oft bei- 
nahe senkrechten Felswänden umrahmt und erhalten dadurch einen 
Charakter der Wildheit, der mit der Kleinheit der Verhältnisse in selt- 
samem Widerspruche steht. Sowohl die Wände der Thäler wie die 
höher gelegenen Tafelberge und Rücken sind reich an wunderbaren, 
oft barocken Felsbildungen, senkrechten Mauern und Pfeilern, Höhlen 
und Thoren. An sie denkt man zuerst bei einer Erwähnung der 
sächsischen Schweiz, sie erregen das grösste Interesse der meisten 
Besucher, die sich mit Vergnügen von ihrem Führer das Gesicht 
Napoleons, das Kamel, die Lokomotive zeigen lassen. Und doch ge- 
hören jene sanft anmutigen, oft auch langweiligen Strecken durchaus 
mit diesen wildromantischen Felsgegenden zusammen; doch ist gerade 
diese nahe Berührung der Kontraste tief in der Lagerung und Be- 
schaffenheit des Gesteines, welches die sächsische Schweiz zusammen- 
setzt, und in der ganzen geologischen Geschichte derselben begründet, 



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250 



Alfred Hettner, 



[6 



so dass wenige Stellen auf der Erde in dem Grade eine landschaft- 
liche Individualität bilden wie gerade die sächsische Schweiz. 

Der Bau und das Relief der sächsischen Schweiz sind bisher nur 
einmal eingehender behandelt worden. In den Lehrbüchern der Geo- 
logie und physischen Geographie pflegen zwar ihre Felsen und Thäler 
gleichsam als Paradigmen für die Gesetze der Verwitterung und Erosion 
in Tafelländern kurz abgehandelt zu werden; aber man begnügt sich 
der Natur der Sache nach mit einer allgemeinen Auffassung dieser 
Erscheinungen, ohne den Mechanismus derselben im einzelnen zu unter- 
suchen, ohne daher ein wirkliches Verständnis der sächsischen Schweiz 
zu erreichen, denn die Schwierigkeiten stellen sich bekanntlich häufig 
erst dann ein, wenn man die allgemeinen Anschauungen im einzelnen 
anzuwenden versucht. Auch in den Schriften über Thalbildung hat 
man den Einschnitt der Elbe in das Quadersandsteingebirge vielfach 
herangezogen, aber dabei die Tektonik desselben nicht immer gebüh- 
rend berücksichtigt. Naumann und Cotta, welchen wir die vorzügliche 
ältere geologische Karte von Sachsen verdanken, und welche mit der 
Natur und Lagerung der Gesteine unseres Gebietes so vertraut waren 
wie kein anderer, welche dieselben so gut verstanden, als es die 
theoretischen Kenntnisse ihrer Zeit erlaubten, haben doch ihre Kennt- 
nisse nicht zu einer eingehenden Erklärung der Oberflächengestalt 
verwertet, obwohl Cotta sonst gerade den Beziehungen zwischen Geo- 
logie und Geographie mit Vorliebe nachging. Auch Koristka und 
Krejci, der Topograph und der Geolog der böhmischen Landesdurch- 
forschung, begnügen sich mit allgemeinen, zum Teil von veralteten 
Anschauungen ausgehenden, Erklärungen. H. B. Geinitz, welcher 
die Versteinerungen des Quadersandsteines zum Gegenstande des ein- 
gehendsten Studiums machte, hat die Fragen der Thalbildung u. dergl. 
nur gelegentlich gestreift. Einige Lokalgelehrte und Verfasser von 
Reisebüchern wandten zwar diesen Dingen und besonders den einzelnen 
merkwürdigen Felsformen ihr Interesse zu, aber waren meistens nicht 
mit den nötigen wissenschaftlichen Kenntnissen und der nötigen wissen- 
schaftlichen Kritik ausgerüstet, 'um zu mehr als vagen Hypothesen zu 
gelangen. 

Um so mehr muss das Verdienst August v. Gutbiers anerkannt wer- 
den, der in seinen Geognostischen Skizzen aus der sächsischen Schweiz 
(Leipzig 1858) eine zusammenfassende Darstellung von Bau und Ober- 
flächengestalt derselben lieferte und den Erscheinungen der Verwitterung 
und Erosion zu einer Zeit eine eingehende Betrachtung widmete, in 
welcher erst wenige Geographen und Geologen darin einen Gegenstand 
ernstlichen Studiums erblickten. Und dies Verdienst wird man noch 
höher anschlagen, wenn man erfährt, dass Gutbier kein Gelehrter von 
Beruf, sondern ein Offizier war, dass er als Kommandant der Festung 
Königstein die Anregung zu seinen Untersuchungen empfing. Natürlich 
haften derselben manche Mängel an, die teils in dem damaligen Stand- 
punkte der Geologie und physischen Geographie, teils auch darin be- 
gründet sind, dass dem Laien manche Resultate und Methoden der 
Forschung fremd waren. Gutbier ist noch ganz Anhänger der Kata- 
klysmentheorie , er glaubt noch an die Hebung der Gebirge durch 



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Gebirgsbau und Oberflächengestaltung der sächsischen Schweiz. 251 



Granit und Basalt, er konnte zur Erklärung der sächsischen Schweiz 
noch ein Diluvialmeer zu Hilfe nehmen, welches, wie wir heute wissen, 
gar nicht existiert hat. Viele wichtige Fragen sind auch noch 
nicht behandelt, weil man ihre Bedeutung noch nicht erkannt hatte. 
Es fehlt der vergleichende Ueberblick über verwandte Gebiete. So 
sehr wir also Gutbier für seine Skizzen Dank und Anerkennung 
schulden, so dürfen wir uns heute doch nicht mehr bei seinen Resul- 
taten beruhigen, sondern müssen, auf die wissenschaftlichen Errungen- 
schaften beinahe dreier Jahrzehnte gestützt, Bau und Relief der 
sächsischen Schweiz von neuem zum Gegenstande eingehenden Studiums 
machen. 

Seit dem Beginne meiner Studien ist mir daher die geographische 
Erforschung des heimatlichen Gebirges als eine besonders lockende 
Aufgabe erschienen. Vielfache Exkursionen während der Ferienmonate 
waren diesem Zwecke gewidmet. Aber eine andersartige wissenschaft- 
liche Arbeit und eine grössere Reise ins Ausland sowie die Bearbei- 
tung von deren Resultaten unterbrachen diese Studien für mehrere 
Jahre vollkommen. Erst im August 1886 konnte ich dieselben wieder 
aufnehmen und während der folgenden Herbst- und Wintermonate zu 
einem vorläufigen Abschlüsse führen. Freilich war der Rahmen der 
Arbeit inzwischen ein engerer geworden; statt einer vollständigen 
geographischen Landeskunde, welche auch Klima, Pflanzen- und Tier- 
welt und besonders den Menschen in seiner Abhängigkeit von der Natur 
und seiner Einwirkung auf die Natur in den Kreis der Betrachtung 
ziehen sollte, wird nur noch eine Darstellung von Gebirgsbau und 
Oberflächengestaltung gegeben, in welchen ja allerdings die Eigentüm- 
lichkeit der sächsischen Schweiz begründet ist, und deren Darstellung 
darum auch innerhalb einer alle geographischen Faktoren umfassenden 
Arbeit den weitaus wichtigsten Teil gebildet haben würde. Freilich 
bleibt auch in Bezug auf Gebirgsbau und Oberflächengestaltung noch 
manches Problem ungelöst, aber wennschon teilweise die unzureichenden 
Kräfte des Verfassers daran schuld sind, so sind wir doch von einer 
vollkommenen Erkenntnis der Ländernaturen überhaupt noch weit ent- 
fernt. Hoffentlich ist die Arbeit auch in dieser Form manchem eine 
willkommene Einführung in das Verständnis der sächsischen Schweiz 
und zugleich eine Anregung zu deren weiterer Erforschung. 



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252 Alfred Hettner, [8 



L Orographische und geologische Uebersicht. 

Grenzen und Grösse der sächsischen Schweiz. 

Die geographische Darstellung einer Landschaft hat immer mit 
dem Uebelstande zu kämpfen, dass sie, um den Leser zu orientieren, 
das Gebiet der Darstellung gegen die benachbarten Gebiete abgrenzen 
muss, und dass es doch, falls* man sich nicht von äusseren Gründen 
leiten lässt und sich etwa an die politischen Grenzen hält, erst am 
Schlüsse der Darstellung, nachdem man das Gebiet vollkommen kennen 
gelernt hat, möglich ist, die Berechtigung jener Grenzlegung zu erweisen. 
Wirklich scharfe Grenzen sind aber in der Natur überhaupt nur in 
seltenen Fällen gegeben, meist leitet ein breiterer Streifen von einer 
Landschaft zur anderen über. Auch bei der sächsischen, oder genauer 
gesagt, der sächsisch-böhmischen Schweiz, der wir doch eine besonders 
ausgeprägte Individualität zuerkannt haben, machen wir diese Erfah- 
rung. Die Definition der sächsischen Schweiz ist wesentlich schon mit 
ihrem anderen Namen „ Elbsandsteingebirge " gegeben, d. h. sie ist das 
Gebiet zu beiden Seiten der Elbe, in welchem der Sandstein mit seinen 
horizontalen oder flach geneigten Bänken der Landschaft den Stempel 
aufdrückt. Aber da derselbe meist nicht plötzlich abschneidet, sondern 
allmählich verschwindet, verliert auch das Relief allmählich die dem 
Sandstein charakteristischen Züge. Die Sandsteinpartien südwestlich 
von Dresden, bei Dippoldiswalde, bei Tharandt und bei Meissen sind 
von verhältnismässig so kleinem Umfange und von so geringer Mächtig- 
keit, dass sie gegenüber den älteren, grossenteils archäischen, Gesteinen 
in den Hintergrund treten. Erst in die Linie Pirna-Berggiesshtibel- 
Tyssa-Königswald, längs deren sich der Sandstein in einer auffallenden 
Stufe aus dem Elbthale oder aus dem krystallinischen Gebiete erhebt, 
kann man die Grenze des Elbsandsteingebirges gegen das Erzgebirge 
oder vielmehr gegen den eigentümlich ausgebildeten, passend als Dres- 
dener Elbthalgebirge zu bezeichnenden, Nordostabhang desselben ver- 
legen. Schärfer lässt sich die Grenze gegen die ebenfalls aus archäi- 
schen Gesteinen zusammengesetzte hügelige Platte der Lausitz ziehen, 
weil dieselbe an einer von Bonnewitz (nördlich von Pirna) über Ditters- 
bach i. S., Rathewalde, Hohnstein, Altendorf, Hermsdorf, Sternberg, 
Neu-Daubitz und Kreibitz in ostsüdöstlicher Richtung verlaufenden Linie 
fast haarscharf gegen den Sandstein abschneidet. Weniger scharf ist 
die Grenze wieder im Süden zwischen Kreibitz , Tetschen-Bodenbach 
und Königswald, wo der Sandstein unter das, wesentlich aus Basalt und 



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Gebirgsbau und Oberflächengestaltung der sächsischen Schweiz. 253 



Phonolith bestehende, böhmische oder Leitmeritzer Mittelgebirge hinab- 
taucht, um jenseits desselben wieder den grössten Teil des nordöstlichen 
. Böhmens zusammenzusetzen und der sächsischen Schweiz ähnliche Land- 
schaftsformen zu erzeugen. 

Der in diesen Grenzen eingeschlossene Raum hat ungefähr die 
Gestalt eines rechtwinkligen Dreiecks, dessen Hypotenuse durch die 
nordöstliche Randlinie Bonnewitz-Kreibitz, und dessen Katheten durch 
die Linien Bonne witz- Königswald und Königswald-Kreibitz bezeichnet 
werden. Die Hypotenuse ist ungefähr 41, die Katheten 29 und 32 km 
lang, der Flächeninhalt des ganzen Gebietes beträgt etwa 450 qkm 
oder 8 Quadratmeilen. 

Orographischer und geologischer Gegensatz gegen die Nachbargebiete. 

Die orographische Eigentümlichkeit dieses Gebietes ist eine so 
ausgeprägte, dass sie uns in der Natur oder auf einer guten topo- 
graphischen Karte *) auf den ersten Blick entgegentritt. Das Lausitzer 
Bergland sowohl wie das Erzgebirge sind sanft gewellte Hochflächen, 
in welche die Thäler mehr oder weniger tief eingeschnitten sind, über 
welche sich nur unbedeutende Gipfel erheben. Das böhmische Mittel- 
gebirge ist ein Haufwerk von hohen und niedrigen gerundeten Kuppen 
und Rücken, in deren Anordnung das Auge keine Regel bemerkt. In 
der sächsischen Schweiz dagegen waltet der Tafelcharakter vor; auf 
einer Reihe von Ebenheiten, in welche enge, steilwandige Thäler ein- 
gegraben sind, erheben sich Berge und Rücken mit mehr oder weniger 
horizontaler Oberfläche, aber schroffem, oft beinahe senkrechtem Ab- 
sturz. Die Oberfläche dieser Berge und Rücken bildet im grossen und 
ganzen eine Ebene, welche auf dem rechten Elbufer horizontal oder 
nur schwach nach Nordwest geneigt ist, auf dem linken Elbufer da- 
gegen etwas steiler nach Südwest ansteigt. Vom Lausitzer Hügel- 
lande und dem Erzgebirge unterscheidet sich die sächsische Schweiz 
also durch ihre Zerrissenheit und die Schroffheit der Formen, von dem 
böhmischen Mittelgebirge durch den tafelartigen Charakter. 

Diese auffallenden topographischen Unterschiede sind in der 
Verschiedenheit von Bau und Entstehungsgeschichte begründet 2 ). Dem 



*) Ein eingehenderes Studium muss sich auf die Messtischblätter der säch- 
sischen Generalstabskarte 1:25 000 gründen, auf welchen die Höhenverhältnisse 
durch Isohypsen dargestellt sind. Gute Uebersichten geben die Generalstabskarte 
1 : 100000, der Topographische Atlas von Sachsen von Oberreit und v. Odelebens, 
Topopraphische Karte der Umgegend von Hohnstein und Schandau. Weniger gut ist 
die österreichische Generalstabskarte 1 : 75000. Eine Höhenschichtenkarte 1 : 200000 
von Koristkn im Archiv der naturwissenschaftlichen Landesdurchforschung von 
Böhmen, 1. Bd., 1. Abtlg. Daselbst S. 66 ff. auch eine ausführliche orographische 
Beschreibung des südöstlichen Teils und einzelne orometrische Berechnungen. 

2 ) Eine gute zusammenfassende Darstellung haben die deutschen Gebirge 
neuerdings durch Penck in: Unser Wissen von der Erde, II. Bd., Leipzig und 
Prag 1886, erhalten. Ich habe dieses Werk erst eingesehen, als meine Darstellung 
im wfsentlichen niedergeschrieben war, und habe dasselbe nur noch in Einzel- 
heiten benutzt, während die oft grosse Uebereinstimmung der Auffassung zufällig 
und darum um so erfreulicher ist. 



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254 



Alfred Hettner, 



[10 



tafelartigen Oberflächencharakter der sächsischen Schweiz entspricht 
eine horizontale oder ganz sanft geneigte Lage der sie zusammen- 
setzenden Schichten ; wir können jetzt, am Eingange der Untersuchung, 
noch nicht beurteilen, ob auch Verwerfungen einen Anteil an der 
Gestaltung des Reliefs nehmen, aber im wesentlichen sind es die Fak- 
toren der Erosion, welche den ehemaligen Zusammenhang zerrissen 
haben. Wir müssen die sächsische Schweiz demnach als ein erodiertes 
Tafelland oder ein Erosionsgebirge bezeichnen l ). Auch das Erzgebirge 
und das Lausitzer Bergland waren vor dem Einschneiden der heutigen 
Thäler sanft gewellte Hochflächen; aber dieser Gestalt der Oberfläche 
lag nicht, wie in der sächsischen Schweiz, ein horizontaler Schichtenbau 
zu Grunde, die Schichten sind vielmehr grossenteils steil geneigt und 
bilden Falten, welche früher hoch aufragten, aber heute durch irgend 
eine äussere Kraft, sei es die Brandungswelle des Meeres (Abrasion 2 ), 
seien es lediglich die atmosphärischen Agentie n, glatt gehobelt worden 
sind. Erzgebirge und Lausitzer Bergland sind danach Rumpfgebirge. 
Das böhmische Mittelgebirge endlich bezeichnet wieder einen anderen 
Gebirgstypus, da es ein vulkanisches Ausbruchsgebirge ist. 

Der Bau des Erzgebirges, allerdings mit Ausnahme des uns gerade 
besonders interessierenden Nordostflügels, ist in dem letzten Jahrzehnt 
durch die sächsische geologische Landesanstalt unter der Leitung von 
Herrn Oberbergrat Prof. Hermann Credner auf das eingehendste unter- 
sucht worden und hat sich dabei als äusserst kompliziert herausgestellt. 
Nur im allgemeinen kann man dasselbe als eine von SW nach NE 3 ) 
streichende Falte bezeichnen, welcher im Norden die kleineren Falten 
des Granulitgebirges und des nordsächsischen Hügellandes vorgelagert 
sind. An der Faltung nehmen ausser den archäischen Gesteinen auch 
die paläozoischen Formationen bis zum Kulm herab teil, während die 
produktive Kohlenformation und das Rotliegende horizontal oder sanft 
geneigt in den beiden Becken zwischen den Falten abgelagert wurden 
und nur noch durch Verwerfungen gestört sind 4 ). 

Nach Nordosten hin biegt die Streichrichtung der Schichten all- 
mählich aus einer nordöstlichen in eine südöstliche um 5 ), so dass wir 
zwischen Meissen und Nossen einerseits, Pirna und Gottleuba andererseits 
alle Formationsgrenzen, zwischen Gneiss und Thonschiefer-Grauwacke, 
zwischen diesen und Syenit oder Granit oder zwischen Rotliegendem und 

') Diese Benennung der Gebirge ist dem „ Führer für Forschungereisende" 
meines hochverehrten Lehrers Ferd. Frhrn. v. Richthofen entnommen, welches die 
reichste Belehrung über alle Probleme der Gebirgskunde enthält. Ich werde auf 
dieses vorzügliche Buch auch bezüglich der Untersuchungen anderer Forscher ver- 
weisen, wenn dieselben an schwer zugänglichem Orte veröffentlicht oder bereits 
ein Gemeingut der Wissenschaft geworden sind. 

2 ) v. Richthofen, Führer S. 353 ff. 

8 ) Ich habe Ost stets durch die in der Meteorologie eingeführte inter- 
nationale Abkürzung E bezeichnet. 

4 ) Vgl. Herrn. Credner, Das erzgebirg. Faltensystem. Ein Vortrag. Dresden 1883. 

*) Naumann, Erläuterungen zur geol. Karte von Sachsen, Heft 5, S. 11 ff. 

Mietzsch, Das Schieferterrain des nordöstlichen Erzgebirges. Dissert. 
Leipzig 1871, und Zeitschr. f. d. ges. Naturw. 1871, S. 1 ff. 

Mietzsch, Das erzgebirgische Schiefergebiet in der Gegend von Tharandt 
und Wilsdruff. N. Jahrb. f. Min. von 1872, S. 562 ff. 



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Gebirgsbau und Oberflächengestaltung der sächsischen Schweiz. 255 



einer der genannten Formationen im ganzen von NW nach SE verlaufen 
sehen. Das Rotliegende (ob die Kohlenformation in dieser Gegend 
überhaupt vorkommt, ist nach den Untersuchungen von Sterzel zweifel- 
haft geworden) ist auch hier nicht mit gefaltet, aber stark verworfen. 
Ein kleines Vorkommen der Dyasformation findet sich bei Weissig 
nördlich von Pillnitz ; auch unter Dresden wurde, ungefähr im Niveau 
des Meeresspiegels, Rotliegendes erbohrt, aber die Hauptmasse ist zu 
beiden Seiten des Plauenschen Grundes in einem von NW nach SE 
gestreckten Becken oder vielmehr einem durch einen Porphyrrücken 
getrennten Doppelbecken zwischen Gneiss, Phyllit und Syenit einge- 
schlossen 1 ). Es unterliegt kaum einem Zweifel, dass diese Becken- 
natur wenigstens zum Teil durch Verwerfungen bedingt ist, deren Bil- 
dung noch vor die Kreidezeit fällt. 

Dieser ganze Nordostabhang des Erzgebirges mit seinen von NW 
nach SE streichenden Schichten oder, wie wir ihn erst bezeichneten, 
das Dresdener Elbthalgebirge kann geologisch eigentlich schon zur 
Lausitz und damit zu den Sudeten gerechnet werden, da diesen ja im 
Gegensatze zum Erzgebirge die nordwestliche Streichrichtung eigen- 
tümlich ist. Die räumliche Trennung, welche zwischen ihm und der 
Lausitz besteht, hat, wie wir sehen werden, nichts mit der paläozoi- 
schen Faltung zu thun, sondern ist die Folge späterer Ereignisse. Unter 
dem Quartär und Sandstein des Elbthaies streichen die archäischen 
und paläozoischen Faltenzüge fort, um an einzelnen Stellen, namentlich 
bei Koswig und bei Niedergrund, auch zu Tage zu treten. Aber dies 
linkselbische Elbthalgebirge sowohl wie die eigentliche Lausitz sind 
doch noch nicht genügend studiert, als dass sie genauer dargestellt 
werden könnten. Die von Cotta bearbeitete geologische Karte der 
Lausitz zeigt in der Nähe der Elbe nur Granit und Syenit, aber ein 
Teil dieses Granites ist so deutlich geschichtet, dass er, wenn er auch 
im Handstücke richtungslos struiert erscheint, besser als Gneiss be- 
zeichnet wird. 

Zwischen Erzgebirge und Lausitz, oder, genauer gesagt, zwischen 
die sudetisch streichenden Falten des linken Elbgehänges und das 
eigentliche Lausitzer Bergland eingeschaltet oder teilweise denselben 
aufgelagert, finden sich nun im Elbthale die mehr oder weniger hori- 
zontalen Schichten der Kreideformation, welche die sächsische Schweiz 
fast ausschliesslich zusammensetzen und nordwestlich davon wenigstens 
noch in mehr oder weniger bedeutenden Lappen auftreten. 

Die Auffassung dieser Kreidebildungen und ihrer Lagerungsver- 
hältnisse ist von so grosser Wichtigkeit für die Beurteilung von Bau 
und Relief der sächsischen Schweiz, dass wir uns die Mühe nicht 
verdriessen lassen dürfen, uns bei der stratigraphischen Geologie aus- * 
führliche Belehrung darüber zu erholen. 



') H. B. Geinitz, Geognostische] Darstellung der Steinkohlenformation in 
Sachsen. Leipzig 1856. S. 52 ff. 



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256 



Alfred Hettner, 



II. Gliederung und Lagerung der sächsischen Kreide- 
bildungen. 

Quadersandstein und Pläner. 

Die Schreibkreide, welche der Kreideformation oder, wie wir nach 
den Beschlüssen des geologischen Kongresses jetzt eigentlich sagen 
müssten, dem Kreidesysteme den Namen gegeben hat, fehlt im Gebiete 
der sächsischen Schweiz vollständig. Die unbedingt vorherrschenden 
Gesteine sind hier der Quadersandstein und der Pläner, weshalb manche 
Autoren auch schon vorgeschlagen haben, den Namen Quadersandstein- 
oder Plänerformation an die Stelle des Namens Kreideformation zu 
setzen, ein Vorschlag, der mit Recht zurückgewiesen worden ist, weil 
der Quadersandstein und der Pläner ebensogut wie die Schreibkreide 
nur lokale Vorkommnisse sind. Der Quadersandstein ist ein Quarz- 
sandstein mit geringem thonigem oder eisenschüssigem Bindemittel, das 
seinen Namen von der eigentümlichen quaderförmigen Absonderung 
erhalten hat; er liefert das vorzügliche Baumaterial, welchem die 
Bauten Dresdens einen Teil ihrer Schönheit verdanken, und welcher 
elbabwärts auch nach Berlin und anderen Städten gebracht wird. Der 
Pläner ist meist durch eine plattenförinige Schichtung oder Absonderung 
ausgezeichnet l ) und tritt entweder als ziemlich reiner Kalkstein (bei 
Strehlen und Weinböhla) oder als Mergel auf oder geht auch in einen 
kalkigen, mergeligen oder thonigen Sandstein (Plänersandstein) über. 

Gllederungsversuehe. 

Anfangs glaubte man, den Quadersandstein überhaupt als das 
untere, den Pläner als das obere Glied der sächsischen Kreideablage- 
rungen ansprechen zu dürfen. Aber im Jahre 1838 zeigte Naumann 2 ), 
dass die Plänerdecke „ani östlichen Gehänge des Gottleubathaies unter 
den dortigen Quadersandstein einkriecht, und dass die meisten Sand- 
steinmassen der sächsischen Schweiz nicht unter, sondern über den 
Pläner gelagert sind", und er sprach zugleich die Vermutung aus, dass 
der Pläner dem Gault, der darunterliegende Sandstein der unteren, der 
darüberliegende Sandstein der oberen Abteilung der Kreideformation 
anderer Länder, namentlich Englands, entsprächen. Römer und Geinitz 
erhoben aus paläontologischen Gründen gegen diese Auffassung Ein- 
sprache und parallelisierten den Pläner vielmehr mit dem englischen 
Chalk marl. Es darf heute als eine feststehende Thatsache gelten, dass 
„die beiden unteren Abteilungen der Kreidezeit, nämlich Neocom und 
Gault, in Sachsen ebenso wie in Schlesien, Böhmen und dem ausser- 
alpinen Bayern, überhaupt fehlen, dass Quader und Pläner den Ab- 
teilungen des Cenoman , Turon und Senon angehören. Auch im 
einzelnen ist die Gliederung und Parallelisierung der sächsisch-böhmi- 

') Der Name Pläner kommt jedoch nach den Untersuchungen von 0. Richter 
(Sitzungsber. d. Isis 1882, S. 131) nicht von planus, sondern von dem Dorfe Plauen her. 
*) Erläuterungen, 5. Heft, S. 357. Vgl. Cotta, ebendaselbst. 



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Gebirgsbau und Oberflädhengestaltung der sächsischen Schweiz. 257 



sehen Kreideablagerungen durch die eingehenden Untersuchungen von 
Rominger, Reuss, Geinitz, Gtimbel, Hochstetter, Jokely, Krejci, Fric, 
Schlönbach u. a. wesentlich gefördert worden, obgleich sie noch nicht 
als abgeschlossen betrachtet werden kann *). 

Als unterstes Glied der sächsisch-böhmischen Kreidebildungen 
werden von allen Autoren die pflanzenführenden Schichten betrachtet, 
welche an einzelnen Stellen dem unteren Quadersandstein eingelagert 
sind (Schichten von Niederschöna Geinitz, Perucer Schichten Krejci 
und Fric). 

Darauf folgt oder damit gleichzeitig beginnt der eigentliche 
untere Quadersandstein, dem die untere Abteilung des Pläners teils 
auflagert, teils äquivalent ist: Unterer Quader und unterer Pläner 
(Geinitz), Unterplänersandstein und Unterplänermergel (Gümbel), Kory- 
caner Schichten (Krejci und Fric), erste Zone oder Zone der Trigonia 
sulcataria und des Catopygus carinatus (Schlönbach). 

Bei Dresden liegt auf dem unteren Pläner, nur durch eine Thon- 
schicht getrennt, der mittlere Pläner von Geinitz, der, wie Gümbel 
nachwies, nach Pirna hin in den Cottaer Bildhauersandstein (mittlerer 
Quader von Geinitz) übergeht. Gümbel selbst bezeichnet diese Stufe 
als Mittelplänersandstein , die böhmische Landesdurchforschung als 
Weissenberger Schichten, Schlönbach als zweite Zone (des Inoceramus • 
labiatus). 

Auf diesem Bildhauersandstein lagert an mehreren Stellen südlich 
von Pirna, am deutlichsten zwischen Neundorf und Krietzschwitz, ein 
glaukonitischer Sandstein, darauf eine dünne Plänerschicht und schliess- 
lich ein Mergel. Es sind die Schichten , welche Naumann 1838 
entdeckt und als Plänereinlagerung bezeichnet hatte. Er hatte sie 
bereits bis an den Schneeberg verfolgt; besonders durch die Nach- 
forschungen von Geinitz ist sie noch an mehreren Punkten aufge- 
funden worden, so dass sie als ein besonders wichtiger Horizont 
erscheint. Gümbel bezeichnete die drei Bildungen als Mittelpläner- 
grünsandstein, Mittelplänermergel und Oberplänermergel , Geinitz als 
Cottaer Grünsandstein, oberen Pläner und oberen Quadermergel ; beide 
hielten die Plänerschicht für gleichalterig mit den Plänerkalken von 
Strehlen und Weinböhla. Den Sandstein über diesen Schichten be- 
zeichneten Gümbel und Geinitz als oberen Plänersandstein bezw. oberen 
<iuadersandstein und sahen ihn als das oberste Glied der sächsischen, 



*) Die wichtigste Litteratur ist gegenwärtig folgende: 

Gümbel, Beiträge zur Kenntnis der Procän- oder Kreideformation im nord- 
westlichen Böhmen. Abhandl. d. bayr. Akad. d. Wissensch. 1868 (X. Bd.). 

Geinitz, Das Elbthalgebirge in Sachsen. 4 Bde. Kassel 1871. 

Krejci, Studien im Gebiete der böhmischen Kreideformation. Archiv der 
Naturwissenschaft!. Landesforschung von Böhmen. I. Bd., II. Abtlg., S. 1 ff. 

Fric, Paläontologische Untersuchungen der einzelnen Schichten der böhmi- 
schen Kreideformation: 1. die Perucer und Korycaner Schichten; 2. die Weissen- 
berger und Malnitzer Schichten ; 3. die Iserschichten. Ibid. I. Bd., II. Abtlg., S. 181 ff. 

Schlönbach, Die Brachiopoden der böhmischen Kreide. Jahrb. d. Geol. 
Reichsanstalt 1868, S. 139 ff. 

Hochstetter, Durchschnitt durch den Nordrand der böhmischen Kreide- 
ablagerungen bei Wartenberg unweit Turnau. Ibid. S. 247 ff. 



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258 



Alfred Hettner, 



[14 



böhmischen und bayrischen Kreidebildungen an. Etwas später unter- 
suchte jedoch Geinitz thonige Mergelschiefer in einem Eisenbahnein- 
schnitte bei Zatzschke nördlich von Pirna und stellte dieselben nun mit 
den benachbarten Copitzer Grünsandsteinschichten, die er und Gümbel 
bisher für eine Fortsetzung des Cottaer Grünsandsteines gehalten hatten 
und mit der Wehlener Thoneinlagerung als Baculitenmergel über den 
oberen Quader; nur wenige Sandsteinbänke sollten noch über diesen 
Mergeln auftreten. 

Die böhmischen Landesgeologen haben die Plänereinlagerung als 
Malnitzer Schichten bezeichnet. Darauf folgt, unter dem Namen Iser- 
schichten, der Sandstein des Schneebergs, Königsteins, Winterbergs 
u. s. w., auf diesen die Teplitzer Schichten, zu welchen, im Gegensatze 
zu Gümbel und Geinitz, der Plänerkalk von Strehlen und Weinböhla 
gezählt werden, dann die Priesener oder Baculitenmergel und schliess- 
Scb die Chlomecker Schichten oder der eigentliche obere Quader, der 
in der sächsischen Schweiz gar nicht vertreten sein soll. Die beiden 
letzten Glieder entsprechen der fünften und sechsten Zone Schlönbachs, 
in seiner vierten Zone fasst er dagegen die Iser- und Teplitzer 
Schichten, d. h. den oberen Quader und den Plänerkalk der Geinitz- 
schen Gliederung, zusammen, die er geneigt ist, für gleichalterige, 
# einander vertretende Bildungen zu halten. Seine dritte Zone umfasst 
die drei Glieder der Plänereinlagerung, ist also mit den Malnitzer 
Schichten identisch. 

Einige der Streitfragen, z. B. die Frage, ob der Quadersandstein 
anderer Gegenden jünger ist als der obere Quader Sachsens, und ob 
dieser dem Turon oder Senon angehört, sind zwar für die historische 
Geologie wichtig, aber für die Auffassung des Gebirgsbaues von geringer 
Bedeutung. Dagegen ist es hierfür wünschenswert, die relative Stellung 
der innerhalb der sächsischen Schweiz auftretenden Bildungen zu 
kennen, z. B. zu wissen, ob der Plänerkalk von Strehlen und Wein- 
böhla über oder unter dem oberen Quader liegt oder denselben ver- 
tritt, ob der Copitzer Grünsandstein mit dem Cottaer Grünsandstein 
gleichalterig ist oder einem höheren Niveau angehört, ob die Mergel 
von Zatzschke und Wehlen wirklich über dem Sandsteine des König- 
steins und Winterbergs liegen. 

Freilich ist es sehr schwer, diese Fragen zu entscheiden. Im 
Quadersandstein sind die Versteinerungen vielfach sehr spärlich und 
dabei oft so schlecht erhalten, dass sich verwandte Arten nicht unter- 
scheiden lassen. Und wenn man auch den Quader eines Ortes mit 
dem Quader eines anderen Ortes oder den Pläner eines Ortes mit 
dem Pläner eines anderen Ortes vergleichen kann , so kommen 
doch die Verschiedenheiten des Pläners vom Quader viel mehr auf 
Rechnung des Faciesunterschiedes , d. h. der verschiedenen Bedin- 
gungen der Ablagerung, als des geringen Zeitunterschiedes zwischen 
ihrer Bildung. In Bezug auf die Gesteinsbeschaffenheit ist dieselbe 
Schicht^ wie der mittlere Quader zeigt, grossen Schwankungen unter- 
worfen, während verschiedene Schichten einander täuschend ähnlich 
sehen. Es ist daher sehr schwer, Verwerfungen und andere Unregel- 
mässigkeiten der Lagerung zu erkennen. Zu einer allgemeinen Ueber- 



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15] Gebirgsbau und Oberflächengestaltung der sächsischen Schweiz. 259 

sieht der Lagerungsverhältnisse bedienen wir uns am besten der Auf- 
lagerungsfläche des Quadersandsteins auf dem Grundgebirge und der 
Plänereinlagerung , von denen beiden wir annehmen dürfen, dass sie 
bei ihrer Bildung im ganzen horizontale oder sanft geneigte Ebenen 
bildeten. 



Die Auf lagerungsfläche des Quadersandsteins auf dem Grundgebirge. 

Bei der Goldenen Höhe südlich von Dresden lagert der Quader- 
sandstein in 330 m Meereshöhe auf einem Porphyr auf. Ungefähr 
die gleiche Meereshöhe hat die Auflagerung des Sandsteins auf dem 
Grundgebirge an den Gersdorfer Wänden nordwestlich von Berggiess- 
hübel und im Thale bei Bahra, also längs einer von NW zu W nach 
SE zu E (in 125°), das ist parallel der Gneiss - Schiefergrenze , ver- 
laufenden Linie. Dieselbe Richtung verbindet auch die Sandstein- 
inseln des Sattelbergs und von Jungferndorf, bei welchen die Auf- 
lagerungsfläche ebenfalls gleiche Meereshöhe (660 m) besitzt. Wir 
können daher diese Richtung als Streichrichtung der Auflagerungs- 
fläche bezeichnen und den Fallwinkel derselben aus dem Abstände der 
beiden Linien berechnen. Da dieser Abstand ungefähr 9300 m, der 
Höhenunterschied 325 m beträgt, so ist das Gefälle 2°. 

Auch zwischen Berggiesshübel und dem Sattelberge, wo die 
Zerstückelung des Sandsteingebietes dessen Auflagerung besonders 
häufig beobachten lässt, sieht man die Auflagerungsfläche im allge- 
meinen in der angegebenen Weise nach SW ansteigen. Aber doch 
nur im allgemeinen, denn mehrere Kuppen älteren Gesteins, vor allem 
das granitische Grosse Horn östlich von Gottleuba, ragen über diese 
ideale Ebene empor und erheben sich sogar höher als die heutige 
Oberfläche des benachbarten Sandsteins. Man könnte zunächst daran 
denken, die Ursache dieser Erscheinungen in Verwerfungen zu suchen, 
aber nicht nur die Sandsteinpartien nördlich und südlich, sondern auch 
östlich und westlich des Grossen Horns, also rings um dasselbe herum, 
treten in dem Niveau auf, in welchem wir sie auf Grund der beschrie- 
benen allgemeinen Streich- und Fallverhältnisse zu erwarten haben; 
nur unmittelbar am Grossen Horn selbst steigt die Auflagerungsfläche 
höher an, ohne dass doch die Schichten eine starke Aufrichtung zeigten. 
Diese Lagerungsverhältnisse stehen mit allem in Widerspruch, was 
wir von Verwerfungen wissen, lassen sich aber leicht aus der ursprüng- 
lichen Ablagerung des Sandsteins erklären. Ramsay und Richthofen 
(vgl. Führer S. 353 ff.) haben gezeigt, dass ein vordringendes Meer, 
ausser in ganz geschützten Buchten, das Land glatt hobelt, abradiert, 
ehe es sich darüber ausbreitet, dass also seine Sedimente auf eine 
sanft ansteigende Eb&e zu liegen kommen; sie haben aber auch schon 
hervorgehoben, dass einzelne feste Massen als Felsriffe oder Inseln 
aufragen werden. In der sächsischen Schweiz finden wir sowohl die 
Ebenflächigkeit der Auflagerungsfläche im allgemeinen wie das Auf- 
ragen härterer Granit- und Porphyrstöcke und Quarzitrücken über 
diese Fläche auf das glänzendste bestätigt. Diese Stöcke und Rücken 
müssen während der Cenomanzeit Küsteninseln und Halbinseln gebildet 



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260 



Alfred Hettner, 



[16 



haben und wurden erst während des Turon vom ansteigenden Meere 
bedeckt, von dessen Ablagerungen sie jedoch heute bereits wieder 
befreit sind. In dem Sandsteingebiete zwischen Freiberg und Tharandt 
hat man, wie mir Herr Oberbergrat H. Credner mitteilt, an den Por- 
phyren ein ähnliches Verhalten beobachtet. Auch das Auftreten von 
Granit und Thonschiefer an der Elbe oberhalb Niedergrund scheint 
hierher zu gehören, da der umgebende Quader von Krejci und Geinitz 
als mittlerer erkannt worden ist. 

Aber es ist fraglich, ob sich alle Unterbrechungen in der Gleich- 
mässigkeit der Auflagerungsfläche auf diese Weise erklären lassen. 
Wenn wir von der Goldenen Höhe, bei welcher wir unsere Betrachtung 
begannen, nördlich nach Dresden hinabsteigen (vgl. Figurentafel), sehen 
wir die untere Grenze der Kreideformation ebenfalls sich senken. Wäh- 
rend sie an der Goldenen Höhe in 330 m lag, liegt sie im Boderitz- 
grunde in 200 m, bei Altkoschütz in 210 m, am Hohen Stein in 
190 m über, am Antonsplatz in Dresden aber 38 m unter dem Meeres- 
spiegel. Schon zwischen der Goldenen Höhe und den nächstgelegenen 
Punkten finden wir das Gefälle etwas steiler als bisher, nämlich 2 1 /» 0 ; 
zwischen Altkoschütz und dem Antonsplatze hat sich dasselbe aufS 1 ;* 0 
vermehrt. Naumann erwähnt, dass die Quader- und Plänerschichten süd- 
lich von Dresden mitunter unter 15 0 geneigt sind ; ob ausserdem Ver- 
werfungen zu jenem Verhältnis mitwirken, ist noch nicht sichergestellt. 

Auch wenn wir von der Goldenen Höhe aus südwärts wandern, 
stossen wir auf Unregelmässigkeiten. Der Sandstein der Goldenen 
Höhe bricht in einer nicht hohen, aber ziemlich steilen Wand ab; beim 
Anstieg nach Possendorf und beim Aufstieg in der Richtung nach 
Dippoldiswalda bewegen wir uns auf Rotliegendem, das in den Herms- 
dorfer Höhen bis zu 450 m ansteigt. Wenn sich der Quadersandstein 
bis hierher fortsetzte, so würde er, unter der Annahme des gewöhn- 
lichen Neigungswinkels von 2 °, bei 470 m auf dem Rotliegenden auf- 
lagern müssen, in welcher Höhe die Auflagerung der in der Streich- 
richtung gelegenen Sandsteinpartie zwischen Neuhof und Peterswalde 
thatsächlich stattfindet. Statt dessen ist hier der Quadersandstein in 
einer viel geringeren Meereshöhe an den Südrand des genannten 
Rückens angelehnt, seine Oberfläche liegt in 360 m, und sein Boden 
wird im Oelsengrund bei 310 m noch nicht erreicht. Diese tiefe Lage 
kann ihren Grund nur in einer Verwerfung mit einer Sprunghöhe 
von 150 — 200 m haben. Dieselbe verläuft von NW nach SE, denn 
sie lässt sich von Wendisch-Carsdorf aus einerseits bis Weissig bei 
Tharandt, wo ihr Betrag jedoch etwas geringer geworden ist, andrer- 
seits über den Wilisch hinaus verfolgen. Ob sie auch hierhin aus- 
keilt, oder ob eine zweite, mehr oder weniger senkrecht darauf stehende 
Verwerfung den Uebergang zum normal gelagerten Quader vermittelt, 
ist noch nicht sicher festgestellt und wird sich auch, da der Quader 
hier fast ganz denudiert ist, nur durch Studien im Grundgebirge fest- 
stellen lassen. Von der Verwerfungslinie aus hebt sich die Auf- 
lagerungsfläche des Quadersandsteins in der Richtung nach Dippoldis- 
walda und Freiberg von neuem, jedoch, wie es scheint, nicht mit 
derselben Regelmässigkeit wie weiter östlich. 



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Gebirgsbau und Oberflächengestaltung der sächsischen Schweiz. 261 



Noch auffallender ist eine Verwerfung zwischen Cossebaude und 
Meissen, bei deren Beschreibung ich mich allerdings ganz auf die 
Beobachtungen von Naumann (Erläuterungen 5. Heft S. 343 ff.) stützen 
rnuss, weil gute Aufschlüsse gegenwärtig fehlen. Die Sandstein- und 
Plänerdecke, welche wir südlich und südöstlich von Dresden antrafen, 
zieht sich am linken Ufer der Weisseritz immer mehr zusammen und 
bildet von Cossebaude an nur noch eine, wesentlich aus unterem Pläner 
bestehende, Terrasse am Fusse der höheren Syenit- Granitplatte. Die 
Schichten liegen in dieser Plänerterrasse horizontal, nur unmittelbar 
an der Grenze sind sie auf das auffälligste aufgerichtet oder gar 
überkippt. Die Streichrichtung dieser aufgerichteten Schichten ist 
ebenso wie die der Grenze selbst NW-SE. 

Unterer und mittlerer Quader und Pläner. 

Die sächsischen Kreideablagerungen beginnen, wenn wir von 
den pflanzenführenden Schichten und anderen lokalen Bildungen ab- 
sehen, grossenteils mit dem unteren Quader, stellenweise mit dem 
unteren Pläner, der jenem äquivalent zu sein scheint, an ganz ver- 
einzelten Punkten, infolge Klippenbildung, mit höheren Horizonten. 
Aller Quader südlich von Dresden, zwischen Dippoldiswalda, Tharandt 
und Freiberg, bei Berggiesshübel, am Sattelberge, im unteren Teil der 
Tyssaer Wände ist durch Geinitz und die Präger Geologen auch 
auf paläontologischem Wege als unterer erwiesen worden. Auf den 
unteren Quader oder auch direkt auf das Grundgebirge folgt teils 
der untere und mittlere Pläner, teils, in der eigentlichen sächsischen 
Schweiz, der mittlere Quader. Obwohl derselbe erst seit kurzem 
vom unteren und oberen Quader abgetrennt wird , ist er doch ausser 
bei Rottwernsdorf auch im oberen Teile der Tyssaer Wände bis 
zum Dorfe Schneeberg und von da abwärts bis zur Schweizermühle, 
an der Elbe von Niedergrund bis Königstein und östlich bis Ditters- 
bach erkannt worden. Die Mächtigkeit des unteren und mittleren 
Quaders bezw. der sie vertretenden Plänerbildungen ist schwer zu 
beurteilen, weil die obere und untere Grenzfläche an wenigen Stellen 
übereinander vorkommen; dazu kommt, dass die Mächtigkeit bei rein 
sandiger Entwicklung wahrscheinlich grösser ist als wo der Pläner 
überwiegt; im Mittel werden wir sie etwa auf 100 m veranschlagen 
können. 

Der obere Pläner und die Plänereinlagerung. 

Ueber dem mittleren Quader folgt mit einer Grünsandsteinschicht 
und einer Mergelschicht verbunden in lokal sehr wechselnder Aus- 
bildung die Plänereinlagerung x ). Von Pirna aus, wo sie an der Kohl- 
mühle in 125 m Höhe auftritt, zieht sie sich am rechten Gehänge des 



l ) Vgl. ausser den Schriften von Geinitz, Krejci und Fric auch v. Gut- 
bier, Geogn. Skizzen S. 21 u. 88 ff. Einzelne Angaben verdanke ich Herrn Sektions- 
geologen Dr. Beck. 

Forschungen zur deutschen Landes- und Volkskunde. H. 4. 18 



262 



Alfred Hettner, 



[18 



Gottleubathaies aufwärts und erreicht zwischen Rottwernsdorf und 
Weinberg 200 — 210 ra, zwischen Neundorf und Krietzschwitz 210 
bis 220 m, zwischen Langhennersdorf und Kirchberg 310 m, an der 
Chaussee bei Hermsdorf 370 m JVleereshöhe. Auf der gegenüber- 
liegenden Thalseite findet sie sich am Abhänge des Cottaer Spitz- 
bergs. Von Hermsdorf können wir sie zur Schweizermühle verfolgen, 
wo die auf ihr entspringenden Quellen zur Begründung einer Kalt- 
wasserheilanstalt Veranlassung gegeben haben. Von hier nach Norden 
wurde sie in der Schlucht zwischen Königsbrunn und Leupoldishain 
bei 250 m, am Ausgange des Thürmsdorfer Grundes bei 140 m, viel- 
leicht im Brunnen der Festung Königstein bei 180 m angetroffen. 
Südlich von der Schweizermühle sehen wir die Quellen des Hohen 
Schneebergs auf ihr entspringen (zwischen 510 und 560 m). In dem 
Waldreviere zwischen dem Schneeberg und der Elbe ist noch wenig 
nach ihr gesucht worden. Dagegen wurde sie auf dem rechten Elb- 
ufer gegenüber Mittelgrund (über 400 m) , auf der Höhe des Pla- 
teaus bei Rosendorf (über 300 m) und an der Basis der Sandstein- 
wände von Dittersbach i. B. (etwa 260 m) gefunden. Unterhalb Herrns- 
kretschen tritt die Plänerschicht auf dem rechten Elbufer nur noch an 
wenigen Stellen zu Tage. Am Lachsfang im Polenzthale (dicht ober- 
halb Porschendorf) steht sie bei 130 m an, im Thale zwischen Mocke- 
thal und Nieder-Posta wird sie durch eine Quelle ungefähr in der- 
selben Höhe verraten, in der gleichen Höhe tritt sie auch am 
nördlichen Ende von Copitz auf, und auch im Wesenitzthale wurde 
sie von Geinitz konstatiert. Die Copitzer Schicht hat dieser Forscher 
allerdings neuerlich nach Untersuchung des Zatzschker Mergels von 
der Plänereinlagerung abgetrennt und in einen höheren Horizont ver- 
wiesen (vgl. S. 258 [14]), aber da der Zusammenhang mit den Zatzschker 
Mergeln gar kein so inniger ist, wohl aber der Copitzer Pläner als 
unmittelbare Fortsetzung des Pläners von Pirna und Cotta erscheint, 
müssen wir in diesem Punkte der älteren Ansicht von Gümbel und 
Geinitz den Vorzug geben. 

Wenn wir diejenigen Aufschlüsse der Plänereinlagerung, welche 
gleiche Meereshöhe besitzen, mit einander verbinden, so finden wir, dass 
die Verbindungslinien in der sächsischen Schweiz im allgemeinen von 
WNW nach ESE, d. i. der Elbrichtung zwischen Pirna und Schmilka 
parallel, verlaufen. Westlich von Pirna scheint sich diese Streich- 
richtung mit dem Elblaufe etwas mehr nach NW zu wenden, da wir 
sonst an der Goldenen Höhe statt des unteren Quaders schon den 
oberen Pläner finden müssten, östlich der Linie Herrnskretschen- 
Tetschen biegt dagegen die Streichrichtung mehr nach Osten um. 
Der Einfallswinkel ist in der Nähe der Elbe 1° 20', weiter davon 
entfernt 2 0 20', im Mittel 1 0 45'. 

Von Gümbel und Geinitz ist auch der Plänerkalk von Strehlen 
und Weinböhla dieser Plänereinlagerung zugezählt worden, während 
ihn die böhmischen Geologen zu den Teplitzer Schichten rechnen und 
damit über den oberen Quader der sächsischen Schweiz stellen. Bei 
Strehlen ist der Pläner ganz von Quartär umgeben und nahe einer 
Stelle , an welcher wir den unteren Quader und Pläner auffallend 



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Gebirgsbau und Oberflächengestaltung der sächsischen Schweiz. 263 



tiefliegen fanden (vgl. S. 260 [16]); aber er liegt in so geringem Ab- 
stände vom mittleren Pläner und so auffallend in der Fortsetzung der 
Plänereinlagerung, dass die stratigraphischen Verhältnisse zu Gunsten 
der Geinitz-Gümbelschen Ansicht zu sprechen scheinen. Das Gleiche 
gilt auch von dem Weinböhlaer Vorkommen, das sich von dem Strehlener 
nicht trennen lässt und gleichfalls ziemlich dicht auf den unteren 
Pläner folgt. 

Der obere Quader und die Mergelsehieht. 

Unterhalb Pirna fehlen alle jüngeren Bildungen, bei Pirna lagert 
über dem Pläner ungefähr 50 m mächtiger Quadersandstein, am 
Schneeberg, der sich zu 723 m erhebt, während wir die Plänerschicht 
daselbst zwischen 510 und 560 m fanden, ist der obere Quadersand- 
stein 160 m mächtig; der Lilienstein ist 411 m hoch und der Pläner 
steht an seinem Fusse bei 140 m an, so dass wir für den oberen 
Quader 270 m erhalten; und am Grossen Winterberg müssen wir dem- 
selben wenigstens 300 m geben, denn der Quader steht hier bis 500 m 
an, während sich die Plänerschicht keinenfalls höher als 200 m erhebt. 
Es ist also ein bedeutender Irrtum, wenn Krejci (a. a. O. S. 124) 
dem über der Plänerschicht liegenden Quadersandstein, welchen er 
ganz zu den Iserschichten rechnet, nur eine Mächtigkeit von 300' 
oder 100 m zuschreibt. 

Ausser Quadersandstein tritt jedoch in der sächsischen Schweiz 
über dem Pläner auch eine Mergelschicht auf. Dieselbe wurde von 
Geinitz zuerst in einem Eisenbahneinschnitte bei Zatzschke nördlich 
von Pirna (etwa in 170 m Höhe) näher studiert, den Baculitenmergeln 
parallelisirt und über den oberen Quader gestellt. Dieser Mergel 
scheint aber nicht unmittelbar auf dem Copitzer Grünsandstein, sondern 
ungefähr 50 m höher als derselbe zu liegen. Damit stimmt es gut 
überein, dass der für seine Fortsetzung gehaltene Mergel von Wehlen 
in 190 m Höhe liegt, während der Pläner hier ungefähr in 130 m 
Höhe zu liegen kommt. Auf der gegenüberliegenden Elbseite tritt 
ein Thon bei Naundorf in 240 m Höhe (mit verhältnismässig steilem, 
nach SW gerichteten Einfall) auf. Auch zwischen Königstein und 
Schneeberg ist der Sandstein in einiger Höhe über der Plänerschicht 
auffallend thonig, doch ist der Zusammenhang dieses thonigen Sand- 
steins mit dem Mergel von Zatzschke noch nicht erwiesen. Bei Wehlen 
wird der Mergel bereits von einigen Sandsteinbänken überlagert; nach 
SE erhebt sich der Sandstein in einer Reihe von Stufen immer höher, 
und diese Stufen müsste man als Verwerfungen betrachten, wenn der 
Mergel den oberen Quader überlagern soll. Aber dann müssten wir 
am Winterberge ungefähr in 450 m Höhe die Plänerschicht finden, 
was nicht der Fall ist, aller Sandstein darunter müsste mittlerer und 
unterer sein, während seine grobkörnige Beschaffenheit und sein lockeres 
Gefüge sowohl wie seine spärlichen Versteinerungen ihn entschieden 
als oberen charakterisieren. Die Verwerfung würde doch auch kaum 
an der Elbe Halt machen, sondern auf das linke Elbufer hinübergreifen 
und würde dort den östlich davon auftretenden Pläner in ein viel 
höheres Niveau als den westlich gelegenen gerückt haben, während 



264 



Alfred Hettner, 



[20 



wir thatsächlich keinen derartigen Gegensätzen begegneten. Der Mergel 
von Zatzschke und Wehlen kann danach nur als eine Einlagerung in 
einem ziemlich tiefen Niveau des sächsischen oberen Quaders betrachtet 
werden, eine Einlagerung, die nach Osten hin auskeilt oder versandet. 
Er ist also entweder den Priesener Mergeln der Prager Geologen gar 
nicht zu parallelisieren, oder diese liegen, wie Gümbel und Hochstetter 
meinen, nicht über, sondern zwischen dem oberen Quader Sachsens, 
der dann Iser- und Chlomecker Schichten zugleich repräsentierte. 

Ebensowenig wie die Stufen zwischen Pirna und dem Winter- 
berge haben die meisten anderen grossen Terrainstufen etwas mit Ver- 
werfungen zu thun. Eine solche Stufe findet sich am Gottleubathal, 
dessen östlicher Rand den westlichen um 80 m überragt; wäre diese 
Stufe durch eine Verwerfung bedingt, so müssten sämtliche Schichten 
am östlichen Gehänge um 80 m höher als am westlichen auftreten; 
thatsächlich aber liegen der mittlere Quader und der mittlere Pläner 
auf beiden Seiten in gleicher Höhe, rechts folgt der obere Quader, der 
links überhaupt fehlt. Die Wände des Winterbergs und Prebisch- 
thors erheben sich hoch und schroff über die Rosendorfer Ebenheit; 
diese wird von mittlerem Quader gebildet und ihm, nicht oberem 
Quader, müssten wir auch in der Höhe jener Wände begegnen, wenn 
dieselben durch Verwerfung entstanden wären. Auch weiter nord- 
westlich finden wir auf dem rechten Elbufer fast nur oberen Quader, 
während eine Verwerfung längs der Elbe den mittleren Quader und 
den Pläner in die Höhe gebracht haben müsste. Dieser findet sich 
thatsächlich, wie wir sahen (S. 262 [18]), in geringer Höhe über dem 
Elbspiegel und schliesst sich dem Pläner des linken Elbufers an. Noch 
deutlicher beweisen die Tyssaer Wände ihre Unabhängigkeit von Ver- 
werfungen, denn wenn man von ihrem Kamme, der aus mittlerem 
Quader besteht, zu dem an ihrem Fusse gelegenen Dorfe Tyssa hinab- 
steigt, so kommt man nicht von neuem auf mittleren Quader, sondern 
durch unteren Quader, dessen Vorhandensein durch zahlreiche lose 
Blöcke bekundet wird, auf Gneiss. 

In dem Profil durch die sächsische Schweiz, welches Hochstetter 
in der Allgemeinen Erdkunde gibt, erscheint die nach der Elbe hin 
abnehmende Meereshöhe der Plänerschicht und der Auflagerungsfläche 
des Quadersandsteins auf dem Grundgebirge durch zwei grosse, der 
Eibe parallel verlaufende, Verwerfungen bedingt. Aber auch zur An- 
nahme dieser Verwerfungen ist kein Anlass vorhanden, denn jene 
Höhenabnahme wird vollständig durch die sanfte Schichtenneigung 
erklärt, welche man südlich einer von Pirna nach Dittersbach i. B. 
verlaufenden Linie an zahllosen Stellen bemerken kann 1 ). Je mehr 
wir uns von SW her der Elbe oder der Kamnitz nähern, um so 
schwächer wird die Schichtenneigung; auf der Nordseite dieser Flüsse, 
bezw. der Linie Pirna- Dittersbach ist sie dem Auge im allgemeinen 
kaum mehr wahrnehmbar, die Schichten liegen horizontal, ja gegen 
die Lausitzer Granitgrenze hin tritt teilweise sogar eine Neigung in 
umgekehrtem Sinne ein. 



') Vgl. v. Gutbier, Geognostische Skizzen S. 19 ff. 



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Gebirgsbau und Oberflächengestaltung der sächsischen Schweiz. 265 



III. Die Lausitzer Granittiberschiebung. 

Die Lagerungsverhältnisse an der Grenze zwischen dem Quader- 
sandstein und dem Lausitzer Granit, Gneiss und Syenit haben seit 
langem das Interesse der Geologen in hohem Grade erregt. Nachdem 
zuerst Weiss im Jahre 1827 die Aufmerksamkeit auf die merkwürdi- 
gen Aufschlüsse von Hohnstein und Weinböhla gelenkt hatte, haben 
zahllose Geologen diese und benachbarte Punkte besucht, ist eine 
ausserordentlich umfangreiche Litteratur über dieselben entstanden x ). 
Statt dass nämlich der Quadersandstein den Granit, Gneiss und Syenit 
des Lausitzer Berglandes längs einer sanft geneigten Ebene bedeckte, 
sehen wir ihn vielmehr senkrecht gegen dieselben abstossen, steil an 
ihnen aufgerichtet oder sogar von ihnen überlagert, und an einzelnen 
Stellen steil geneigte Kalk- und Thonschichten dazwischen eingeschoben, 
welche sich durch ihre Versteinerungen unzweifelhaft als der Jura- 
formation angehörig erweisen, aber nicht in der gewöhnlichen, sondern 
in umgekehrter Reihenfolge erscheinen. 

Der nordwestlichste Punkt, an welchem die bezeichneten Störungs- 
erscheinungen auftreten, liegt östlich vom Dorfe Oberau, wo der Grämt 
mit einer unter 30 — 35° geneigten Grenzfläche deutlich über dem 
Pläner lagert, dessen Schichten unter 20 — 30 0 gegen den Granit ein- 
fallen (Cotta a. a. 0. S. 13). In den grossen Kalkbrüchen von Wein- 
böhla ist an einer Stelle der Syenit in genau derselben Weise über 
dem Pläner gelagert (Cotta S. 14), einige hundert Meter davon entfernt 
aber sieht man (vgl. Figurentafel) den ungefähr unter 10 0 nach E ein- 
fallenden, von cretaceischem Thon und Mergel überlagerten Plänerkalk 
sich plötzlich steil nach der entgegengesetzten Seite aufrichten und durch 
die senkrechte Schichtenstellung hindurch sogar noch eine überkippte Lage 
annehmen ; das Ganze wird von einer sanft westlich geneigten Fläche 
abgeschnitten, auf der diluvialer Sand mit ganz ungestörten Schichten 
lagert. Gleich dahinter sieht man auch hier den Syenit, der sich un- 
gefähr 40 m über die Oberfläche des Pläners erhebt, um sich dann 
zu einer Platte auszubreiten. 

Bis jenseits Pillnitz wird der Nordostrand des Elbthaies durch 
den Abfall dieser Syenit-Granitplatte gebildet, welcher im ganzen von 
NW nach SE verläuft, aber mehrere auffällige Krümmungen zeigt. 
Denn auf ein von NNW nach SSE gerichtetes Stück folgt zwischen 
Wackerbarths Ruhe bei Naundorf und dem Heller bei Dresden eine 



') Für das heutige Studium sind am wichtigsten: 
B. Cotta, Geognostische Wanderungen. 2. Heft. Dresden 1838, 
O. Lenz, Ueber das Auftreten jurassischer Gebilde in Böhmen. Zeitschr. 
f. d. ges. Naturw. 1870 (auch als Leipziger Dissertation). 

v. Dechen, Grosse Dislokationen. Sitzungsber. d. niederrhein. Gesellsch. 
f. Natur- und Heilkunde in Bonn. 1881. S. 14 ff., 
welche eine ausführliche Beschreibung sämtlicher Aufschlüsse enthalten, sowie 
mehrere paläontologische Arbeiten von G. Bruder in Sitzungsber. der Wiener 
Akad., LXXXIII (1881), LXXXV (1882) und XCIII (1886), und Denkschriften der- 
selben 1885, II, S. 233 ff. In der letzten Arbeit auch ein vollständiges Verzeichnis 
der Litteratur. Vgl. die zusammenfassende Arbeit desselben Autors in Lotoa Jahrb. 
f. Naturw. N. F. 7. Bd. Prag 1886, S. 1 ff. 



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Alfred Hettner, 



[22 



östlich gerichtete Strecke, dann wird bis Pillnitz die Streichrichtung 
wieder SSE bis SE, während sie von Pillnitz bis Dittersbach i. S. erst 
östlich, dann sogar nordöstlich ist. Dieser Abfall ist thatsächlich viel 
steiler, als er infolge der ihm bis zu beträchtlicher Höhe vorgelagerten 
diluvialen Sandraassen an den meisten Stellen erscheint; der Pläner 
hat sich an ihm nur in wenigen undeutlichen Fetzen erhalten, die aber 
genügend sind, um ihn als eine Fortsetzung jener Störungslinie zu 
charakterisieren; am Heller sieht man den Pläner unter 70 — 80° am 
Syenit aufgerichtet (Cotta S. 15), südlich vom Porsberg findet sich in 
halber Höhe des Abhanges (in 200 — 250 m) eine schmale Zone von 
Sandsteinklippen, welche von W nach E streichen und unter 45 — 70° 
nach S einfallen. 

Von Bonne witz an werden diese gestörten Schichten nicht mehr 
von Quartärbildungcn bedeckt, sondern erscheinen als Grenz Wächter 
für die ausgedehnten horizontalen oder schwach geneigten Sandstein- 
massen, welche von hier aufwärts beide Seiten des Elbthales einnehmen. 
Aber im ganzen lässt sich die Grenze nur mangelhaft beobachten. 
Zwischen Dittersbach i. S. und Eschdorf fand Naumann die Quader- 
sandsteinbänke, ähnlich wie südlich vom Porsberge, unter 30° vom 
Granit abfallend und zugleich mit glatten Reibungsflächen versehen, 
die sich von hier der Grenze entlang bis jenseits Zittau verfolgen 
lassen, während sie mitten im Sandsteingebiete fast niemals ge- 
funden wurden (Cotta S. 16). Von hier zieht sich die Grenze noch 
bis zum Wesenitzthale , welches sie südlich von der Dittersbacher 
Brücke erreicht, in nordöstlicher Richtung, wendet sich dann aber 
wieder nach Südost, um diese Richtung bis in die Gegend von 
Schandau beizubehalten. In der einspringenden Ecke von Dittersbach 
erhebt sich der Quadersandstein, der hier bis zu 330 m hoch liegt, 
ähnlich wie bei Zittau, beträchtlich über das angrenzende Granitterrain, 
aber schon bei Dobra lehnt sich der Sandstein wieder an den Granit 
an ; die Grenze liegt hier bei 300 ra , um sich jedoch am Hutberg 
westlich von Hohburkersdorf auf 380 m zu erheben. Freilich besitzt 
nur ein schmaler Sandsteinstreifen diese Höhe, während die eigent- 
liche Platte 60 m tiefer liegt. Der Sandstein scheint hier sanft nach 
W einzufallen , umherliegende Bruchstücke eines lichtblauen Kalkes 
deuten vielleicht das Auftreten der Juraformation an. Nach Rathe- 
walde hin wird die Oberfläche des krystallinischen Gesteins, das hier 
sicher Gneiss ist, allmählich niedriger und tritt direkt an die Sand- 
steinplatte heran. Beim Gasthof zum Hockstein wird ein nach S ein- 
fallendes Konglomerat (oder vielmehr Breccie) abgebaut, das aus eckigen 
Bruchstücken von thonigem Kalkstein und feinkörnigem Oolith besteht, 
reich an Pholaden ist und von Geinitz 1 ) dem unteren Quader zuge- 
rechnet wird. Unmittelbar nördlich davon finden wir, in etwas grösserer 
Höhe, den Gneiss nach ESE, also parallel der Sandsteingrenze, streichend 
und unter 30° nach NE einfallend; gleich südlich davon tritt der 
obere Quader auf, der schon in geringer Entfernung regelmässig hori- 
zontal gelagert ist, unmittelbar an der Gneissgrenze aber, wie man 

*) H. B. Geinitz, Elbthalgebirge I, S. 63. 



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23] Gebirgsbau und Oberflächengestaltung der sächsischen Schweiz. 267 

beim Abstieg zum Polenzthal bemerken kann und wie durch Schürfe 
noch klarer gezeigt wurde (Cotta S. 17), teils unter einem Winkel von 
10° dem Gneiss zugeneigt ist und von demselben überlagert wird, 
teils auch, unter steilerem Winkel (40 °), von demselben abfällt. Beim 
Abstieg ins Thal weicht die Grenze (vgl. Cotta Tafel 1) nach NE 
aus, um beim Anstieg auf der anderen Thalseite in die Verlängerung 
der alten Streichrichtung zurückzukehren, ein Beweis, dass die Grenz- 
fläche nach NE einfällt. Auf dieser anderen Thalseite liegt das 
Städtchen Hohnstein und gleich hinter demselben die Kalkgrube, welche 
den berühmtesten Punkt der ganzen Grenze bildet, aber heute lange 
nicht mehr so gut wie früher aufgeschlossen ist. In dieser Grube 
sind oder waren verschiedene Kalke, Mergel, Thone und Sandsteine 
aufgeschlossen, die unter 37 — 47° unter den Granit (Gneiss) ein- 
schiessen und sich durch ihre Versteinerungen deutlich als Glieder der 
Juraformation erweisen, und zwar so, dass die zuoberst liegenden 
Schichten einem älteren, die zuunterst liegenden Schichten einem 
jüngeren Gliede derselben angehören, denn es folgen, wie Bruder 
gezeigt hat , von oben nach unten Kelloway , Oxford, Corallien und 
Kimmeridge. Auch bei Versuchsbauen zwischen Hohnstein und dem 
tiefen Grunde fanden sich zwischen dem Sandstein und dem unter 
20 — 25° darüber liegenden Granit mergelige und thonige Glieder ein- 
geschaltet. Von da aber bis Saupsdorf ist die Juraformation bisher 
nicht gefunden worden, obwohl die Grenze zwischen Quadersandstein 
und Granit mehrfach von Thalläufen durchschnitten wird. 

Von Hohnstein zieht sie zuerst in südöstlicher Richtung über den 
tiefen Grund und das Sebnitzthal hinüber, um südlich von Altendorf 
auch die Kirnitzsch zu kreuzen und am Gehänge der Hohen Liebe 
hoch hinanzusteigen, sich dann aber nach Osten zu wenden, auf die 
Nordseite der Kirnitzsch zurückzutreten und mit Ausnahme einer 
kleinen Strecke oberhalb der Lichtenhainer Mühle auf derselben zu 
verbleiben. Der unmittelbare Kontakt ist meist im Gebüsch der Ge- 
hänge verborgen, so dass die Lage der Grenzfläche erst bei genauer 
kartographischer Aufnahme festgestellt werden wird. Am Kirnitzsch- 
berge und am Eingange des nassen Grundes sieht man die Sandstein- 
bänke unter 15 — 20° nach E geneigt, und bei der Lichtenhainer 
Mühle und bei Schandau scheinen sie sanft dem Granit zuzufallen. 
Gutbier (S. 53) fand an diesen Grenzpunkten einzelne fast glasharte 
Sandsteinblöcke mit ausgezeichneten Reibungsflächen, die oft an einer 
Stelle glatt poliert, an einer anderen mit Frictionsstreifen versehen 
sind, und zeichnet mit Eisenocker erfüllte Klüfte und Geoden im Sand- 
stein, deren Entstehung er ebenfalls mit der Granitgrenze in Zu- 
sammenhang bringt. 

Bei Saupsdorf ist die Grenze wieder durch Grubenbaue schön 
aufgeschlossen (Cotta S. 34 f.). Die Grenze fällt mit 30°, im Stollen 
ungefähr mit 60° unter den Granit ein; zwischen diesem und dem 
Sandstein, der im nahen Kirnitzschthale völlig horizontal liegt, liegt 
eine nach beiden Seiten zu sich bald auskeilende Masse von Mergel 
und gelbem Kalkstein, welche zwar noch keine Versteinerungen ge- 
liefert hat, aber der Analogie nach als Jura gedeutet werden m uss - 



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Alfred Hettner, 



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In einem alten Kalkbruche östlich von Hinterherinsdorf fand Lenz 
(a. a. 0. S. 4) in der That auch einige Jura Versteinerungen auf. In 
Bezug auf die Lagerungsverhältnisse sind aber die Ergebnisse einiger 
Versuchsbaue viel lehrreicher, welche man im Jahre 1834 in dieser 
Gegend vornahm, um auf fiskalischem Grunde Kalkstein zu finden 
(Cotta S. 36 ff.). In unmittelbarer Nachbarschaft fand man hier die 
Grenze ziemlich verschiedenartig ausgebildet; teils stand sie senkrecht, 
teils war sie nach N, also vom Sandstein ab, geneigt, und zwar ver- 
minderte sich diese Neigung bis auf 10°, so dass der Granit weit 
über den Sandstein hinüber$;eschoben war. Dieser stiess teils mit 
horizontalen Bänken gegen den Granit ab, teils war er bis zu 20° 
gegen den überliegenden Granit geneigt, jedoch war die Neigung 
immer weniger steil als die Grenzfläche. Dieser parallel fand sich 
meist eine dünne Lage von Sand , Thon , Mergel oder Kalk zwischen 
Granit und Sandstein eingeschaltet. Eine Aufrichtung der Sandstein- 
schichten am Granit wurde hier nirgends bemerkt, dagegen ruhte an 
einer Stelle, am Benediktstein, horizontal geschichteter Sandstein ohne 
fremdartige Zwischenlagerung auf dem Granit auf. 

Wenige Kilometer östlich vom Benediktstein liegt, oder lag viel- 
mehr, schon auf böhmischem Gebiete, der Kalkbruch von Sternberg, 
der ebenso wie die folgenden Aufschlüsse von dem späteren Afrikareisen- 
den Lenz beschrieben worden ist. Die Grenze geht hier aus ihrer öst- 
lichen Richtung eben wieder in eine südsüdöstliche Richtung über, die 
sie etwa bis Kreibitz beibehält. Der Kalkstein mit den zugehörigen 
Thonen, die nach Bruder die Oxfordgruppe, d. h. die unterste Abteilung 
des weissen Jura, repräsentieren, bilden eine linsenförmige Einlagerung 
an der Grenze von Granit und Quadersandstein, die von NW nach SE 
streicht und unter 30 — 35° nach NE, also dem Granit zu, einfällt. 
Hier aufgefundene Belemniten zeigen ganz ähnliche Knickungen und 
Verdrückungen, wie sie in Faltengebirgen beobachtet worden sind 1 ). 
Bei Kbaa, am nordwestlichen Fusse des phonolithischen Maschken- 
berges, sind die Lagerungsverhältnisse nicht mehr aufgeschlossen; die 
Versteinerungen weisen jedoch darauf hin, dass hier ausser dem weissen 
auch brauner Jura vertreten ist. Gerade im Gegensatze zu dieser 
Stelle hat ein Bruch am Südfusse des Maschkenberges, östlich von 
Neu-Daubitz, so gut wie keine Versteinerungen geliefert, lässt aber 
die Lagerungsverhältnisse ziemlich deutlich erkennen 2 ). Kalk und 
Thon, die vermutlich der Juraformation angehören, sind auch hier 
zwischen den Granit und den eigentlich horizontalen Quadersandstein 
eingeschaltet und fallen, bei südsüdöstlicher Streichrichtung, nach dem 
Granit hin ein, aber nicht unter gleichbleibendem Winkel, sondern 
sich nach oben allmählich flacher legend; in diesem flacheren Teile 
setzt ein etwa 20 m mächtiger senkrechter Gang von Basalt hindurch, 
welcher nach dem Rande hin höchst auffallende Umwandlungserschei- 
nungen zeigt. 

') Bruder, in den Sitzungsber. d. Wien. Akad. 1881, 1. Abtlg., S. 51. 

2 ) Die Darstellung der Lagerungsverhältnisse, welche nicht ganz mit der 
von Lenz gegebenen übereinstimmt, beruht auf Besuchen der Oertlichkeit am 
6. September 1886 und am 20. Mai 1887. 



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Gebirgsbau und Oberflächengestaltung der sächsischen Schweiz. 269 



Hier können wir die Betrachtung dieser Grenzlinie abschliessen, 
welche mit ähnlichen Störungserscheinungen am Nordfusse des Oybin 
und am Südfusse des Jeschkengebirges entlang bis über Liebenau 
verfolgt worden ist. 

Man hat diese merkwürdigen Lagerungsverhältnisse auf ver- 
schiedene Weise zu erklären versucht. a Weiss hielt dafür, Granit 
und Syenit seien als feste Gesteine zugleich mit den Hohnsteiner 
Kalksteinschichten durch plutonische Kräfte über die Glieder der 
Kreideformation hinweggeschoben worden." Kühn und Klipstein be- 
trachteten ebenfalls den Granit für älter als den Quadersandstein, aber 
meinten, dass dieser nebst den Hohnsteiner Schichten, die sie für 
Pläner erklärten, unter überhängenden Klippen desselben abgelagert 
worden wäre. Naumann dagegen dachte sich ursprünglich den Granit 
und Syenit erst nach der Kreidezeit in heissflüssigem Zustande empor- 
gequollen, und Leonhard bildete diese Ansicht dahin aus, dass der 
durchbrechende Granit vorhandene ältere Gesteine über den Quader- 
sandstein geschoben habe 1 ). 

Am leichtesten lässt sich die Kühn-Klipsteinsche Theorie wider- 
legen, denn der Ueberhang des Granites und Syenites ist stellenweise 
so bedeutend, dass er unmöglich erst später durch untergelagerte Ge- 
steine gestützt worden sein kann; dazu würde die überkippte Lage 
der Jurabildungen unerklärt bleiben. Aber auch für jüngere Eruptiv- 
bildungen können wir die den Quadersandstein überlagernden krystal- 
linischen Gesteine nicht ansehen, denn nirgends zeigen sich Apophysen 
derselben im Sandstein, nirgends finden sich Sandsteinbruchstücke im 
Granit, wohl aber Granitbruchstücke in den Konglomeraten der Jura- 
und Kreideformation; der Syenit von Weinböhla lässt sich nicht von 
dem Syenite des Plauenschen Grundes trennen, welcher vom Quader 
und Pläner auf weite Erstreckung überlagert wird; das Gestein von 
Hohnstein ist deutlich geschichtet und wird passender als Gneiss denn 
als Granit bezeichnet, und südöstlich von hier, am Jeschkengebirge, 
ist der Sandstein an unbezweifelt sedimentärem Thonschiefer aufge- 
richtet. Man ist deshalb zu der im wesentlichen schon von Weiss 
geäusserten Ansicht zurückgekehrt, dass der Granit und Gneiss der 
Lausitz älter als der Quadersandstein, und dass die jetzigen Lagerungs- 
verhältnisse die Folge einer späteren Bodenbewegung seien. Dies Resultat 
entspricht ganz den Anschauungen, welche man heute überhaupt über 
die Entstehung der Gebirge gewonnen hat, da man die Ursache der- 
selben, mit ganz wenigen Ausnahmen, nicht mehr in der Einwirkung 
eruptiver Gesteine, sondern in den allgemeinen physikalischen Ver- 
hältnissen unseres Planeten sieht. 

Nattirlich ist es von grosser Bedeutung zu wissen, welcher Art 
diese Bodenbewegung gewesen ist. Dass man es mit keiner eigent- 
lichen Faltung zu thun hat, wie sie die Alpen, den Schweizer Jura 
und andere Gebirge erzeugte, ist leicht einzusehen, denn der Quader- 
sandstein tritt mit beinahe horizontalen Bänken an die Dislokations- 



') Vgl. Cotta a. a. 0. S. 4 ff. Naumann änderte später seine Auffassung 
und schloss sich der Weiss sehen Ansicht an. Vgl. Geognosie I, S. 931. 




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Alfred Hettner, 



[26 



linie heran und tritt nicht zwischen den archäischen Gesteinen des 
Lausitzer Berglandes von neuem auf, wie er es bei einer Faltung 
müsste. Freilich haben auch in dieser Gegend, wie wir sahen, Fal- 
tungen stattgefunden, aber dieselben gehören viel älteren Erdperioden 
an und waren beim Vordringen des Kreidemeeres längst abgeschlossen. 
Die Dislokation, mit der wir uns beschäftigen, kann aber erst nach 
der Ablagerung des Quadersandsteins stattgefunden haben , da dieser 
eben gestört erscheint. Sie war dagegen beim Absätze des Sandes 
von Weinböhla und wahrscheinlich auch bei der Bildung des Basalt- 
ganges von Neu-Daubitz vollendet, da derselbe die gestörten Schichten 
senkrecht durchschneidet. Nun werden wir sehen, dass die Basalt- 
durchbrüche grossenteils in oligocäner Zeit erfolgt sind, so dass die 
Entstehung der Dislokation wahrscheinlich ebenfalls in obgocäne oder 
auch schon in eocäne Zeit fällt. Für eine sicherere und genauere Zeit- 
bestimmung liegen in unserem Gebiete keine Anhaltspunkte vor; viel- 
leicht wird die Untersuchung der Gegend von Zittau dieselben einst 
gewähren. 

Unsere Dislokation trägt also wesentlich den Charakter einer Ver- 
werfung, bei welcher zwei in sich unveränderte Erdschollen in verti- 
kaler Richtung gegeneinander verschoben worden sind. Stellenweise 
ist die Verwerfung längs einer senkrecht stehenden Verwerfungsfläche 
ohne weitere Störung erfolgt; der nordöstliche, Lausitzer, Flügel er- 
scheint gegenüber dem südwestlichen , Elbthalflügel, gehoben. Aber 
ob dieses Resultat aus einer wirklichen Hebung desselben oder aus 
einem Absinken des anderen Flügels oder aus einer gleichsinnigen, 
aber ungleich grossen Bewegung beider hervorgegangen ist, lässt sich 
zunächst nicht beurteilen. An anderen Stellen fanden wir die Sand- 
steinschichten am archäischen Gesteine aufgerichtet; die Schichten sind 
also an der Verwerfung geschleppt worden, was gleichfalls sowohl 
bei einer Hebung des einen wie bei einer Senkung des anderen 
Flügels geschehen sein kann. Ob die Verwerfungsfläche, statt senk- 
recht zu stehen, mitunter vom Granit abfällt, ist nicht bekannt, da- 
gegen sahen wir sie vielfach steil oder auch ganz flach dem Granit 
zufallen, also den Sandstein schräg nach oben abschneiden; die Sand- 
steinschichten selbst erscheinen teils unverändert, teils beugen sie sich 
unter die schräg liegende Dislokationsfläche und den darauf lagernden 
Granit hinab. Diese Ueberschiebungen des Granits über den Sand- 
stein lassen sich nur als eine wesentlich horizontale Bewegung des 
ersteren auffassen, welche zu der im ganzen wichtigeren vertikalen Be- 
wegung hinzutritt. Die einfachere Annahme ist daher, auch diese 
vertikale Bewegung dem Granit zuzuschreiben, aber möglich ist es 
auch, dass der Sandstein absank und nun erst der Granit sich über 
denselben ausbreitete oder, nach dem Ausdrucke von Suess l ), rückge- 
faltet wurde ; die Schichtenneigung der Randzone des Quadersandsteins 
kann ebensogut Anlass wie Wirkung der Ueberschiebung sein. Auch 
die komplizierteren Störungserscheinungen, welche wir bei Weinböhla, 
Hohnstein u. s. w. fanden, geben uns über die Art der Verwerfung keinen 



») Antlitz der Erde I, S. 181. 



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27] Gebirgsbau und Oberflächengestaltung der sächsischen Schweiz. 271 

Aufschluss, denn sie bestehen lediglich in einer Vereinigung von 
Schleppung und Ueberschiebung. Bei Weinböhla wurde nur eine ober- 
flächliche Schicht des südwestlichen Flügels, der Plänerkalk, von dieser 
Aufrichtung und Ueberkippung betroffen, am Hockstein dagegen wurde 
das unterste Glied der Kreideablagerungen, ein kalkiges Konglomerat, 
bei Hohnstein, Saupsdorf, Hinterhermsdorf, Sternberg und am Maschken- 
berge wurden unter dem Quadersandstein liegende Fetzen der Jura- 
formation heraufgezogen und zwischen Sandstein und Granit eingepresst. 

Der Charakter der Dislokation lässt sich also vorläufig noch nicht 
mit Sicherheit bestimmen ; es ist möglich, dass einfach der nordöstliche 
Flügel teils gerade, teils schräg nach aufwärts geschoben wurde, aber 
es ist auch möglich, dass die Bewegung in erster Linie in einem Ab- 
sinken des südwestlichen Flügels bestand, über dessen Rand sich dann 
der nordöstliche Flügel ausbreiten konnte. Vielleicht werden sich bei 
der geologischen Kartenaufnahme, bei welcher man natürlich die Ver- 
hältnisse viel eingehender studieren wird, als wir es konnten, zwischen 
den westöstlich und den von NW nach SE gerichteten Strecken der 
' Dislokation charakteristische Unterschiede herausstellen, welche auf die 
Entstehung derselben überhaupt ein helleres Licht werfen. 

Der Quadersandstein muss einst auch die Lausitzer Platte oder 
wenigstens den nach der sächsischen Schweiz hin gelegenen Rand 
derselben bedeckt haben, denn es lässt sich kein Grund denken, warum 
die Verwerfung gerade mit der Bildungsgrenze des Sandsteins zu- 
sammenfallen sollte. Und zwar müssen die untersten Glieder des 
Sandsteins dem Granit zunächst aufgelegen haben , da sie ja gerade 
an der Verwerfung geschleppt worden sind. Nur an wenigen Punkten 
finden wir den Sandstein noch auf der Platte erhalten, nämlich am 
Benediktstein bei Hinterhermsdorf und in einer etwas grösseren Partie 
bei Weissig nördlich von Pillnitz. Hier wird er südlich von dem 
granitischen Trieben- und Porsberg, nördlich von den Amygdalophyr- 
hügeln des Hut-, Linden- und Hermsberges überragt. Soweit die 
schlechten Aufschlüsse erkennen lassen, ist die Lagerung horizontal; 
die gefundenen Versteinerungen weisen den hiesigen Quader und 
Pläner der untersten Abteilung zu, wodurch sie einen auffallenden 
Gegensatz zu dem oberen Quadersandstein des am Fusse der Ver- 
werfung gelegenen Liebethaler Grundes bilden. 

Die Erwägung, dass Quadersandstein einst die Platte bedeckte, 
gibt uns auch einen Massstab zur Beurteilung der Grösse der Dis- 
lokation. Denn die Sohle des Quadersandsteins , die ungefähr 100 m 
unter der Plänerschicht liegt (vgl. S. 261 [17]), muss sich ur- 
sprünglich mindestens in der Höhe der Platte befunden haben. Bei 
Hinterhermsdorf können wir diese in 400 m, die Basis der Kreide in 
100 m setzen, so dass die Verwerfung 300 m beträgt. Ungefähr 
denselben Wert erhalten wir bei Rathewalde und Hohnstein, da hier 
die Granitplatte 350 m hoch ist und die Sohle des Sandsteins unge- 
fähr in 50 m liegen muss. Ebenso bei Pillnitz , wo diese sich etwa 
im Meeresspiegel befindet und der Sandstein von Weissig in 280 m 
auflagert. Bei Dresden beträgt die Differenz zwischen dem Boden der 
Kreideablagerungen, der 40 m unter dem Meeresspiegel liegt (vgl. 



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Alfred Hettner, 



[28 



S. 2G0 [1(3]) und der Höhe der Granitplatte (200 m), in welcher wir die 
alte Auflagerungsfläche des Sandsteins zu sehen geneigt sind, nur noch 
240 m, obgleich die Sohle des Sandsteins gerade bei Dresden aus- 
nahmsweise tief liegt. Nach Meissen zu scheint sich dieselbe wieder 
zu heben, da wir in 100 — 150 m Höhe horizontal gelagerten unteren 
und mittleren Pläner finden und bei Koswig innerhalb der Elbaue 
bereits Syenit auftritt. Da die Platte dagegen hierher etwas niedriger 
geworden ist, würde die Dislokation kaum mehr als 100 — 150 m 
betragen. Die Sprunghöhe der Verwerfung scheint also nach NW 
hin abzunehmen, der nordwestliche Teil des Elbthales also verhältnis- 
mässig wenig abgesunken, bezw. der nordwestliche Teil der Lausitz 
verhältnismässig wenig gehoben zu sein. 



IV. Die erzgebirgische Bruchlinie und die Bildung der 

Basaltkegel. 

Die erzgebirgische Flexur. 

Der Südrand der sächsischen Schweiz ist nicht so scharf ausgeprägt 
wie der Nordostrand, aber auch nicht so unbestimmt wie der West- 
rand. Er ist nicht wie dieser auf Denudation, sondern wie jener auf 
eine Dislokation zurückzuführen, aber die Dislokation ist nicht wie dort 
eine scharfe Linie, sondern bildet einen oft mehrere Kilometer breiten 
Streifen. 

Die Sandsteinschichten, welche wir bisher, von der unmittelbaren 
Grenze der Lausitzer und der Cossebauder Dislokation abgesehen, immer 
in horizontaler oder ganz sanft nach N bis NE geneigter Lagerung 
angetroffen haben, fallen in der Nähe von Tetschen und längs einer 
von hier nach WSW und ENE verlaufenden Linie ungefähr unter 
einem Winkel von 20° nach Süden ein und werden bald von den 
Basalten und Phonolithen des böhmischen Mittelgebirges überdeckt. 
Wir haben es also mit einer Form der Dislokation zu thun, welche 
man erst neuerdings besser gewürdigt und als Flexur oder auch als 
monoklinale Falte bezeichnet hat 1 ). Die Flexuren sind häufig mit 
Brüchen vergesellschaftet und scheinen besonders nach der Tiefe in 
diese überzugehen; auch ihrem Wesen nach sind sie am nächsten mit 
den Brüchen verwandt, von denen sie sich eigentlich nur dadurch 
unterscheiden, dass der Zusammenhang zwischen den beiden Flügeln 
im ganzen gewahrt bleibt, so dass man sie auch als Brüche mit voll- 
kommen geschleppten Flügeln auffassen kann. Damit soll jedoch nicht 



') SueBs, Das Antlitz der Erde I, S. 171. 



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Gebirgsbau und Oberflächengestaltung der sächsischen Schweiz. 273 



gesagt sein, dass die Schichtenbeugung eine wirklich bruchlose sei, wie 
es Heim u. a. für viele wahre Falten nachgewiesen haben; nur bei 
genauer Untersuchung wird man unterscheiden können, in welchem 
Umfange der Zusammenhang der Schichten durch die Dislokation oder 
durch Erosion zerstört ist. 

Auch die Flexur am Südrande der sächsischen Schweiz steht mit 
einem Bruche in Verbindung und ist gewöhnlich einfach als Bruch 
bezeichnet worden. Sie ist ein Teil des grossen Bruches, welcher den 
ganzen Südrand des Erzgebirges begleitet und den mauerartigen Ab- 
sturz desselben erzeugt, während dasselbe Gebirge nach Norden hin 
ganz sanft abgedacht ist. Der westliche Teil dieses Absturzes scheint 
durch einen eigentlichen, teilweise staffelformig abgestuften, Bruch ge- 
bildet zu sein. Die Kreideschichten jedoch, welche von Ossegg an am 
Gebirgsfusse auftreten, sind stets unter 20—40°, mitunter sogar unter 
60° nach Süden geneigt und haben sich einst auch an den höheren 
Teilen des Abhanges hinan bis auf den Kamm des Gebirges ge- 
zogen, wo gegenwärtig am Sattelberg das westlichste Vorkommen ist. 
Da der untere Quader hier in 700 m Höhe liegt, am Gebirgsfusse 
aber mindestens bis 150 m einfallt, erreicht die Niveauveränderung 
hier einen Betrag von wenigstens 500 — 600 m; weiter westlich war 
sie jedenfalls noch bedeutender, da der Kamm daselbst bis 1300 m 
aufragt, während dieselben Gesteine am Fusse unter 200 m liegen. 
An der Nollendorfer Wand und südlich des Schneeberges begegnet man 
den geneigten Sandsteinschichten am Fusse sowohl wie in beträcht- 
licher Höhe. Auf beiden Seiten der Elbe etwas unterhalb Tetschen 
kann man sehen, wie die horizontalen Schichten der hier 400 m hohen 
Sandsteintafel sich erst langsam nach Süden neigen und dann, im 
Pfaffenhübel und Quaderberg, steiler zur Peiperzer Schlucht und zur 
Stadt Tetschen abstürzen. Aber südlich der Peiperzer Schlucht und 
südlich der Stadt Tetschen zeigen die 280 m hohe Schäferwand und 
der Tetschener Schlossberg ebenfalls nach Süden einfallende Sandstein- 
bänke, die erst jenseits Bodenbach und des Polzenthales unter den 
Basalt des Poppenberges und der Kollmener Scheibe einkriechen. Nach 
Krejci *)i treten bei dem Dorfe Kalmwiese am oberen Ende der Peiperzer 
Schlucht, bei Bodenbach und in Tetschen Baculitenmergel auf, weshalb 
er längs der Peiperzer Schlucht eine Verwerfung mit gehobenem 
Südflügel, also eine dem Schichteneinfall entgegenwirkende Verwerfung, 
verlaufen lässt. Da wir jedoch sogenannte Baculitenmergel an anderen 
Stellen von mächtigen Sandsteinmassen überlagert fanden (vgl. S. 263 f. 
[19 f.]), wollen wir auch dieser Verwerfung gegenüber noch eine gewisse 
Skepsis bewahren. Von Tetschen wurden die Mergel über Loosdorf, 
Günthersdorf und Alt- Ohlisch bis gegen Böhmisch-Kamnitz verfolgt, 
wo darüber noch Quadersandstein lagert. Diesen rechnen die Prager 
Geologen den Chlomecker Schichten zu und stellen ihn in ein höheres 
Niveau als die Iserschichten des Winterberges, aber da sich der unter 
den Mergeln liegende Quader ziemlich direkt an den die Weissenberger 
und die untersten Schichten des Isersandsteins repräsentierenden Sand- 



l ) Archiv d. böhmischen Landesdurchforschung I, 2, S. 75, 108 u. 128. 



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274 



Alfred Hettner, 



[30 



stein der Binsdorf-Rosendorfer Ebenheit anschliesst, gehört der Sand- 
stein von Böhmisch-Kamnitz wohl mit dem Sandstein des Winterberges 
zusammen , während die gleichen Schichten in dem Zwischenräume 
grossenteils weggewaschen sind. Oestrich von Böhmisch-Kamnitz ist 
die Flexur meist unter Basalt und Phonolith verborgen. Ungefähr 
am Fusse der Lausche muss sie an die Lausitzer Dislokationslinie 
stossen; ob sie an derselben abbricht, sich umbiegt oder ungestört 
darüber hinaus fortsetzt und etwa die Ursache des tiefen Zittauer 
Beckens bildet, ist noch nicht untersucht worden, obwohl die genaue 
Untersuchung dieser Berührungsstelle nicht nur für die Mechanik der 
Dislokationen, sondern auch für die Erkenntnis ihres relativen Alters 
von grossem Interesse sein würde. 

Auf den geneigten Kreideschichten lagern an vielen Stellen 
Tertiärschichten und zwar nach dem Urteile der neueren Beobachter 
in konkordanter Lagerung auf 1 ). Die Tertiärschichten sind im unteren 
Teile entweder Sandstein oder ein lockerer Sand mit harten quarziti- 
schen Bänken und Blöcken, im oberen Teile lichte oder bunte Thone 
mit etwas Braunkohle; sie entsprechen also vollkommen der Knollen- 
steinzone oder der untersten Abteilung des sächsischen Tertiärs, welche 
Herrn. Credner als unteres Oligocän gedeutet hat 2 ). Sie sind jeden- 
falls Süsswasserbildungen und werden teils als See-, teils als Fluss- 
absätze aufgefasst. Vom Leipziger Flachlande aus, wo sie in geringer 
Höhe über dem Meeresspiegel erbohrt worden sind, steigen sie all- 
mählich zum sächsischen Mittelgebirge und über das erzgebirgische 
Becken hinweg zum Kamme des Erzgebirges an, wo sie sich jedoch 
nur an wenigen Punkten, unter dem Schutze von Basalt- oder Phono- 
lithdecken, erhalten haben. Vom Kamme des Erzgebirges senken sie 
sich plötzlich in die Tiefe des nordböhmischen Beckens, um jedoch 
auf dem Karlsbader Gebirge wieder in grösserer Höhe (etwa bei 
700 m) aufzutreten. Hochstetter 3 ) hat diese Lagerungsverhältnisse 
wohl zuerst richtig gedeutet, indem er im Gegensatze zu Jokely u. a. 
zeigte, dass die Bildung der erzgebirgischen Flexur und der Einbruch 
des nordböhmischen Beckens erst nach dem Absätze dieser Tertiär- 
schichten erfolgt sein könne, und dass das Karlsbader Gebirge ein stehen- 
gebliebener Rest des im ganzen abgesunkenen Südflügels sei. Dass 
der Einbruch bald nach der älteren Oligocänzeit erfolgt ist, geht aus 
der Lagerung der jüngeren Bildungen hervor. 

Auf den genannten Sanden und Thonen lagern fast überall 
Basalt- und Phonolithdecken nebst den dazu gehörigen Tuffen auf, 
selber wieder von basaltischen und phonolithischen Gängen und Stöcken 
durchsetzt 4 ). Und auf diese oder wenigstens auf die Hauptmasse 
derselben, da einzelne Basalte und Phonohthe jünger zu sein scheinen, 



') Vgl. Laube, Geologische Exkursionen im Thermalgebiet des nordwest- 
lichen Böhmen. Leipzig 1884, S. 39. 

*) Credner, Das Oligocän des Leipziger Kreises. Zeitschr. d. deutsch, geol. 
Gesellsch. XXX (1878), S. 615 ff. 

8 ) Jahrb. d. geol. Reichsanstalt 1856, S. 185 f. 

*) Vgl. z. B. Boficky im Archiv f. böhm. Landesdurchforschung, Tl. Bd. 
I. Abtig., 2. Teil, S. 212 ff., sowie Laube a. a. 0. S. 20 ff. 



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Gebirgsbau und Oberflächengestaltung der sächsischen Schweiz. 275 



folgen wieder gewöhnliche Sedimente, zu denen auch das Hauptbraun- 
kohleuflötz gehört, und die für Oberoligocän oder Untermiocän ge- 
halten werden 1 ). Während die älteren Tertiärschichten durch ganz 
Nordböhmen gleichmässig ausgebildet sind, in den verschiedensten Höhen 
auftreten und oft eine steile Neigung zeigen, finden sich die jüngeren 
in drei verschiedenen Becken und sind nicht mehr aufgerichtet, son- 
dern nur noch schwach verworfen. Die Häufigkeit der Erdbeben 
spricht dafür, dass die Bodenbewegungen auch heute noch nicht ganz 
erloschen sind 2 ), aber das Resultat dieser Bewegungen ist verschwindend 
gering gegenüber dem grossen Einbruch der mittleren Oligocänzeit. 
Die tiefe Lage der Quartärbüdungen bei Dresden, aus welcher Penck 
eine stärkere Fortdauer der Gebirgsbewegung gefolgert hat 3 ), scheint 
in ganz anderen Umständen, nämlich in der Existenz eines anderen 
präglacialen Elblaufes unterhalb Dresden (zwischen Oberau und Grossen- 
hain), begründet zu sein. ... 

Wenn aber die Gebirgsbildung im ganzen auf eine geologisch 
kurze Periode, nämlich auf die mittlere Abteilung der Oligocänzeit, 
beschränkt war, so braucht man darum noch nicht zur Kataklysmen- 
theorie zurückzukehren und an momentane Ereignisse zu denken. Die 
mittlere Oligocänzeit mag viele Jahrtausende repräsentieren, und die 
Bodenbewegung würde für ein menschliches Auge, wenn Menschen 
damals schon unseren Planeten bevölkert hätten, kaum wahrnehmbar 
gewesen sein. Mit der Bodenbewegung ist heute auch die vulkanische 
Thätigkeit erloschen, welche an dieselbe geknüpft war, und nur noch 
eine Reihe von Thermen bezeugen, in einer für den Menschen wohl- 
thätigeren Weise, das Vorhandensein von Spalten in diesem Gebiete. 

Die Basaltkegel. 

Es liegt ausserhalb unserer Aufgabe, eine eingehende Schilderung 
des böhmischen Mittelgebirges zu geben *) ; wir müssen nur auf einige 
Punkte hinweisen, welche für das Verständnis der sächsischen Schweiz 
von Bedeutung sind. Wir hörten schon, dass die jüngeren Tertiär- 
bildungen in drei getrennten Becken abgelagert sind, welche das vul- 
kanische Mittelgebirge vom Erzgebirge trennen. Noch vom Mücken- 
türmchen oder der Nollendorfer Höhe blicken wir in ein solches 
Becken, das Teplitz-Duxer Becken, hinab. Wenig östlich davon aber 
sehen wir die jüngeren Tertiärschichten ganz verschwinden und den 
Basalt und Phonolith sich nicht nur auf die geneigten Schichten des 

') Stur, Studien über die Altersverhältnisse der böhm. Braunkohle. Jahrb. 
geol. R.-A. 1876, S. 137 ff. 

*) H. Credner, Das Dippoldiswaldaer Erdbeben. Zeitschr. f. ges. Naturw., 
50. Bd. (1877), S. 275. Vgl. ibid. 57. Bd. (1884), S. 1 ff. 

9 ) Länderkunde von Europa I, S. 428. 

4 ) Vgl. besonders Joköly, Das Leitmeritzer vulkanische Mittelgebirge. 
Jahrb. geol. R.-A. 1858, S. 398. 

Boficky, Petr. Studien an den Basaltgest. u. Phonolithgest. Böhmens. 
Archiv f. böhm. Landesdurchforschung, II. Bd., 1. Abtlg. , 2. Teü, und IU. Bd., 
2. Teü. 

Laube, Exkursionen im böhm. Thennalgebiet. Leipzig 1884. 



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27Ö 



Alfred Hettner, 



[32 



Bruchrandes, sondern östlich vom Kamnitzthale auch auf die Sandstein- 
tafel selbst lagern. Das Mittelgebirge hängt östlich der Linie Aussig- 
Nollendorf unmittelbar mit der sächsischen Schweiz zusammen und 
bildet, topographisch betrachtet, ihren Kamm, da es überall die 
angrenzenden Teile derselben überragt. Das Quadersandsteingebirge 
ist heute bereits stark denudiert, aber auch das vulkanische Mittel- 
gebirge muss bei seiner Bildung höher und zusammenhängender ge- 
wesen sein, so dass das Höhenverhältnis beider Gebirge sich nicht 
wesentlich verändert haben wird. Die Denudation des Mittelgebirges 
ist leider im einzelnen noch nicht studiert worden ; ihr Studium würde 
auch für die sächsische Schweiz, namentlich für die Entstehung des 
Elbthales, von Wichtigkeit sein, aber ist viel zu umständlich, um bei- 
läufig abgemacht werden zu können. Einzelne Basalte und Phonolithe 
mögen noch heute in der Form auftreten, in welcher sie ursprünglich 
gebildet wurden, die meisten scheinen aus einem lockeren Mantel von 
Tuffen herausgeschält worden zu sein, bei anderen, und zwar gerade 
bei vielen der Basalte, welche als nördliche Ausläufer des Mittel- 
gebirges die sächsische Schweiz durchsetzen , müssen wir annehmen, 
dass sie als Intrusiv- oder Lagermassen innerhalb des Quadersandsteins 
oder Granits gebildet wurden und erst durch die Zerstörung der 
letzteren an die Oberfläche gekommen sind. 

Man könnte denken, dass die Beantwortung dieser Frage für 
die Entstehungsgeschichte der sächsischen Schweiz ziemlich gleich- 
gültig sei und uns allzu tief in das Gebiet der Geologie hineinführe, 
aber sie ist thatsächlich von hoher Bedeutung, denn die Beurteilung 
der Terrassenbildung, also des wichtigsten Charakterzuges im Relief 
der sächsischen Schweiz, hängt davon ab. Wären die Basalte der 
sächsischen Schweiz, wie man gewöhnlich annimmt, in der Oligocänzeit 
oberirdisch gebildet, so würden sie einen vorzüglichen Massstab für 
den Fortschritt der Denudation in der Oligocänzeit abgeben, die Auf* 
lagerungsfläche des Basaltes bezeichnete dann in jedem Falle die da- 
malige Oberfläche. Aber bereits Cotta hat einigen Bedenken gegen 
die Berechtigung dieser Annahme Ausdruck verliehen 1 ). Mehrere 
Basaltkuppen erheben sich in der Tiefe ziemlich enger Thäler: „waren 
dieselben bei ihrer Bildung schon vorhanden, so bleibt die unlösbare 
Frage, warum nicht das ganze Thal mit dem festen Basaltgesteine 
erfüllt, sondern nur eine einzelne Kuppe darin gebildet worden ist" ; 
erst durch die Thalbildung scheine der Basalt aus der Sandsteindecke 
herausgewaschen worden zu sein. Ein anderes, von Cotta merk- 
würdigerweise übersehenes Beispiel, welches mich zu derselben Schluss- 
folgerung leitete, noch ehe ich Cottas Bemerkungen überhaupt kannte, 
bietet der Rosenberg dar. Dieser ausgezeichnet regelmässige Basalt- 
kegel erhebt sich nordöstlich von Tetschen aus einer Sandsteinplatte, 
die an seinem Fusse 340 m hoch ist, bis zur Höhe von G20 m; die 
Basaltsäulen stehen auf dem Gipfel senkrecht und fallen auf dem 
Nordostabhange nach Nordost, also nach aussen, ein. Auf der Ost- 



*) Cotta, Erläuterungen zur geogn. Karte von Sachsen. 4. Heft, S. 106 ff. 



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Gebirgsbau und Oberflächengestaltung der sächsischen Schweiz. 277 



seite wird der gleichmässig geneigte basaltische Abhang durch strebe- 
pfeilerartige , deutlich horizontal geschichtete Quadersandsteinfelsen 
unterbrochen, welche teils bis zum Fusse hinabreichen, teils aber nach 
unten den Basalt wieder hervortreten lassen. Es unterliegt kaum einem 
Zweifel, dass diese* Sandstein dem Basalt aufgelagert und der Rest 
einer ursprünglich zusammenhängenden Sandsteindecke ist. Die von 
einem engen Thale durchschnittene Phonolithmasse des Wüsten Schlosses 
bei Böhmisch-Kamuitz ist zwischen horizontal geschichtetem Sandsteine 
eingeschlossen, welcher den Phonolith beträchtlich überragt 1 ). »An 
einigen Punkten treten Basalt und Phonolith mitten im Gebiete anderer 
Gesteine auf, ohne dass dadurch eine merkbare Erhöhung hervorge- 
bracht wird" (Cotta S. 107). Der säulenförmige Basalt des Sattel- 
berges bei Schönwalde tritt an zwei getrennten Stellen von ver- 
schiedener Höhe aus dem Quadersandstein hervor. Das Gleiche ist 
am Grossen Zschirnstein der Fall, wo das eine Vorkommen am süd- 
westlichen Fusse, das andere auf der Oberfläche der Tafel liegt, die 
Horizontalität derselben aber in keiner Weise stört. Als man bei 
dem im tiefen Thalgrunde des Grossen Zschand gelegenen Zeughause 
einen Brunnen grub, stiess man, wie Stelzner mitteilt, in der Tiefe 
auf Basalt 2 ). Am Westabhange des Grossen Winterbergs reicht der 
Basalt zwischen dem horizontal gelagerten Sandstein bis zu beträcht- 
licher Tiefe hinab. Der schmale Basaltrücken des Kleinen Winter- 
bergs erscheint zwischen zwei parallel verlaufenden und nur wenig 
niedrigeren Sandsteinrücken eingeschlossen und wird etwas tiefer auch 
auf den Schmalseiten von Sandstein begrenzt. Die Nordseite des Haus- 
berges wird durch Basalt gebildete, während die höhere Südseite aus 
ungestörtem Quadersandstein besteht; ein Bruch und zahlreiche Schürfe 
lassen hier erkennen, dass die Grenze der beiden Gesteine teils unter 
einem Winkel von ungefähr 80 0 vom Basalte ab-, teils unter gleichem 
Winkel dem Basalte zufallt 3 ). 

Alle diese Thatsachen führen uns zu der Ueberzeugung, dass 
der Basalt und Phonolith an sehr vielen Stellen ursprünglich nicht zu 
Tage standen, sondern erst durch die Denudation des weicheren Sand- 
steins zu Tage gebracht worden sind. Man kann auf den Gedanken 
kommen, dass diese Basalte und Phonolithe auch schon vor dem Sand- 
stein gebildet und von dem Kreidemeere überflutet worden wären, dass 
ihre Bildung also in die Kreidezeit oder noch ältere Zeit fiele. Aber 
da solche nicht über die Oberfläche hervorragende Basaltstöcke sich, 
z. B. am Pinzenberg bei Schandau, auch im Granit und Gneiss finden 4 ), 
würde diese Annahme wohl zu der Konsequenz führen, dass ein Teil 
der Basalte sogar älter als Granit und Gneiss sei, eine Konsequenz, 
deren Unwahrscheinlichkeit uns auch der Prämisse gegenüber stutzig 
macht. Es ist auch nicht wahrscheinlich, dass die Basalte in so naher 
Nachbarschaft teils präcretaceischen, teils tertiären Ursprunges sein soll- 

1 ) Vgl. Cotta a. a. 0. S. 93 u. Fig. 7. 

2 ) N. Jahrb. f. Min., 2. Beilageband S. 409. 

8 ) Die meisten dieser Punkte wurden in Gemeinschaft mit Herrn Dr. Alphons 
Stübel besucht, dem ich vielfache Anregung schulde. 
4 ) Cotta, Erläuterungen 3. Heft, S. 77. 
Forschungen zur deutschen Landes- und Volkskunde, n. 4. 19 



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278 Alfred Hettner, [34 

ten; für einen grossen Teil der böhmischen und sächsischen Basalte ist 
aber der tertiäre Ursprung sichergestellt, denn die Basalttuffe wechseln 
mit Braunkohlenflözen, und Basaltgänge setzen durch die tertiären Ab- 
lagerungen hindurch. Wo die Grenze des Basaltes aufgeschlossen ist, 
ist sie meistens steil gegen denselben geneigt (Cotta, 4. Heft S. 65 u. s. w.), 
in vielen Basalten finden sich gefrittete, angeschmolzene oder säulen- 
förmig gestaltete Bruchstücke des Quadersandsteins (Cotta S. 107 f.). 
Solche vier- und fünfkantige Sandsteinsäulchen fand ich am Hausberge, 
ohne dass ich jedoch ihre ursprüngliche Lage genau feststellen konnte, 
besonders bekannt aber ist ihr Vorkommen am Basalte des Gorisch 
Diese Basaltvorkommnisse sind danach postcretaceischer Entstehung, 
und doch müssen noch in ganz junger Zeit die Sandsteinmassen der 
Gipfel die Stellen ihres heutigen Auftretens bedeckt haben, so dass man 
ihnen entweder ganz jungen Ursprung zuschreiben oder sie unter der 
Sandsteindecke entstanden lassen sein muss. An einzelnen Punkten 
will Cotta (S. 89) auch Aufrichtungen des Quadersandsteins durch 
Basalt bemerkt haben, aber es bedarf wohl noch der näheren Unter- 
suchung, ob dieselben nicht allgemeineren Ursachen zuzuschreiben sind. 

Eine genauere Untersuchung, welche nicht in unserem Plane liegt, 
wird wahrscheinlich Apophysen des Basaltes im Sandstein und andere 
Zeichen seines jüngeren Ursprunges noch in grösserer Zahl nachweisen ; 
aber auch heute schon dürfen wir als wahrscheinliches Resultat aus- 
sprechen, dass die Basalte dieser Gegend tertiären, grossenteils oligo- 
cänen Alters sind, dass aber ein Teil von ihnen nicht oberirdisch auf- 
geschüttet, sondern unterirdisch in die älteren Gesteine eingedrängt 
wurde. Auch die Basalt- und Trachytkegel des Siebengebirges und 
seiner Nachbarschaft waren, wie Dechen und Lasaulx 2 ) gezeigt haben, 
ursprünglich im Thonschiefer und Tertiär verhüllt, und eine derartige 
unterirdische Entstehung ist auch für die Berge von Urach in Schwaben a ) 
und andere wahrscheinlich gemacht worden. Noch grossartigere Laven- 
eindringlinge hat Gilbert in den Trachytdomen der Henry Mountains 
unter dem Namen Lakkolithen beschrieben, welche aber abweichend 
von jenen einfachen Intrusivstöcken die überliegenden Schichten auf- 
getrieben haben 4 ). 

Für unsere weiteren Untersuchungen genügt es uns übrigens zu 
wissen, dass der Basalt ursprünglich unter der Sandsteindecke verborgen 
war und an vielen Stellen sicher noch heute verborgen ist, dass also 
der heutige Sandsteinfuss der Basaltkegel keineswegs zur Oligocänzeit 
oder während der Tertiärzeit überhaupt schon entblösst gewesen sein 
muss. Das Auftreten der Basalte bietet uns also keinen Massstab für 
die Denudation, im Gegenteil wird uns die aus anderen Betrachtungen 
abgeleitete Geschichte der Denudation noch weitere Belege für die ein- 
stige Umhüllung der Basaltkegel bieten. 



') Eine Abbildung bei Gutbier, Geogn. Skizzen S. 39. 
2 ) v. Lasaulx .Wiedas Siebengebirge entstand? Pfaff-FrommelscheSamm- 
lung von Vorträgen. Heidelberg 1884, S. 36 ff. 

•) Vgl. Länderkunde von Europa I. Bd., S. 237. 

4 ) Gilbert, Report on the Geology of the Henry Mountains. Washington 1880. 



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35] Gebirgsbau und Oberflächengestaltung der sächsischen Schweiz. 279 

V. Der Bau der sächsischen Schweiz. 

Die vorhergehenden Kapitel haben uns die Massen kennen gelehrt, 
aus welchen die sächsische Schweiz aufgebaut ist, sowie die Kräfte, 
welche die Lagerung dieser Massen bestimmten; dieses Kapitel soll 
das Bauwerk beschreiben, welches aus diesen Massen, durch diese 
Kräfte gefügt ist. 

Der Bau der sächsischen Schweiz wird von zwei Dislokations- 
richtungen beherrscht, welche sowohl bei den Faltungen der paläo- 
zoischen wie bei den Verwerfungen der tertiären Zeit zur Geltung 
kamen. Bis zur Mitte der Carbonzeit war ein den Alpen zu ver- 
gleichendes Faltengebirge gebildet worden, welches mit denselben auch 
in der Richtung eine auffallende Uebereinstimmung zeigt, denn dieselbe 
Umbiegung aus einer ostnordöstlichen in eine südöstliche Richtung, 
welche die Alpen nördlich vom Adriatischen Meere erfahren, vollzog 
jenes paläozoische Gebirge in der Gegend von Nossen und Meissen, so 
dass damals schon der westliche Flügel des Gebirges eine niederländisch- 
erzgebirgische , der östliche eine hercynisch - sudetische Streichrichtung 
besass. Während der folgenden Erdperioden scheinen die Boden- 
bewegungen gering gewesen zu sein; die zerstörenden Kräfte des Fest- 
landes und des Meeres arbeiteten auf die Abtragung des Gebirges und 
die Ausgleichung der Höhenunterschiede hin. Erst in der Tertiärzeit, 
wahrscheinlich namentlich in der Oligocänzeit , wurden die Störungen 
wieder energischer. Dieselben beiden Richtungen, welchen die paläo- 
zoische Faltung folgte, waren auch für diese jüngeren Störungen mass- 
gebend. 

Eine grosse Verwerfung, welche in einem Absinken des südwest- 
lichen oder einer Hebung des nordöstlichen Flügels bestand und mit 
einer Ueberschiebung des ersteren durch den letzteren verbunden war, 
lässt sich von Oberau über Hohnstein und Zittau bis Liebenau in 
Böhmen und vielleicht noch weiter verfolgen. Eine gleichgerichtete 
Verwerfungslinie, aber von umgekehrtem Sinne, scheint am Nordostrand 
der Lausitzer Platte und ihrer südöstlichen Fortsetzung zu verlaufen. 
Bei Nieder -Biehla und Wehrau nördlich von Görlitz finden wir steil 
nach Nordost einfallende Quadersandsteinschichten 1 ); diese isolierten 
Sandsteinflecke scheinen eine Fortsetzung der Sandsteinpartien von Lähn 
und Löwenberg zu sein, welche ja gleichfalls im Verhältnis zum süd- 
lich vorgelagerten Riesengebirge abgesunken sind 2 ) , so dass die Lau- 
sitzer Platte sowohl wie das Jeschken-, Iser- und Riesengebirge und wohl 
auch die Glatzer Gebirge Horste sind, welche zwischen dem schlesischen 
Hügellande und dem böhmischen Sandsteingebiet stehen geblieben bezw. 
gehoben sind. 

Nur im ganzen kommt der Oberau-Zittauer Dislokation eine ost- 
') Cotta, Erläuterungen 8. Heft, S. 54. 

a ) Beyrich, Ueber die Lagerung der Kreidefonnation im schles. Gebirge. 
Abhandlungen d. Berl. Akad. 1854, S. 57 ff. 

Kunth, Die Kreidemulde bei Lähn in Niederschlesien. Zeitschr. der 
deutsch, geol. Gesellsch. 1863, S. 743. 



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280 Alfred Hettner, [30 

südöstliche Richtung zu ; im einzelnen finden wir vielmehr einen regel- 
mässigen Wechsel östlich und südöstlich bis südsüdöstlich verlaufender 
Strecken. Dieser Wechsel ist in hohem Grade der Beachtung wert; 
wir erkennen darin eine merkwürdige Analogie zu der Anordnung der 
sudetisch-hercynischen Bergketten überhaupt, von denen jede einzelne 
von SE nach NW streicht, jede nördlich folgende aber etwas nach W 
verschoben ist, so dass eine westnordwestliche Gesamtrichtung und eine 
allmähliche Annäherung an die gleicherweise staffelformig angeordneten 
Ketten des Böhmer- und Thüringerwaldes die Folge ist. In der sächsi- 
schen Schweiz bedeutet jede von E nach W gerichtete Strecke eine 
Einengung des Quadersandsteingebietes, da die allgemeine Streichrich- 
tung der Quadersandsteinschichten der Streichrichtung der älteren Ge- 
steine und der Formationsgrenzen entsprechend ungefähr nordwestlich 
ist. Von Cossebaude an wird diese Einengung beschleunigt, weil auf 
der Nordostseite einer, gleichfalls in nordwestlicher Richtung, nach 
Zscheila bei Meissen verlaufenden Linie Sandstein und Pläner abge- 
sunken bezw. nicht mit gehoben worden sind. Beide Verwerfungslinien 
scheinen in der Gegend von Oberau und Meissen auszukeilen, da nörd- 
lich davon ein zusammenhängender Gürtel krystallinischer Gesteine vor- 
handen ist. 

Zwischen Meissen und Cossebaude bildet das Elbthal also tek- 
tonisch einen Graben, d. h. eine Versenkung zwischen zwei stehen- 
gebliebenen oder gehobenen Schollen. Die tektonische Bedeutung der 
Gegend südöstlich von Cossebaude ist noch nicht ganz klar; bis etwas 
oberhalb Dresden scheint sich die von Meissen herkommende Ver- 
werfung noch geltend zu machen, aber schon von Cossebaude an tritt 
eine sanfte nordöstliche Schichtenneigung des Quadersandsteins und 
Pläners hinzu, welche südöstlich von Dresden fast allein massgebend 
ist und nur durch die Dippoldiswaldaer Verwerfung (vgl. S. 200 [10]) 
eine Unterbrechung erleidet. Wenn wir auf grössere Erstreckung steil 
geneigte oder gar überkippte Schichten antreffen, so können wir mit 
voller Bestimmtheit sagen, dass dieselben durch irgend eine Bewegung 
nach ihrer Ablagerung in diese Lage gekommen sind ; eine so schwache 
Schichtenneigung dagegen wie die des sächsischen Quadersandsteins 
kann an sich ebenso gut eine unmittelbare Folge der Ablagerung am 
Meeresgrunde wie eine Folge späterer Störungen sein. Und doch wäre 
es für die Auffassung des Gebirgsbaues von der grössten Bedeutung, 
die Ursache der Schichtenneigung zu kennen. Hat doch eine Neigung 
von 1 0 45', wie sie der Plänerschicht im Mittel zukommt, in der Ent- 
fernung von 1 km denselben Effekt wie eine Verwerfung von 30 m ! 
Der Quadersandstein des Sattelberges, der 20 km von der Elbe ent- 
fernt ist, würde, im Falle die Schichtenneigung auf einer Boden- 
bewegung beruht , durch dieselbe um 000 m gegenüber der Elblinie 
gehoben worden sein, während er im andern Falle seine Lage bewahrt 
hätte. In diesem Falle wäre die Lausitzer Platte im Verhältnis zur 
sächsischen Schweiz und zum Erzgebirge gehoben worden, in jenem 
hätten Lausitz und Erzgebirge ihr Höhenverhältnis mehr oder weniger 
bewahrt, während die sächsische Schweiz im Verhältnis zu ihnen ein- 
gesunken wäre. Man könnte sie dann als eine einseitige Mulde be- 



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Gcbirgsbau und Oberüächengestaltung der sächsischen Schweiz. 281 



zeichnen, deren nordöstlicher Flügel durch eine Verwerfung ersetzt 
wird, oder als einen Graben mit allmählich ansteigendem Südwest- 
rande. Gerade die Beziehungen der Schichtenneigung zu den Ver- 
werfungen und der ganze Zusammenhang der Erscheinungen machen 
es wahrscheinlicher, dass die Schichtenaufrichtung in der sächsischen 
Schweiz wenigstens teilweise, soweit die Schichtenneigung die Verwer- 
fung kompensiert, die Folge einer Bodenbewegung ist; auf ein bestimmtes 
Urteil müssen wir indessen gegenwärtig noch verzichten. 

Längs einer von Tyssa- Königswald über Tetschen etwa nach 
Kreibitz verlaufenden Linie beugen sich die horizontalen oder sanft 
nach Nordost geneigten Sandsteinschichten plötzlich nach Süden um 
und tauchen unter das vulkanische Mittelgebirge hinab, in welchem 
die Kreideformation nur in einzelnen Lappen auftritt. Erst jenseits 
der Egerlinie und einer als Fortsetzung derselben von Leitmeritz nach 
Hayda und Zwickau i. B. verlaufenden Linie bildet sie wieder eine zu- 
sammenhängende Masse, die sich allmählich von 250 m bis über 500 m 
erhebt. Die Ursache dieses neuen Auftretens ist eine mit der erz- 
gebirgischen Flexur parallele Dislokation von entgegengesetztem Sinne, 
d. h. mit gehobenem Südflügel. Die Dislokation fällt westlich der 
Elbe ungefähr mit dem Egerthale zusammen und ist östlich der Elbe 
bis Auscha verfolgt worden *), wo sie auf eine von NW nach SE 
streichende, durch die Drum -Habsteiner Senke auch topographisch 
gekennzeichnete, Dislokation stossen soll, bei welcher der nordöstliche 
Flügel abgesunken ist 2 ). Die Grösse des Egerbruches scheint noch 
nicht untersucht worden zu sein, so dass wir nicht wissen, ob er den 
erzgebirgischen Bruch vollständig kompensiert, oder ob das Kreideterrain 
südlich der Eger im Verhältnis zum Erzgebirge und zur sächsischen 
Schweiz in ein tieferes Niveau gekommen ist. Jedenfalls spielt das 
Land zwischen Erzgebirge und Eger geotektonisch die Rolle eines 
Grabens, welcher durch vulkanische Massen und durch Süsswasser- 
bildungen der Tertiärzeit grossenteils ausgefüllt worden ist. 

Nördlich von der erzgebirgischen Bruchlinie sind wir in unserem 
Gebiete auf keine in gleicher Richtung verlaufende Verwerfungen ge- 
stossen, und ebensowenig sind im Erzgebirge selbst derartige Ver- 
werfungen aufgefunden worden ; .erst am Südrande des Granulitgebirges 
tritt eine Verwerfung auf, welche der erzgebirgischen Bruchlinie parallel, 
aber mit ihr gleichsinnig, wenn auch von geringerer Grösse ist 3 ), welche 
also kein Absinken, sondern ein neues Aufsteigen bedeutet. Das Erz- 
gebirge unterscheidet sich darin von dem Horste der Lausitzer Platte 
oder auch von den Vogesen und dem Schwarzwalde, bei welchen auch 
der äussere, nach Lothringen und Schwaben gerichtete, Abfall durch 
eine Reihe kleiner Brüche bedingt ist. Die sanfte nördliche Abdachung 
des Erzgebirges könnte eine Folge kontinentaler oder mariner Erosion 
sein, wahrscheinlich aber beruht sie, ebenso wie die schwache, nord- 



*) Krcjci. Archiv f. böhmische Landesdurchforschung I. Bd., 2. Abtlg., 
S. 51, 53 ff. 63, 68, 80, 82, 107, 118 u. 130. 
2 ) Ibid. S. 121. 

') H. Credner, Das sächsische Granulitgebirge. Leipzig 1884. 



282 



Alfred Hettner, 



138 



östliche Schichtenneigung der sächsischen Schweiz, auf einer Boden- 
bewegung, indem derselbe Vorgang, welcher im Süden einen steilen 
Abbruch erzeugte, im Norden eine sanfte Abdachung hervorrief. Das 
Erzgebirge wäre danach als eine Keilscholle (Richthofen, Führer S. 655) 
zu bezeichnen, deren Rand etwas stärker aufgewölbt ist. 

Auch im Gebiete der sächsischen Schweiz ist diese Aufwölbung 
noch zu erkennen. Die Streichrichtung der Schichten, die bei Dresden 
eine südöstliche ist, biegt weiter südlich erst nach Ostsüdost und dann, 
zwischen Tetschen und Herrnskretschen, nach Ost um (vgl. S. 262 [18]), 
bewirkt also eine mehr nördliche Neigung des Bodens ; in der Gegend 
von Dresden kommen Verwerfungen dem zu Hilfe (vgl. S. 260 [16]). 

Noch stärker als im Quadersandstein, der doch im Verhältnis 
zum Erzgebirge wahrscheinlich abgesunken ist, macht sich diese nörd- 
liche Neigung in der Lausitz geltend, und zwar nicht bloss in der 
Oberfläche, sondern auch im inneren Bau, denn die Sprunghöhe der 
südlichen Lausitzer Bruchlinie scheint nach NW immer geringer zu 
werden (vgl. S. 272 [28]). 

Damit enthüllen sich sehr enge Beziehungen zwischen der erz- 
gebirgischen Bruchlinie, der Granitüberschiebung und der Schichten- 
neigung des Quadersandsteins, die wir uns am besten versinnlichen, 
wenn wir den Kamm des Erzgebirges und die in seiner Fortsetzung 
liegende Partie der Lausitz als ruhend betrachten. Das ganze Gebiet 
nördlich dieser Linie hat sich nach Norden geneigt, das Gebiet süd- 
lich davon ist steil nach Süden abgebrochen. Zugleich hat sich an der 
Linie Oberau-Zittau eine Verwerfung gebildet, längs deren der südwest- 
liche Flügel in die Tiefe gesunken ist ; am Erzgebirge ist dieser Flügel 
geschleppt, d. h. statt einer Verwerfung finden wir eine sanfte Schichten- 
neigung. Der Bau der sächsischen Schweiz ist also das Resultat einer 
doppelten Bewegung, erstens einer nordnordwestlichen Schichtenneigung, 
die nahe am erzgebirgischen Kamm am stärksten ist, zweitens einer 
nordöstlichen Schichtenneigung, die nach dem Granitrande hin immer 
schwächer wird und stellenweise sogar in die entgegengesetzte Neigung 
umschlägt. Mit anderen Worten: die Sandsteinbänke der sächsischen 
Schweiz haben eine Torsion erfahren, bei welcher an einigen Stellen, 
nämlich bei Dippoldiswalda und Cossebaude, der Zusammenhang riss, 
so dass sekundäre Verwerfungen eintraten. Wir können uns den Fall 
vorstellen, dass die nordöstliche, also zur sudetischen Dislokation hin 
gerichtete, Schichtenneigung und die Flexur am Südrande des Erz- 
gebirges denselben Betrag der Absenkung repräsentieren; die erzgebir- 
gische Flexur müsste dann nach ENE immer schwächer werden und 
an der sudetischen Dislokation sich ganz verflachen. Thatsächlich 
scheint das aber nicht der Fall zu sein, denn wenn auch die Stelle der 
wirklichen Berührung noch nicht untersucht ist, so ist doch die 
Flexur im Kamnitzthale noch so bedeutend, dass sie zwischen Kreibitz 
und der Lausche zwar abbrechen, aber sich bis dahin nicht verflachen 
kann. Die erzgebirgische Flexur ist also mit einer stärkeren Absenkung 
als die Lausitzer Dislokation verbunden, ein Resultat, das mit unseren 
direkten Schätzungen (vgl. S. 271 [27] und 273 [29]) vollkommen überein- 
stimmt. 



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Gebirgsbau und Oberflächengestaltung der sächsischen Schweiz. 283 



Wenn bei diesen letzten Betrachtungen alle Dislokationen als 
Einbrüche oder Absenkungen aufgefasst wurden, so geschah das nur 
der Bequemlichkeit halber, weil es leider keine Ausdrucksweise gibt, 
die ohne allzugrosse Weitläufigkeit nur die relative und nicht auch die 
absolute Bewegung der Schollen, d. h. nur die Veränderung des gegen- 
seitigen Höhenabstandes und nicht auch die Entfernung vom oder die 
Annäherung an den Erdmittelpunkt bezeichnete. Aber es ist frag- 
lich, ob die Dislokationen der Oligocänzeit in unserem Gebiete that- 
sächlich Einbrüche oder nicht vielmehr Hebungen waren, welche aller- 
dings, wie Penck andeutet, nur lokale Aufreibungen am Rande des im 
ganzen eingesunkenen böhmischen Kessels gewesen sein mögen. Wenn 
die Kämme stehen geblieben, die Mulden und Gräben abgesunken 
wären, so müsste der Spiegel des Kreidemeeres mindestens 750 m 
über dem heutigen Meeresspiegel gelegen haben. In der Eocänzeit sind 
keine grösseren Bodenbewegungen erfolgt, und doch hat sich der 
Meeresspiegel weit zurückgezogen; während der älteren Oligocänzeit, 
also noch vor dem Eintritt der Dislokationen, dringt das Meer wieder 
vor und erhebt sich etwas, aber nicht viel über seine heutige Höhe 1 ). 
Diese Schwankungen des Meeresspiegels sind, wie Suess aus ihrer Ver- 
breitung gefolgert hat, nicht durch Dislokationen, d. h. Bewegungen 
der festen Erdrinde bedingt, sondern selbständige Bewegungen, Trans- 
gressionen, des Meeres. Ungefähr gleichzeitig mit dem höchsten Stande 
des Meeres erfolgen die Dislokationen unseres Gebietes, aber statt 
dass das Meer die der Annahme nach eingebrochenen Gebiete überflutete, 
zieht es sich langsam wieder zurück. Ist es wahrscheinlich, dass irgend 
eine kosmische oder terrestrische Ursache den Meeresspiegel recht- 
zeitig um mindestens 750 m erniedrigt und dadurch das eingebrochene 
Land trocken erhalten habe? Ist es nicht einfacher und natürlicher, 
jene Dislokationen als Hebungen aufzufassen, in dem Erzgebirge eine 
gehobene Keilscholle, in den Sudeten gehobene Horste zu sehen, 
während der nordböhmische Graben seine alte Lage bewahrte oder 
etwas einsank und die sächsische Schweiz nur in mässigem Umfange 
an der Hebung teilnahm? Wir erinnern uns jetzt, dass sich auch 
die Granitüberschiebung einfacher als Hebung deuten Hess (vgl. 
S. 26 f.) und dass die Flexuren einen Uebergang der Brüche zu den 
Falten vermitteln; man hat zwar gesagt (v. Richthofen, Führer S. 602), 
dass bei diesen Zusammenschub, bei jenen Ausdehnung das leitende 
Prinzip sei, aber dieser Satz bedarf doch auch noch des Beweises und 
ist bei einer Verbindung von Flexuren mit Keilschollen nicht recht 
einleuchtend. Es soll gern zugestanden werden, dass die angeführten 
Thatsachen noch nicht beweisend sind, aber wir werden doch zur Vor- 
sicht bei der Beurteilung der Bewegungen gemahnt, welche für die 
Bodengestaltung Sachsens und des mittleren und nördlichen Deutsch- 
lands überhaupt massgebend waren. 

Die Wirkungen dieser Bewegungen muss man sich entfernt denken, 
wenn man die ursprüngliche Verbreitung der Schichten kennen lernen 



l ) H. Credner, Das Oligocän des Leipziger Kreises. Zeitschr. d. deutsch, 
geol. Gesellsch. XXX, 1878, S. 615 ff. 



284 



Alfred Hettner, 



[40 



und danach das Mass der Zerstörung beurteilen will, welche dieselben 
im Laufe der Zeit erlitten haben. Aber man muss dabei auch auf die 
Bedingungen Rücksicht nehmen, unter welchen die ursprüngliche Ab- 
lagerung der Schichten erfolgte. 

Die sächsischen Kreidebildungen sind fast ausschliesslich marinen 
Ursprunges. Der Quadersandstein muss in der Nähe der Küste gebildet 
worden sein, da der grobe Quarzsand, welcher von den Flüssen oder 
auch direkt von der Brandungswelle geliefert wird, nicht weit ins Meer 
hinaus verschleppt werden kann; die weite und gleichmässige Aus- 
breitung des Sandsteins macht es wahrscheinlich, dass eine Meeres- 
strömung bei seiner Ablagerung beteiligt war. Die Bildung des Pläners 
muss in etwas grösserer Entfernung von der Küste oder wenigstens 
von den Einflüssen der Küste erfolgt sein; ein feiner Sand, Schlamm 
und die Ausscheidungen der Organismen lieferten das Material zu seiner 
Bildung; im Plänerkalk schliesslich treten die mechanischen Gemeng- 
teile ganz zurück. Die Gegend von Dresden und Meissen scheint 
danach weiter von der Küste entfernt gewesen zu sein als die sächsische 
Schweiz und die Gegend von Dippoldiswalda und Tharandt -Freiberg, 
da dort die Pläner-, hier die Sandsteinfacies vorherrscht. Während der 
Turonzeit scheint die ganze Gegend von der Küste am weitesten ent- 
fernt gewesen zu sein, d. h. der Meeresspiegel am höchsten gelegen zu 
haben, denn der Quadersandstein wird in dieser Zeit durch die Pläner- 
einlagerung, der unreine untere und mittlere Pläner von Dresden durch 
den Plänerkalk verdrängt. 

Nun liegt es in der Natur der Sache, dass verschiedenartige Ab- 
lagerungen eines Zeitraums von verschiedener Mächtigkeit sind, aber 
die Abnahme der Mächtigkeit kann immer nur derart erfolgen, dass 
die Bänke dünner und dünner werden, oder dass einzelne Bänke aus- 
keilen; steile Stufen dagegen, an welchen eine ganze Reihe von Bänken 
auf einmal abbricht, können, ausser bei Korallenbänken u. dgl., nur 
auf Verwerfung oder auf späterer Zerstörung beruhen. In der sächsischen 
Schweiz sind auch Verwerfungen in den meisten Fällen ausgeschlossen 
(vgl. S. 263 [19] f.), so dass sich die Schichten einst über die Stufen 
hinaus fortgesetzt haben müssen. 

Es scheint mir nicht möglich, die ursprüngliche Höhe des Quader- 
steins auch nur an einzelnen Punkten mit voller Sicherheit festzustellen. 
In der Gegend der Winterberge bildet eine 450 — 460 m hohe Platte 
auf ziemliche Erstreckung die Oberfläche. Die Platten von Hinter- 
Hermsdorf (400—420 m), von Sternberg (desgl.) und westlich von Khaa 
(420 — 440 m) scheinen ursprünglich mit ihr eine zusammenhängende 
Ebene gebildet zu haben. Nach W scheint sich diese Ebene der 
Schichtenneigung entsprechend ähnlich wie die Lausitzer Granitplatte 
zu senken, da wir ihr die Platte östlich des Polenzthales (320 — 340 m) 
wohl zurechnen dürfen. Eine Platte von dieser Höhe zieht sich west- 
lich des Polenzthales bis zu den Bärensteinen hin. An der Granit- 
grenze entlang erheben sich noch mehrere einzelne Höhen, zuletzt die 
Schöne Höhe und der Kohlberg zwischen Dittersbach i. S. und Wünschen- 
dorf, bis zu ihrem Niveau, aber der grössere Teil der Oberfläche bleibt 
trotz seiner plattenförmigen Gestalt im Mittel etwa um 150 m hinter 



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Gebirgsbau und Oberflächengestaltung der sächsischen Schweiz. 285 



ihr zurück, so dass hier eine weitgehende Abtragung stattgefunden 
haben muss. Aber auch über jener Platte tritt an mehreren Punkten 
Quadersandstein auf, so dass es sehr fraglich ist, ob sie die ursprüng- 
liche Oberfläche bezeichnet oder nicht selber erst durch Denudation 
gebildet worden ist. Der Sandstein am Hutberg bei Rathewalde (vgl. 
S. 260 [22]) könnte allerdings dem gehobenen Lausitzer Flügel angehören, 
die höher gelegenen Sandsteinflecken des Gr. und Kl. Winterberges 
(bis 500 m) sind mit Basaltvorkommen verknüpft, so dass die Möglich- 
keit einer lokalen Hebung nicht völlig ausgeschlossen ist, aber auch 
abseits vom Granit und Basalt scheinen sich in der Gegend von Ditters- 
bach i. B. und Neu-Daubitz mehrere Gipfel, die bis 490 m aufsteigen, . 
über jene Platte zu erheben. 

Sehen wir von diesen höheren Vorkommnissen gänzlich ab, so müssen 
doch jedenfalls alle leeren Räume bis zum Niveau jener Platte von 
Sandstein oder Planer eingenommen gewesen sein. Ueber die Lage 
derselben nordwestlich von Wünschendorf fehlt uns leider fast jeder 
Anhalt, weil die Denudation bereits zu grosse Fortschritte gemacht 
hat. Am rechten Elbufer lässt sich eine Terrasse verfolgen, die sich 
von Pillnitz nach Dresden von 230 auf 200 m senkt; aber da der 
Sandstein bei Dittersbach i. S. noch 330 m erreicht, und kein Anzeichen 
einer Verwerfung an dieser Stelle vorhanden ist, ist es unwahrscheinlich, 
dass diese Terrasse mit jener Platte identisch ist. Bei Weinböhla 
finden wir den Plänerkalk noch in 160 m; darüber muss noch der 
ganze obere Quader bezw. ein kalkiges und dabei weniger mächtiges 
Aequivalent desselben aufgetürmt gewesen sein. 

Auch im Gebiete der geneigten Schichten finden wir westlich von 
Pirna den oberen Quader nirgends mehr vertreten. Auch östlich von 
Pirna besitzt er nur an einigen der in der Nähe der Elbe gelegenen 
Tafelberge, am Lilienstein, Pfaffenstein, Gorisch, Papststein und Zschirn- 
stein, dieselbe Mächtigkeit wie am rechten Elbufer unter der erwähnten 
Platte. Am hohen Schneeberg ist die Mächtigkeit schon um 100 m ge- 
ringer (vgl. S. 263 [19]), und in der Umgebung desselben fehlt der obere 
Quader ganz. Es ist möglich, dass die geringere Mächtigkeit am Schnee- 
berg auf einer Auskeilung nach der Küste hin beruht, aber rings 
herum hat, wie der schroffe Absturz des Schneeberges zeigt, eine 
grossartige Abtragung stattgefunden. Jenseits der Linie Tyssa-Berg- 
giesshübel tritt auch der untere Quader nur noch in einzelnen Inseln 
auf, welche ehemals mit der Hauptmasse des Sandsteins zusammen- 
gehangen haben müssen. Je weiter wir in westlicher Richtung am 
Erzgebirge hinansteigen, um so grösser wird die Denudation des Sand- 
steins. Das westlichste Vorkommen auf dem Kamme ist unter dem 
Basalte des Sattelberges, am südlichen Fusse des Gebirges tritt die 
Kreideformation bis Ossegg auf. Es ist .noch fraglich, ob sie weiter 
westlich gänzlich zerstört oder überhaupt nicht abgelagert worden ist. 

Von der Lausitzer Platte dürfen wir dagegen annehmen, dass sie 
zum grössten Teile von Quader und Pläner bedeckt war. Als Cotta 
die Grenze der archäischen Gesteine der Lausitz gegen den Quader- 
sandstein beschrieb und von neuem zeigte, dass diese Grenze keine 
Bildungs-, sondern eine Dislokationsgrenze sei, und als er die gestörten 



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286 Alfred Hettner, [42 

Sandsteine nördlich von Görlitz damit in Verbindung brachte, konnte 
er sich der Folgerung nicht entziehen , dass der Sandstein einst die 
ganze Lausitzer Platte bedeckt haben müsse, wie er bei Weissig und 
am Benediktstein noch heute auf derselben erhalten ist 1 ). Aber später 
hat man diese Thatsachen ganz vergessen und immer von einem läng- 
lichen Busen des Kreidemeeres gesprochen, den man sich bald im NW, 
bald im SE mit dem offenen Meere in Verbindung stehend dachte. 
Diese Auffassung muss über Bord geworfen werden. Es ist an sich 
durchaus unwahrscheinlich, dass eine Verwerfung gerade mit einer vor- 
handenen Bildungsgrenze zusammenfällt, und der Sandstein ist an 
dieser Verwerfung so mächtig, von Küstenbildungen findet sich so gar 
keine Spur, dass er sich weit über dieselbe hinaus erstreckt haben 
muss. Einzelne Berge und Rücken mögen, ähnlich wie das Grosse 
Horn bei Berggiesshübel , inselartig über den unteren oder auch den 
oberen Quader hervorgeragt haben, aber im ganzen bildeten diese eine 
zusammenhängende Decke, die im Laufe der Tertiär- und Quartärzeit 
wieder beseitigt worden ist. 

Von der Lausitz aus erstreckte sich das Kreidemeer ohne wesent- 
liche Unterbrechung bis Löwenberg und Lähn. Auch die Sandstein- 
partien von Adersbach- Weckelsdorf , der Heuscheuer und von Habel- 
schwerdt sind erst durch Dislokationen und Denudation isoliert worden; 
ehemals hingen sie mit der böhmischen und wohl auch mit der nieder- 
schlesischen Kreide, und zwar nicht durch enge Kanäle, sondern in 
breiter Masse zusammen. Ob Kreideablagerungen einst auch das Riesen- 
gebirge bedeckten, oder ob dasselbe schon als Insel aus dem Kreide- 
meere hervorragte, muss noch dahingestellt bleiben. Dagegen ist es 
zweifellos, dass die Unterbrechung der sächsisch-böhmischen Quader- 
sandsteinmasse durch das vulkanische Mittelgebirge keine ursprüngliche 
ist. Auch die isolierte Quadersandstein-Plänerpartie von Regensburg 
muss mit dem sächsisch-böhmischen Quader in Verbindung gestanden 
haben, da sie mit demselben völlig übereinstimmt 2 ); wahrscheinlich 
bestand dieser Zusammenhang nicht am Südrande des böhmischen 
Massivs, sondern über den Böhmerwald hinweg, welcher ähnlich wie 
das Riesengebirge ein Horst jüngerer Entstehung ist. Es ist nicht 
unmöglich, dass diese Kreideschichten , welche konkordant auf der 
Juraformation auflagern, einst von Regensburg aus über Schwarzwald 
und Vogesen bis zum Pariser Becken hinüberreichten. Andrerseits 
scheinen einzelne Kreidevorkommnisse in Thüringen, Hessen und auf 
dem rheinischen Schiefergebirge 3 ) eine Brücke zu den Kreidebildungen 
des nordwestlichen Deutschlands zu schlagen. An mehreren Stellen 
tauchen Kreideschichten aus den norddeutschen Quartärbildungen auf 
oder sind unter denselben erbohrt worden. Kurz es scheint, als ob in 
der zweiten Hälfte der Kreidezeit ein ziemlich offenes Meer einen 
grossen Teil von Deutschland bedeckt habe. Das Festland scheint 
südlich von der heutigen Donau den Raum eingenommen zu haben, 

'! Cotta. Geognostische Wanderungen 2. Heft, S. 51 f. 
2 ) Vgl. über dieselbe Güni bei, Geogn. Beschreibung des Königreichs Bayern 
IL Bd., S. 097 ff. 

•) Penck, Länderkunde von Europa I, S. 313. 



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Gebirgsbau und Oberflächengestaltung der sächsischen Schweiz. 287 



der später teilweise von den Alpen überschoben worden ist, das Meer 
scheint von Norden her vorgedrungen zu sein und sich nach Norden 
zurückgezogen zu haben. 

Noch vor kurzem erschien den Geologen die Annahme einer 
derartigen Zerstörung als eine Ungeheuerlichkeit; darin liegt auch 
der Grund, warum jene Aeusserung Cottas so wenig beachtet worden 
ist. Heute haben die Beobachter in den verschiedensten Weltgegenden 
und in den verschiedenst gebauten Gebirgen, in den Alpen ebensowohl wie 
in den Tafelländern des Colorado, den ausserordentlichen Betrag der 
Denudation kennen gelehrt, so dass wir darum nicht mehr vor wohl- 
begründeten Schlussfolgerungen zurückschrecken. Haben wir doch auch 
in den wenigen an der Granit-Sandsteingrenze erhaltenen Lappen der 
Juraformation ein vortreffliches Beispiel der tief eingreifenden Wirk- 
samkeit der Denudation unmittelbar vor Augen. Diese Vorkommnisse, 
welche grossenteils dem Weissen Jura , also der obersten Abteilung 
des Jurasjstems, angehören und sämtlich Tiefseebildungen sind, müssen 
Teile einer ausgedehnten Ablagerung gewesen sein, und doch waren 
bereits zur Cenomanzeit nur noch unbedeutende Lappen vorhanden, denn 
die Juraformation ist bisher nirgends unter dem normal gelagerten 
Quadersandstein gefunden worden l ). Dieser blieb in der sächsischen 
Schweiz nur darum erhalten, weil er in der tiefen Einsenkung zwischen 
Lausitz und Erzgebirge vor der Zerstörung geschützt war, oder wenig- 
stens etwas besser als auf der Höhe geschützt war, denn grosse Massen 
sind auch hier bereits zerstört worden. 



VI. Die quaderförmige Absonderung. 

Der Sandstein der sächsischen Schweiz wird von zahlreichen 
Klüften durchsetzt, durch welche die barocken Felsbildungen der- 
selben in erster Linie bedingt sind. Die heutige Form dieser Klüfte 
ist ein Resultat der Verwitterung, aber in der Anlage sind sie 
von vorn herein im Gestein vorhanden, denn auch in Steinbrüchen, in 
welchen jene ihre Wirksamkeit noch kaum beginnen konnte, treten 
sie entweder als schmale Risse oder doch wenigstens als Flächen ver- 
minderter Kohäsion auf, längs deren sich das Gestein am leichtesten 
trennt. Da Verwerfungen mit ihnen nicht verbunden sind, gehören 
sie in die Klasse von Erscheinungen, für welche Daubree 2 ) den Namen 
Diaklasen vorschlägt. Der sächsische Steinbrecher bezeichnet sie als 
Lose oder Verlosungen, eine Bezeichnung, die etymologisch wohl mit 
dem wissenschaftlichen Ausdrucke Ablösung zusammenhängt, und deren 

') Neumayr, Die geographische Verbreitung der Juraformation. Denk- 
schriften der Wiener Akademie 50. Bd., 1885, S. 63 ff. Vgl. die oben S. 265 [21] 
angeführten Arbeiten von Bruder. 

s ) Daubr^e, Experimentalgeologie, deutsch von Gurlt. 



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288 Alfred Hettner, [44 

auch wir uns bedienen wollen, wenn es gilt, den Gegensatz zu den 
Klüften, d. h. den durch Verwitterung erweiterten Losen, hervorzuheben. 

Diese Lose besitzen eine höchst regelmässige Anordnung. Sie 
stehen im allgemeinen senkrecht auf den Schichtungsflächen und 
schneiden einander in ganz oder nahezu rechten Winkeln, so dass die 
quaderförmige Absonderung entsteht, welche dem Gesteine den Namen 
gegeben hat. Die Blöcke, welche auf diese Weise gebildet werden, 
sind jedoch durchaus nicht immer würfelförmig, sondern ebenso oft, 
je nachdem die Mächtigkeit der Bänke grösser oder geringer ist als 
der Abstand der Lose, pfeiler- oder plattenförmig. Nicht selten brechen 
die Lose an den Schichtenfugen ab und finden in geringer Entfernung 
ihre Fortsetzung, ohne ihre Richtung zu ändern. Mitunter sind sie 
unter einem schiefen Winkel gegen die Schichtungsebene geneigt; ge- 
wöhnlich finden sich dann mehrere schräge Lose neben einander, deren 
Streichrichtungen unter sich und mit denen der benachbarten Lose 
parallel sind. Der Grosse Bärenstein bietet ein ausgezeichnetes Bei- 
spiel solcher schrägen Zerklüftung. Es kommt sogar vor, dass eine 
senkrechte Kluft nach oben in einer schrägen Kluft fortsetzt oder sich 
in zwei schräge Klüfte teilt. Auch im Grundrisse finden sich ähnliche 
Unregelmässigkeiten; nur im allgemeinen ist die Streichrichtung der 
Klüfte eine geradlinige; häufig ist sie sanft gekrümmt, so dass die- 
selbe Kluft in geringer Entfernung Richtungsunterschiede von 30° 
aufweisen kann; mitunter teilt sich eine Kluft auch in zwei Klüfte, 
die von der ursprünglichen Streichrichtung aus nach zwei Seiten 
divergieren. 

Auch auf engem Räume finden sich sehr verschiedene Kluft- 
richtungen neben einander ausgebildet, von denen aber die meisten 
nur durch kurze und unregelmässige Klüfte vertreten sind, während 
die grossen, im ganzen geradlinigen Klüfte innerhalb eines kleinen 
Bezirkes meist auffallend unter einander übereinstimmen und sich in 
zwei ganz oder nahezu senkrecht auf einander stehende, also gepaarte, 
Systeme ordnen lassen, wobei die Abweichung von der mittleren Rich- 
tung selten mehr als 10 — 15° nach jeder Seite hin beträgt. Gutbier 
hat dieses Verhältnis zuerst mittels Messtisch und Kette am Gorisch- 
steine festgestellt, wo er die eine Absonderung aus NW nach SE, die 
andere aus NE nach SW streichend fand, und spricht die Ver- 
mutung aus, dass auch in entfernter von einander gelegenen Gegen- 
den die grösste Differenz 30 0 nicht übersteigen dürfte *). Die zahl- 
reichen Beobachtungen der Kluftrichtungen, welche ich mittels eines 
guten Kompasses angestellt habe, haben jedoch nicht ganz zu dem 
gleichen Resultate geführt 2 ). Fast jede Kluftrichtung tritt in irgend 
einem Teile der sächsischen Schweiz in grösserer Anzahl auf, wenn 
auch in der Anordnung derselben eine gewisse Regelmässigkeit be- 
merkbar ist. Auf dem rechten Elbufer herrscht zwischen Pirna und 
Schandau die Richtung WNW-ESE (genauer N 120° E), also die Rich- 
tung des Elblaufes, und die darauf senkrechte Richtung NNE-SSW 



') Geognostische Skizzen S. 31 u. Anm. 

2 ) Vgl. die Darstellung der Kluftrichtungen auf der Uebersichtskarte. 



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Gebirgsbau und Oberflächengestaltung der sächsischen Schweiz. 289 



vor. Bei Schandau sieht man jedoch die Richtungen W-E und N-S 
an deren Stelle treten, und schon bald schwenken dieselben in die 
Richtungen WSW-ENE und NNW -SSE um, um jedoch in der 
Gegend von Hinterhermsdorf wieder in die reine Ost- und Nordrich- 
tung zurückzukehren. Die Klüfte laufen also der Granitüberschiebung 
im ganzen parallel. Die WSW-ENE und die darauf senkrechte 
NNW-SSE-Richtung kommen auch in der Gegend von Dittersbach i. B., 
zwischen Kamnitz und Elbe und westlich der Elbe bis zum Schneeberg, 
also in einer der. gleichlaufenden erzgebirgischen Flexur benachbarten 
Zone zur Geltung. Schon in der Gegend von Niedergrund und Eiland 
findet jedoch wieder eine Umbiegung in die sudetischen WNW-ESE- 
und NNE-SSW-Richtungen statt. Im Gebiete der Flexur stehen die 
Klüfte im allgemeinen senkrecht auf den Schichtenfugen, bilden also, 
da diese ungefähr unter 20° gegen den Horizont geneigt sind, mit 
der Senkrechten einen Winkel von dem gleichen Betrage. 

Die Versuche, die Klüfte und die quaderförmige Absonderung 
aus der Krystallisationskraft oder aus magnetischen und elektrischen 
Kräften zu erklären, sind so kühn, entbehren so sehr jedes thatsäch- 
lichen Anhaltes, dass man nicht nötig hat, bei ihnen zu verweilen. Die 
Mehrzahl der Geologen sieht oder sah wenigstens bis vor kurzem die 
Ursache derselben in einer Zusammenziehung des Gesteins infolge der 
Austrocknung. Auch Gutbier huldigt dieser Ansicht, er meint, das 
ursprüngliche Bestreben, bei der Kontraktion Kugelform anzunehmen, 
sei durch das Anhängen an die Schichtungsebenen vereitelt worden, 
und so sei der Quader, der geognostische Würfel , das Produkt dieser 
nur durch Adhäsion beschränkten Kontraktion gewesen. Als Beleg 
dafür führt er einige sphäroidische Absonderungen aus dem Quader- 
sandsteingebiete an (a. a. 0. S. 27 ff.). Aber gerade die Seltenheit 
solcher kugeliger Formen sollte uns der ganzen Erklärung gegenüber 
bedenklich machen. Jedenfalls würde doch das Produkt einer solchen 
Zusammenziehung im allgemeinen wirklich würfelförmig sein müssen, 
während man in Wahrheit ebenso oft plattenfbrmigen oder pfeiler- 
förmigen Gebilden begegnet. Endlich müssten die Klüfte ganz un- 
regelmässig angeordnet sein oder, falls die Austrocknung, in einer 
schwer vorzustellenden Weise, in der ganzen Quadersandsteinmasse gleich- 
zeitig und zusammenhängend vor sich ging, in konzentrischen Ringen 
liegen, während die Anordnung der Klüfte, welche wir thatsächlich 
bestehen sahen, mit ihrer Beziehung auf die Dislokationslinien , sich 
nicht durch die Austrocknung des Gesteins erklären lässt, sondern auf 
die Prozesse der Gebirgsbildung hinweist. 

Wir kommen damit also zu demselben Resultate, welches Daubree 
in seinen „Synthetischen Studien zur Experimentalgeologie* durch die 
scharfsinnige Zusammenstellung eigener und fremder Beobachtungen 
und sinnreicher Experimente gewonnen hat. Die wichtigste Thatsache 
auch seiner Beweisführung ist die gleichbleibende Richtung der Klüfte 
über grosse Flächen, die Anordnung derselben in zwei aufeinander 
rechtwinklige Kluftsysteme, von denen, bei geneigten Schichten, das eine 
der Streichungslinie, das andere der Falllinie entspricht. Er hebt hervor, 
dass die Klüfte in verschiedenen Gesteinen dieselbe Richtung bewahren, 



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290 



Alfred Hettner, 



[46 



dass dieselben in Konglomeraten mitunter die Gerolle durchschneiden, 
dass Versteinerungen in der Nähe der Klüfte verzogen und verkrümmt 
sind, also lauter Thatsachen, welche gegen die Austrocknungstheorie 
und für eine Zerreissung sprechen. Auch künstlich konnten derartige 
regelmässige Klüfte durch Kontraktion nicht nachgeahmt werden, dagegen 
gelang es, durch Zerreissung einer Glasplatte bei Torsion, durch Pressung 
eines Prismas aus Formwachs unter einer hydraulischen Presse, sowie 
endlich durch horizontalen Druck auf ein längliches Prisma Spalten- 
systeme zu erzeugen, welche den in der Natur vorkommenden nach- 
gebildet erscheinen. In dem dritten Falle trat aber die Spaltenbildung 
erst nach vorausgegangener Faltung ein, so dass wir davon für die 
Erklärung der sächsischen Schweiz keinen Gebrauch machen können. 
Hierfür scheint der erste Fall die meiste Analogie zu bieten, da wir ja 
in dem Bau der sächsischen Schweiz thatsächlich eine Torsion erkannten 
(vgl. S. 282 [38]). 

Weder die Hebung bezw. Senkung des Quadersandsteins in der 
sudetischen Richtung, noch die Aufwölbung am Kamme der erzgebir- 
gischen Flexur konnten bei der spröden Natur des Gesteins bruchlos 
erfolgen ; so dass sich hierbei Systeme von Sprüngen gebildet haben 
mögen, welche den Störungslinien teils parallel gerichtet sind, teils 
senkrecht auf denselben stehen. Daraus erklärt es sich, dass im nord- 
westlichen Teile die WNW- und NNE-Richtung, am südöstlichen Rande 
dagegen die WSW- und NN W -Richtungen vorherrschen. Dagegen ist 
es schwer, die Beziehungen zu erklären, welche die letzteren Richtungen 
zugleich zu der betreffenden Strecke des Lausitzer Granitrandes zeigen. 
Möglicherweise sind die Krümmungen desselben auf eine Einwirkung der 
erzgebirgischen Richtung zurückzuführen. Eine Lösung aller Schwierig- 
keiten und eine volle mechanische Erklärung ist erst nach einer ganz 
genauen Aufnahme zu erwarten, welche am besten im Zusammenhange 
mit der geologischen Kartenaufnahme vorgenommen würde. 



VII. Verwitterung und Abtragung. 

Die geognostische Zusammensetzung der sächsischen Schweiz ist, 
wie wir gesehen haben, eine höchst einförmige. In fast ununter- 
brochener Folge liegen Sandsteinbänke übereinander, die sich nur 
durch die verschiedene Mächtigkeit, die verschiedene Grösse der Quarz- 
körner und den verschiedenen Reichtum an thonigem oder eisen- 
schüssigem, seltener kalkigem Bindemittel unterscheiden. Es ist ein 
Quarzsandstein, der im Durchschnitt zu 96 — 98 Proz. aus Quarzsand, 
zu 2 — 4 Proz. aus Eisenoxyd oder Thon besteht, so dass die einzelnen 
Sandkörner fast ohne Bindemittel miteinander verwachsen sind 1 ). Auf 



l ) Fallou, Grund und Boden des Königreiches Sachsen S. 116 ff. 



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Gebirgstal! und Oberflächengestaltung der sächsischen Schweiz. 291 



dem linken Elbufer findet sich eine im Mittel etwa 6 m mächtige 
Einlagerung von kalkigem oder mergeligem Plänersandstein , welche 
von der Elbe allmählich bis über 500 m Meereshöhe ansteigt. In 
einem etwas höheren Niveau wird der Sandstein stark thonig und geht 
bei Naundorf, Wehlen und Zatzschke in reinen Thon oder Mergel 
über. Ausserdem helfen nur einige Basaltkuppen, die ursprünglich 
grossenteils im Quadersandstein eingeschlossen waren, sowie Diluvial- 
kiese und -lehme die Einförmigkeit unterbrechen. Der Sandstein liegt 
auf dem rechten Elbufer im ganzen ziemlich horizontal, auf dem linken 
in schwach geneigten Bänken; regelmässig angeordnete, senkrechte 
Klüfte haben den Zusammenhang der Bänke gelöst. 

Das Regenwasser, welches auf diese Sandsteinflächen auftrifft, 
sickert durch die Klüfte und auch in dem porösen Gestein selbst rasch 
in den Boden ein. Nur nach starken Regengüssen und zur Zeit der 
Schneeschmelze rinnt ein grösserer Teil des Wassers oberflächlich ab, 
weil dann die Menge des auf einmal zugeführten Wassers zu gross 
ist, als dass der Boden dasselbe ganz fassen könnte. Wo die Sand- 
steintafeln durch Gründe unterbrochen werden, tritt ein Teil des ein- 
gesickerten Wassers, wie man besonders im Winter an den Eiszapfen 
bemerken kann, auf den Schichtenfugen zu Tage und tränkt die 
Pflanzen, denen die Sonnenstrahlen nur wenig Feuchtigkeit entziehen. 
In diesen Gründen finden wir daher die Fichte und üppige Farnkräuter, 
während auf den trockenen Sandsteintafeln selbst nur die bescheidene 
Kiefer fortkommt. Eigentliche Quellen finden sich in der sächsischen 
Schweiz nur da, wo die krystallinische Grundlage zu Tage tritt, oder 
wo die Plänereinlagerung oder die thonige Zwischenschicht das Wasser 
auffangen, oder wo Basalt oder Lehm den Quadersandstein bedecken. Auf 
dem Basalt nehmen z. B. die Quellen um den Grossen Winterberg ihren Ur- 
sprung, der thonigen Zwischenschicht scheinen einige der Quellenzwischen 
Rosenthal und Schöna zu entspringen, während andere einem diluvialen 
Gehängelehm angehören, und das glaciale Diluvium scheint z. B. die 
kleinen Quellen hinter der Bastei zu erzeugen. Bei weitem am wich- 
tigsten sind aber die Quellen der Plänerschicht. Auf der Plänerschicht 
treten alle die Quellen um den Schneeberg zu Tage, welche die Biela, 
den Cunnersdorfer und den Krippenbach bilden; auf ihr entspringen 
auch die Quellen der Schweizermühle und von Königsbrunn, welche zur 
Begründung der dortigen Wasserheilanstalten Veranlassung gegeben 
haben; auf ihr liegt die mächtige Wasserschicht, welche den tiefen 
Brunnen der Festung Königstein speist, ihr verdanken vielleicht auch, 
als Spaltquellen, die starken Quellen im Grunde der Langen Biela 
oberhalb Herrnskretschen ihren Ursprung 1 ). Wir haben früher gesehen, 
dass die Plänerschicht nur auf dem linken Elbufer oder, genauer gesagt, 
nur südwestlich der Elb-Kamnitzlinie zu Tage tritt, auf dem rechten 
Ufer dagegen unter der heutigen Sohle der Thäler liegt. Daher sind 
auch die an diese Schicht gebundenen Quellen im ganzen auf das 
linke Ufer der Kamnitz-Elbe beschränkt. Das linke Ufer ist aber 



J ) Vgl. Gutbier a. a. 0. S. 87 f. Schiffner, Beschreibung der sächsisch- 
böhmischen Schweiz S. 21 ft*. 



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292 



Alfred Hettner, 



[48 



vor dem rechten auch dadurch bevorzugt, dass die geneigte Schichten- 
stellung den oberflächlichen Abfluss des Wassers und die Vereinigung 
der kleinen Wasseradern begünstigt. Es unterscheidet sich daher in 
Bezug auf seine Bewässerung gar nicht so sehr von anderen Gegenden ; 
am rechten Ufer dagegen können wir stundenlang wandern, ohne 
unseren Durst stillen zu können, und die Bäche verlieren hier häufig 
mehr Wasser im Sande, als sie zugeführt erhalten. 

Die geognostische Zusammensetzung eines Gebirges bedingt aber 
neben der Wasserführung auch den Charakter der Verwitterung. Die- 
selbe wird in der sächsischen Schweiz ganz überwiegend ein mecha- 
nischer Prozess sein, denn die Menge des Bindemittels ist im Quader- 
sandstein so gering, dass seine Umänderungen ohne Bedeutung sind, 
der Quarz aber ist nur unter ganz besonderen Verhältnissen einer 
chemischen Umwandlung oder Lösung fähig, so dass auch diese gegen- 
über der mechanischen Wegführung desselben nicht in Betracht kommen 
kann. Zwar pflegt der an sich weisse oder gelbe Sandstein eine graue 
Kruste zu besitzen, aber dieselbe beruht nicht auf einer chemischen 
Umwandlung, sondern auf der Eindrängung kleinster organischer Be- 
standteile zwischen die lockeren Sandkörnchen. 

Es sind wesentlich drei Formen, in welchen sich die Verwitterung 
äussert, in der Bildung von Sand, in der Zersprengung des Gesteins 
und in der Ablösung ganzer Quaderblöcke. Die Sandbildung kann 
eine Folge dieser Erscheinung sein, da die Felsblöcke häufig durch die 
Gewalt des Sturzes zermalmt werden, im allgemeinen aber wird sie 
die Verwitterung einleiten. Der Regen, der auf das Gestein trifft, 
dessen Wasser von der Oberfläche nach aussen abfliesst oder in die 
Klüfte hinabrinnt oder durch das ganze Gestein hindurchsickert, der 
Bach, der über den Fels dahinrauscht, der Wind, der, mit Sand beladen, 
die nackten Felswände peitscht, der Wechsel von Wärme und Kälte, 
der die Quarzkörner und noch mehr das im Gesteine enthaltene Wasser 
ausdehnt und zusammenzieht, der es zu Eis erstarrt und das Eis wieder 
schmilzt, die Vegetation, besonders die Moosvegetation, „welche mit 
ihren Würzelchen zwischen die Sandkörner eindringt und dann in 
kleinen Polstern abfallt und jedesmal Sandkrusten mit loszieht" (Gut- 
bier S. 100), sie alle sind thätig, um den Sandstein in Sand zu ver- 
wandeln. 

Wo diese Sandbildung an einem Abhänge vor sich geht, fallen 
die losgelösten Sandkörner infolge ihrer Schwere zu Boden; falls sich 
keine schützende Vegetationsdecke über den Sand breitet, nimmt der 
Wind die feineren Sandkörner weg und häuft sie an anderen Stellen wieder 
auf, aber nur das spülende und fliessende Wasser führt, gegenwärtig 
wenigstens, grössere Sandmassen auf weitere Entfernung fort. Wo 
daher das Wasser fehlt, bleibt der Sand liegen und bildet eine Decke, 
welche das darunter liegende Gestein den Einflüssen der Verwitterung 
entzieht. Nur wo durch einen Thaleinschnitt oder irgend eine andere 
Ursache ein steiles Gefall erzeugt wird, fliesst wenigstens ein Teil 
des Wassers oberflächlich ab und nimmt den angehäuften Sand mit 
fort. Während sich daher die Hochflächen im allgemeinen in einem 
Ruhezustande befinden, entfaltet die Verwitterung ihre volle Kraft an 



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49] Gebirgsbau und Oberflächengestaltung der sächsischen Schweiz. 293 

den senkrechten Felswänden, denen wir in der sächsischen Schweiz so 
häufig begegnen, und deren Entstehung uns später beschäftigen wird. 

Fast jeder einzelne Quader dieser Felswände zeigt sich von der 
Verwitterung angenagt. Dass die Seitenflächen der Quadern dieser 
Einwirkung unterliegen, bezeugen uns vorstehende horizontale Leisten, 
welche ihre Erhaltung einer grösseren Widerstandsfähigkeit des Ge- 
steines an dieser Stelle verdanken. Am stärksten hat die Verwitterung 
an den Schichtenfugen und Ablösungsflächen wirken können, worauf 
die allgemeine Abrundung der Felsblöcke beruht. Diese Abrundung 
ist am oberen Rande der Felswand,' welcher dem Wind und Wetter 
am meisten ausgesetzt ist, am stärksten ausgeprägt, so dass das Profil 
der Quaderblöcke hier fast das Ansehen von Kreisquadranten gewinnt. 
Greift aber die Verwitterung nicht nur von einer Seite, sondern, wie 
es bei einzelnen Felspfeilern der Fall ist, von allen Seiten an, so 
schliesst auch die Oberfläche der Felsen halbkugelförmig ab. An anderen 
Punkten findet sich an diesen nackten Felsoberflächen eine unregel- 
mässige Abwechselung von Höckern und Leisten, Löchern und Furchen, 
welche Gutbier (S. 58 ff.) passend mit den Karrenfeldern der Schweizer 
Kalkalpen vergleicht, wenngleich sie an Grösse weit hinter denselben 
zurückbleiben, da die Höhendifferenzen hier wohl kaum je mehr als 
Vi — */a m betragen. Die Furchen pflegen von dem Gipfel des Blockes 
nach allen Seiten abzufallen und weisen dadurch vielmehr auf eine 
Thätigkeit des Wassers als des Windes hin; das Wasser hat hier 
natürlich nicht chemisch, sondern mechanisch gewirkt, und wie im 
Kalke eine ungleiche chemische Zusammensetzung dem Wasser den 
Weg zu weisen scheint, so scheinen hier die kleinen Rücken und Gipfel 
durch gröbere Quarzkörner bedingt zu sein. An einzelnen Stellen, 
besonders an den Kanten der Tafelberge, findet man beckenförmige 
Vertiefungen, welche vielfach für alte, künstlich ausgehöhlte, Opfer- 
becken gehalten worden sind, welche ihre Entstehung aber wohl gleich- 
falls dem auftreffenden Regenwasser verdanken. 

Auch in einer anderen Beziehung bringt die mechanische Auf- 
lockerung des Sandsteines eine ähnliche Wirkung wie die chemische 
Lösung des Kalkes hervor. In vielen Fällen sind die Sandsteinflächen 
dicht mit Löchern besetzt, zwischen denen ein unregelmässiges Netz- 
werk aus feuchtem, leicht zerreiblichem Sandstein stehen geblieben ist 1 ). 
Diese Löcher scheinen sich nur an den Seitenflächen und Unterflächen 
(bei Ueberhängen) , nie aber an den Oberflächen zu finden. An den 
Unterflächen haben sie eine kreisförmige Gestalt, an den Seitenflächen 
die Gestalt eines Kreissegmentes, das etwas grösser als ein Halbkreis, 
und dessen abschneidende Sehne horizontal ist und immer den unteren 
Rand bildet. Besonders häufig und gut ausgebildet sind diese Löcher 
an den Schichtenfugen, wo sie die Gestalt kleiner Höhlchen annehmen. 
Sie sind dann kugelförmig nach innen gewölbt, der Boden ist eine 
horizontale oder sanft nach aussen, selten nach innen geneigte Ebene, 
die häufig mit Sand bedeckt ist. Im allgemeinen haben sie 10 — 15 cm 
Oeffnungshöhe; es findet jedoch ein allmählicher Uebergang zu den 



') Vgl. die Abbildungen bei Gutbier, Geogn. Skizzen S. 93—98. 
Forschungen zur deutschen Landes- nnd Volkskunde II. 4 20 



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294 Alfred Hettner, [50 

grösseren Höhlen statt, deren Höhe oft 5 m erreicht. Manche Bänke 
scheinen eine besondere Empfänglichkeit für diese Bildungen zu be- 
sitzen, denn man sieht hier eine Höhle unmittelbar neben der anderen, 
während sie darüber und darunter gänzlich fehlen. 

Gutbier hält diese Löcher und Höhlen für eine Wirkung des 
Nebels, welcher sich besonders in den Felsendickichten fängt. Ein 
kieselig-thoniges Bindemittel, wie in den meisten feinkörnigen Sand- 
steinen vorhanden, widerstehe am besten der Zerstörung; walte aber 
der Thon vor, so nehme er begierig das Wasser auf, welches ihn 
mechanisch aufweiche und ausführe. Aber es ist schwer, sich vorzu- 
stellen, wie der Nebel Höhlen von 5 m und grösserer Höhe geschaffen 
haben soll, so dass auch Gutbier für diese grösseren Bildungen zum 
Teil die Hilfe des Meeres in Anspruch nimmt. Vielfach begegnet 
man ihnen an ganz frei gelegenen Stellen, z. B. an den Wänden der 
Kaiserkrone, wo Nebel nur ganz selten auftreten, und andererseits 
sieht man sie auch in Steinbrüchen angedeutet, wo der Nebel noch 
gar keinen Zutritt gewonnen hat. Wenn diese Bildungen also nicht 
wohl vom Nebel hervorgerufen sein können, so hat Gutbier doch darin 
sicherlich Recht, dass sie dem Wasser zugeschrieben werden müssen, 
welches sich innerhalb des Gesteines befindet; da ist aber das Schwitz- 
wasser, das von oben in den Felsen einsickert und denselben ganz 
durchdringt, bis es von der Unter fläche der Bänke herabtropft oder 
sich in den Schichtenfugen sammelt, von weit grösserer Bedeutung 
als das Wasser, das von unten und der Seite her aus der Atmosphäre 
aufgenommen wird. Die Wirkung dieses Schwitzwassers ist eine rein 
mechanische, so dass wir keinen Stalaktiten- und stalagmitenartigen 
Bildungen begegnen; wir vermögen jedoch nicht zu sagen, wie weit 
das Wasser selbst, und wie weit das Gefrieren desselben wirksam ist. 
Eine andere Schwierigkeit für die Erklärung liegt darin, dass sich im 
allgemeinen nicht zusammenhängende Eintiefungen, sondern eben diese 
Löcher und Höhlchen gebildet haben, welche durch schmalere oder 
breitere Zwischenräume getrennt sind. Bischof, der sich mit den gleich- 
artigen Sandsteinbildungen von Adersbach und Weckelsdorf beschäftigt 
hat, sieht die Ursache in einer verschiedenen Härte und Widerstands- 
fähigkeit des Gesteines 1 ), aber es ist unwahrscheinlich, dass in hori- 
zontaler Richtung eine so regelmässige Abwechselung harter und weicher 
Stellen stattfinde. Die Ursache liegt vielmehr in der Verteilung des 
Wassers, welches besonders an den Wurzeln der Gewächse in das 
Gestein dringt und in einzelnen, wenn auch vielen und kleinen Fäden 
das Gestein durchsickert. An manchen Stellen fehlen diese Unregel- 
mässigkeiten ; statt einer Reihe von Höhlen finden wir eine Art Ueber- 
hang, dessen stark angegriffene Decke eine gleichmässig nach innen 
geneigte Ebene bildet. 

Nachdem an einem Punkte der Anfang mit der Wegführung 
des Sandes gemacht und so ein Löchelchen gebildet war, musste die 
Vergrösserung desselben leichter vor sich gehen; auf horizontalen 
Flächen gleichmässig nach allen Seiten, während an vertikalen Flächen 



l ) Neues Jahrbuch für Mineralogie u. e. w. 1844. 



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Gebirgsbau und Oberflächengestaltung der sächsischen Schweiz. 295 



das Sickerwasser nur von oben und von den Seiten her wirken konnte. 

• 

Je mehr Wasser an einem Punkte zusammenfliesst, und je angreif- 
barer der Sandstein ist, um so stärker wird die Wirkung sein; daher 
kommt es, dass diese Höhlchen sich besonders an den Schichtenfugen 
finden, dass die grösseren Höhlen in einem Niveau zu liegen pflegen, 
wie man am Kuhstall oder am Quirl so schön beobachten kann. Jede 
solche Höhle kann sofort wieder der Ausgangspunkt für neue Angriffe 
werden; am hinteren Ende finden sich daher vielfach kleinere Höhlchen 
von gleicher Gestalt. Mitunter werden dieselben zu engen Gängen, 
deren Länge leicht 1 m erreicht; sie mögen etwas grösseren 
Wasserfäden entsprechen. Der Zwischenraum zwischen zwei Höhlchen 
wird von beiden Seiten angegriffen; an der schmälsten Stelle stehen 
dieselben daher vielfach durch kurze Gänge in Verbindung, die der 
Aussenwand parallel laufen, dazwischen bleiben dann sanduhrförmige 
Pfeiler oder kurze Wände stehen; wenn auch diese weggewaschen 
werden, so entstehen einfache Einbiegungen im unteren Teile der 
Bänke. 

Die grösseren Höhlen der sächsischen Schweiz sind, soweit sie 
diesen Namen überhaupt mit Recht tragen, wesentlich dieselben Bil- 
dungen, wie die kleinen Höhlchen und Ueberhänge. Die Hieckelshöhle 
in den Hieckelsschlüchten , die etwa 8 m hoch, 14 m tief und 45 m 
breit ist (Gutbier S. 98), ist nichts als ein grosser Ueberhang; der 
Diebskeller im Quirl mit 35 m Tiefe und 17 m Breite 1 ) unterscheidet 
sich nur durch die Grösse von den kleineren Höhlchen. Es kommt, 
z. B. in den Tyssaer Wänden, vor, dass diese Höhlen eine ganze Fels- 
wand durchsetzen und dadurch zu Thoren werden. Der Kuhstall und 
das Prebischthor sind solche Thore, nur dass hier oberflächlich spülen- 
des Wasser und die Wegführung ganzer Quadern mitwirken mochte, 
obgleich die Einleitung des Prozesses immer durch die Sandbildung 
geschah. 

Andere Thore sind ganz anderer Entstehung; sie bilden mit vielen 
der zahlreichen Löcher und Keller und manchen sogenannten Höhlen 
zusammen eine Gruppe von Bildungen, die alle den Charakter von 
Durchgängen haben, sich aber auf drei verschiedene Typen zurück- 
führen lassen. Entweder sind es einfache Klüfte, deren Wände nach 
oben zusammenneigen (z. B. die Dianenhöhle bei der Waltersdorfer 
Mühle) oder enge Schluchten, die oben durch herabgefallene Felsblöcke 
geschlossen sind (TJttewalder Felsenthor, Amselloch u. s. w.), oder, 
und zwar am häufigsten, entstehen sie dadurch, dass sich Felsblöcke 
geneigt und an eine Wand angelehnt haben (z. B. der Diebskeller am 
Bärenstein, Kuhstall am Pfaffenstein) 2 ). 

Verhältnismässig weniger wichtig als die Sandbildung ist die 
Zersprengung des Gesteines durch die Verwitterung. Die Sprünge, 
welche von den auf ganz andere Kräfte zurückzuführenden Losen oder 
Klüften (vgl. S. 287 [43] ff.) wohl zu unterscheiden sind, laufen durchaus 



*) Schäfer und Friedemann, Neues Wanderbuch durch Sachsen T, S. 35. 
2 ) Ein Verzeichnis derartiger Bildungen, aber ohne Beschreibung, gibt 
Schiffner a. a. 0. S. 7 und 8. 



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296 



Alfred Hettner, 



[52 



nicht immer von einer Schichtenfuge zur anderen, sondern gehen häufig 
nach oben, häufig nach unten blind aus. Sie haben oft eine senkrechte 
Richtung; ein interessantes Beispiel dafür findet sich am Diebskeller 
beim Bärenstein, wo man an einem grossen, schief an eine Wand 
gelehnten Felsblocke einige Sprünge senkrecht auf der Schichtfläche 
stehen, andere gegenwärtig eine senkrechte Stellung einnehmen 
sieht. Diese Sprünge können nur eine Wirkung der Vegetation oder 
des Frostes sein; manchmal mögen sich allerdings Baumwurzeln in 
den Fels gedrängt und ihn zerspaltet haben, im ganzen aber werden 
wir die Sprünge auf das Gefrieren zurückführen müssen. Der Gefrier- 
prozess hat im allgemeinen bei porösen Gesteinen das Zerfallen in Sand, 
bei dichten Gesteinen die Entstehung von Sprüngen und eckigen Bruch- 
stücken zur Folge. In unserem grobkörnigen, fast cämentlosen Sand- 
steine wird daher die Bildung von Sand an der Oberfläche die ver- 
breitetere Wirkung sein, aber hier und da, wo sich etwa grössere 
Wasseradern finden, mag wohl auch einmal der ganze Stein ausein- 
andergesprengt werden. Besonders häufig bilden sich derartige Sprünge 
parallel grösseren Klüften, an denen eine ganze Felswand gleichsam 
abblättert. 

Eine dritte Art der Wirkung, welche aber mit der vorigen viel 
Aehnlichkeit hat, besteht in der Ablösung ganzer Quaderblöcke. „Füllt 
sich die Kluft mit Schnee, dringt später Wasser in sie und friert hier- 
auf das Ganze, so werden die Felsen wie durch einen Keil auseinander- 
getrieben und teils ganze Felsmassen abgesprengt, teils an benachbarte 
angelehnt" (Bischof a. a. 0.). Dasselbe Resultat tritt ein, wenn Bäume 
ihre Wurzeln in die Klüfte hinabsenken und beim Wachsen den Fels 
zur Seite drängen, wenn durch Sandbildung die Lose und Schichten- 
fugen immer mehr erweitert werden, so dass der Block endlich 
seinen Halt verliert und hinabfällt, oder wenn ein Bach oder eine 
Regenflut den letzten Widerstand tiberwindet und den Fels mit sich 
fortreisst. 

Noch mehr natürlich als die Sandbildung ist die Ablösung ganzer 
Quadern an die mehr oder weniger steilen Felswände gebunden, weil 
nur hier das Gefälle vorhanden ist, welches die Entfernung der ge- 
lockerten Blöcke ermöglicht. Im allgemeinen wird die Ablösung der 
Blöcke an der oberen Felskante beginnen und von hier gleichzeitig 
nach unten und hinten, jedoch mit grösserer Schnelligkeit nach unten 
fortschreiten, so dass meist ziemlich steüe Abhänge entstehen. Auf 
Fig. 1 ist über der Linie DF der Fortschritt der Ablösung bei würfel- 
förmigen Blöcken, d. h. bei gleichem Abstände der Lose und Schichten- 
fugen, bei völlig gleichartiger Beschaffenheit des Gesteines und Abwesen- 
heit stärkerer Wasserwirkung schematisch dargestellt. Die lateinischen 
Buchstaben bezeichnen die horizontalen Bänke, die griechischen die 
vertikalen Reihen. Zuerst wird sich aa uild ba ablösen, nun erst wird 
aß bei hinreichender Abrundung sein«! Halt verlieren können. Gleich- 
zeitig mit aß fällt aber auch ca u. s. f., wie die eingeschriebenen Zahlen 
andeuten. Man sieht, dass am Ende jedes Zeitraumes ein treppen- 
förmiges Ansteigen stattfindet, wobei jede Stufe zwei Quadern hoch 
und eine breit ist, so dass der Neigungswinkel der Felswand 63 1 (i be- 



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53] Gebirgsbau und Oberfiachengestaltung der sächsischen Schweiz. 297 

trägt (tang o = 2). Die quaderförmige Absonderung ist es also, welcher 
die sachsische Schweiz ihre steilen Felswände verdankt, durch die sie 



Fig. L 




sich so wesentlich von den meisten anderen deutschen Mittelgebirgen, 
z. B. dem in vieler Beziehung so verwandten rheinischen Schiefergebirge, 
unterscheidet. 

Nattirlich erleidet dies Normalprofil in der Natur die mannig- 
fachsten Abänderungen. Grössere Wassermenge, welche z. B. aus einer 
Neigung der Oberfläche entspringen kann, verstärkt die in horizontaler 
Richtung wirkenden Kräfte, bedingt also einen sanfteren Abfall der 
Wand und damit eine Verdrängung der Felsen durch humusreicheren 
Boden. Pfeilerförmige Gestalt der Quadern begünstigt die Abtragung 
nach der Tiefe, plattenförmige die Abtragung nach hinten. Am wich- 
tigsten aber ist ungleiche Beschaffenheit der übereinanderliegenden Ge- 
steinsbänke; sind die unteren Bänke weicher, neigen sie besonders zur 
Bildung von Höhlen, und Ueberhängen, so werden sie eher zerstört als 
die darüberliegenden. Mitunter, nämlich wenn die Kluft, an welcher 
der Abbruch erfolgt, etwas nach hinten gerückt fortsetzt, behalten die 
oberen Bänke ihre Lage und bilden Ueberhänge, meist aber verlieren 
sie ihren Halt und stürzen herab oder senken sich auch nur, wenn sie 
dem Boden nahe sind und die Ablösungsflächen weit auseinanderliegen, 
sanft abwärts, ohne eine Bewegung in horizontaler Richtung zu erleiden 
und ohne den alten Platz ganz zu verlassen. Die meisten der oft haus- 
hohen Blöcke, welchen man überall begegnet, und die man häufig an 
die Felswände lehnen sieht, sind auf diese Weise in Dire heutige Lage 
gebracht worden. Verheerender sind die eigentlichen Bergstürze, bei 
denen oft mehrere Hundert Kubikmeter zugleich abstürzen und grossen- 
teils zertrümmern ; die grosse Zahl glatter, senkrechter Felswände weist 
auf die Häufigkeit solcher Bergstürze hin. Eine grössere Weichheit 
der oberen Bänke oder auch nur einer der oberen Bänke hat umgekehrt 
ein schnelleres Zurückweichen derselben und damit Terrassenbildung 
zur Folge; viele der Felsterrassen, welche der Wanderer an den Schramm- 



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298 Alfred Hettner, [54 

steinen, an den Felswänden beim Prebischthor, am Teichstein u. s. w. 
so deutlich und auf so weite Erstreckung bemerkt, sind auf diese Ur- 
sache zurückzuführen, ohne dass die Corrosion des Windes dabei eine 
bedeutende Rolle gespielt zu haben scheint. Besteht die ganze Wand 
aus weichen, thonigen Schichten, wie vielfach am linken Elbufer der 
Fall ist, so geht der Wandcharakter überhaupt verloren, und ein gleich- 
massig sanft geneigtes Gehänge tritt, ähnlich wie bei grösserem Zufluss 
von spülendem Wasser, an seine Stelle. 

Wenn die Ablösung der Blöcke nur durch die Schwere erfolgte, 
so müsste sie an der ganzen Wand gleichmässig vor sich gehen, die 
Wand würde vollkommen geschlossen und geradlinig zurückweichen. 
Das abfliessende Wasser dagegen wird durch die kleinste Unregel- 
mässigkeit abgelenkt und sammelt sich daher vielfach zu kleinen Wasser- 
fäden an, welche in grösserem oder geringerem Abstände von der 
Wand herabträufeln. An dieser Stelle wird daher ein Block eher als 
rechts und links daneben fallen, und sobald einmal der Gegensatz ge- 
geben ist, wird er sich immer mehr verstärken, weil der einmal ge- 
bildete Riss das spülende Wasser von allen Seiten an sich zieht, und 
weil er die Angriffsfläche für die Auflockerung des Gesteines vermehrt. 

Die kleinen Risse oder Schluchten, welche auf diese Weise ent- 
stehen, sind meist geradlinig, weil sie die Stelle einer oder mehrerer 
Quaderreihen einnehmen, und pflegen in ziemlich gleichmässigen Ab- 
ständen aufzutreten. Einen eigentümlichen Ausdruck erhalten die Fels- 
wände, wenn ihre Richtung die Kluftrichtungen schräg schneidet. Die 
Südseite des Königsteins bildet hierfür ein typisches Beispiel, indem 
sie sich als eine regelmässige Zickzacklinie darstellt, deren einzelne 
Stücke einander in nahezu rechten Winkeln schneiden. Ganz in der 
Nähe ist die regelmässige Wandbildung an der Nordseite des Quirl be- 
sonders schön zu beobachten J ). Wenn lokal mehr als zwei Kluftsysteme 
ausgebildet sind, so geht die Regelmässigkeit verloren, so finden sieh 
vielfach schiefwinkelige Blöcke, so gewinnen die Felswände ein rauhes 
und unregelmässiges Ansehen. 

Diese Risse greifen gewöhnlich nicht sehr tief in die Wand hinein, 
denn sie verdanken ja ihre Fortpflanzung dem Regen wasser, dessen 
Abfluss sie selbst erst hervorrufen, das ihnen also ebensogut oder bei- 
nahe ebensogut von den Seiten wie von hinten zuströmt. Von den 
im allgemeinen auf der Wand senkrecht stehenden Hauptschluchten 
zweigen sich daher unter rechtem Winkel wenig kürzere Seitenschluchten 
ab, welche der Wand parallel gerichtet sind. Die Seitenschluchten 
zweier benachbarten Hauptschluchten können sich zu einer Schlucht 
vereinigen und so eine Gruppe von Felsquadern von der Wand ab- 
trennen. Gewöhnlich sind diese Schluchtensysteme auf den Rand einer 
Felswand beschränkt, aber unter günstigen Umständen, namentlich 
wenn bei einem schmalen Rücken oder einem Tafelberge der Angriff 
der Witterung von zwei oder mehr Seiten erfolgt und die Wand eine 
grössere Höhe besitzt, können dieselben eine beträchtliche Ausdehnung 
gewinnen. Der Pfaffenstein, die Felsen südlich der Schweizermühle, 



») Vgl. die Abbildungen bei Gutbier S. 33. 



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Gebirgsbau und Oberflächengestaltung der sächsischen Schweiz. 299 



die Tyssaer Wände gehören zu den schönsten und bekanntesten Bei- 
spielen solcher wirrer Schluchtenkomplexe. 

Aber die Quadergruppen zwischen benachbarten Schluchten werden 
allmählich immer mehr verkleinert. Auf den Feiskanten und Felsrücken 
sind auf diese Weise einzelne Blöcke liegen geblieben, in welchen die Phan- 
tasie vielfach Aehnlichkeiten mit einem Lamm oder einer Lokomotive oder 
Stiefel und Stiefelknecht entdeckt hat. Auf diese Weise sind auch die ein- 
zelnen Felspfeiler wie der Prebiskegel, die Katzenkirche bei Dittersbach, 
die Herkulessäulen bei der Schweizermühle, die Barbarine am Pfaffenstein 
entstanden. Endlich werden auch sie der Verwitterung unterliegen, aber 
schon sind neue gleiche Gebilde hinter ihnen geschaffen worden. 

Die Blöcke und der Sand, welche durch Schwere und Wasser aus 
der Felswand ausgebrochen sind, fallen auf den terrassenartigen Vor- 
sprüngen und am Fusse derselben nieder und würden sich daselbst zu 
einem immer höher anwachsenden und schliesslich die ganze Felswand 
verhüllenden Schuttkegel anhäufen, wie es in der Sahara thatsächlich 
der Fall ist, wenn nicht das Wasser an ihrer Fortschaffung arbeitete. 
Fliesst unmittelbar am Fusse der Wand ein grösserer Bach oder ein 
Fluss vorüber, so entfernt derselbe allen durch die Verwitterung ge- 
lieferten Schutt; im allgemeinen bleibt aber diese Wegschaffung dem von 
der Oberfläche der Wand und aus den Schichtenfugen herabträufelnden 
Wasser überlassen, welches auf dem Schuttkegel herabrinnt und die 
leichteren Bestandteile wegspült oder auch in denselben einsickert und 
an der Oberfläche desselben langsam nach aussen dringt, hier ebenso 
wie auf den Schichtenfugen die feineren Partikeln mit sich nehmend. 
So häuft sich der Schutt nur bis zu einer bestimmten Höhe an, in 
welcher ein Gleichgewicht zwischen der Transportkraft und der Schutt- 
bildung an dem noch frei aufragenden Teile der Wand erreicht ist. 
Bevor das jedoch geschehen ist, pflegt der obere Teil der Wand ein 
ganzes Stück zurückgewichen zu sein, so dass der Schutt auch den 
noch nicht zurückgewichenen unteren Teil der Felswand bedeckt. Der 
Fusskegel einer Felswand pflegt daher nur an der Oberfläche aus losen 
Blöcken und Sand, im inneren Teile dagegen aus festen Quadern zu 
bestehen. Strasseneinschnitte in solchen Fusskegeln zeigen grossenteils 
anstehendes Gestein, ja häufig sind sogar Steinbrüche in den Fusskegeln 
in Betrieb. Die Fusskegel sind zwar durch neue Zuführung und Weg- 
führung von Schutt in beständiger Veränderung begriffen, aber dieselbe 
geht äusserst langsam vor sich; der leicht bewegliche Sand hat daher 
meist eine gleichmässige Böschung angenommen, Kiefernwald hat sich 
auf demselben angesiedelt und ihm eine gewisse Festigkeit verliehen, 
und nur die grossen, oft schon halb eingehüllten, Felsblöcke mitten im 
Walde belehren uns über die Natur dieser Abhänge. Nur wenn ein- 
mal eine ganze Wand in einem gewaltigen Bergsturze herabkommt, 
bietet sich dem Auge ein wirrer Trümmerhaufe dar, wie ihn der 
Wanderer im Hochgebirge an der Mündung jedes Wildbaches zu sehen 
Gelegenheit hat. Ein solcher Vergleich mahnt uns an die Kleinheit 
der sächsischen Schweiz und die Zahmheit ihrer Gebirgsnatur, wenn 
uns der Anblick der senkrechten Felswände dieselbe vielleicht für eine 
Weile hatte vergessen lassen. 



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300 



Alfred Hettner, 



[56 



Die Felswände haben nicht nur für die landschaftliche Physiognomie, 
sondern für den ganzen Organismus der sächsischen Schweiz eine so 
grosse Bedeutung, dass wir noch etwas länger bei ihnen verweilen und 
die Gesetze, welche für ihre Bildung massgebend sind, etwas näher 
betrachten müssen. 

Die Gesetze der Erosion lehren uns, dass die Gestalt und Lage 
eines Wasserfadens, welcher gerade allen zugeführten Schutt wegschaffen 
kann , von der Menge und Beschaffenheit dieses Schuttes , von der 
Wassermenge und von der Lage der Mündung oder der Erosionsbasis 
abhängig ist. Je grösser die Wassermenge ist, desto kleiner braucht 
das Gefäll zu sein, um gleiche Wasserkraft zu erzeugen; je grösser die 
Schuttmenge ist, desto grösser muss dagegen die Wasserkraft oder, 
bei gleicher Wassermenge, das Gefäll sein, um ihn vollständig fort- 
zuschaffen. Durch das Verhältnis von Wasser und Schutt ist die 
Gestalt des Wasserlaufes, die im allgemeinen eine nach aufwärts an- 
steigende Kurve sein wird 1 ), bestimmt, aber die Lage derselben ver- 
ändert sich mit der Lage ihrer Mündung oder Basis. Je höher diese 
über dem Meeresspiegel liegt, um so höher auch ein bestimmter Punkt 
der Kurve, je weiter die Mündung von der Wand entfernt ist, um so 
weiter aufwärts, also in einem um so höheren Punkte, schneidet die 
Wand die Kurve. Diese Gesetze finden aber auf die Gestaltung einer 
Felswand und ihres Fusskegels Anwendung, weil dessen Anwachsen, 
wie wir sahen, in dem Fortschaffen des Schuttes durch das Regen- 
wasser seine Grenze findet. Die freie Felswand wird an jeder Stelle 
und zu jeder Zeit so hoch sein, dass der von ihr gelieferte Schutt durch 
das abmessende Regenwasser bis zum nächsten Bach und von diesem 
weiter zum Fluss fortgeschafft werden kann. 

Die gegebenen und mit Ort und Zeit wechselnden Grössen (Fig. 2) 

Fig. 2. 




sind: die Wand AB, welche von der Erosionsbasis C einen Abstand BC=d 
und über derselben eine Höhe AB = h besitzt, die auf der Flächenein- 

') Vgl. irgend ein Lehrbuch der Geologie oder physischen Geographie, 
z. B. v. Richthofens Führer S. 133 ff., oder auch der Wasserbaulehre. Eine be- 
sonders eingehende Behandlung bei Gilbert, Report on the Geology of the Henry 
Mountains S. 93 ff. und Philippson, Ein Beitrag zur Erosionstheorie, Peterm. 
Mitteil. 1886 S. 92 ff. 



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57] Gebirgsbau und Oberflächengestaltung der sächsischen Schweiz. 301 

heit fallende Regenmenge R und die Stärke der Verwitterung V. Die 
Wand AB = h gliedert sich infolge der Verwitterung bald in die freie, 
unter einem nach der Beschaffenheit des Gesteines verschiedenen Winkel a 
nach rückwärts ansteigende, Felswand DE = w, deren vertikale Kom- 
ponente AD wir mit p, deren horizontale Komponente AE wir mit q 
bezeichnen wollen, und einen Fusskegel DC, dessen Höhe DB=s, dessen 
Basis BC = a und dessen Böschung eine Kurve mit dem mittleren 
Neigungswinkel <p ist. Es gelten dafür die Bezeichnungen s = d tang <p, 
p = w sin a, h = p-|-s = wsina-{-d tang 'f. Die Verwitterung erfolgt 
nur an dem freien Teile der Wand w, der Betrag der Schuttbildung S 
oder, anders ausgedrückt, der Abtragung in einem bestimmten Zeit- 
raum T ist gleich der Grösse der Wand, multipliziert mit der mitt- 
leren Stärke der Verwitterung, also S = wV. Wir können hier- 
bei V durch eine Senkrechte auf ED, nämlich durch EH darstellen, so 
dass S=w.EH. Diese Masse wird, wenn Gleichgewicht zwischen 
Schuttbildung und Transportkraft vorhanden ist, bis an das untere 
Ende C des Fusskegels und von da aus durch andere Agentien weiter 
transportiert. Das Volumen des Fusskegels bleibt also in diesem Falle 
dasselbe, d. h. D wird bei der Abtragung in einer der Basis BC 
parallelen Linie bis zum Schnittpunkt G der in H zu w gezogenen 
Parallele rückwärts verlegt, so dass die Abtragung S im Zeiträume T 
durch das Parallelogramm EFGD repräsentiert wird, und die Wand aus 
der Form EDC in die Form FGC übergegangen ist. 

Es fragt sich nun, unter welchen Bedingungen die Grösse der 
freien Wand w und die Höhe des Fusskegels h oder, anders ausgedrückt, 
unter welchen Bedingungen die Stärke der Abtragung und des Trans- 
portes im Gleichgewichte bleiben, welchen Einfluss eine Veränderung 
der Grössen d, h, a, V und R darauf ausübt. 

Man könnte meinen, dass schon die Zurücklegung der Wand an 
sich, d. h. die Vergrösserung von d, dieses Gleichgewicht stören müsste, 
da doch die Böschungskurve mit wachsender Entfernung von ihrem 
Fusse immer höher ansteigt. Aber die Zurücklegung der Wand und 
die Einbeziehung rückliegender Teile in den Abfluss hat zugleich eine 
Vermehrung der Wassermenge und damit eine Herabdrückung der 
Kurve, eine Verkleinerung ihres mittleren Neigungswinkels 9, zur 
Folge. Bald wird sich der eine, bald der andere Faktor stärker 
geltend machen; im Mittel werden sie, wie uns die Erfahrung lehrt, 
einander aufheben, d. h. der freie Teil der Wand und der Fusskegel 
werden in verschiedenen Abständen vom Fuss das gleiche Höhen- 
verhältnis bewahren. Der obere Teil des alten Fusskegels, mag der- 
selbe aus Schutt oder aus anstehenden Quadern bestanden haben, wird 
bei der Rückverlegung der Wand abgetragen. Je weiter diese Rück- 
verlegung fortschreitet, um so tiefer greift die Abtragung in den Kern 
des alten Fusskegels hinab, um so mehr legt sie die bei der ersten 
Zerstörung der Wand stehen gebliebenen und von Schutt überdeckten 
unteren Teile wieder bloss und trägt auch sie jetzt ab, so dass man 
im unteren Teile längerer Fusskegel nicht, wie. man zuerst erwarten 
sollte, mächtige Schuttmassen, sondern einen, nur von einer dünnen Schutt- 
lage bedeckten, sanft ansteigenden Boden anstehenden Gesteines findet. 



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302 



Alfred Hettner, 



[58 



Auch die Höhe h der Wand kann an verschiedenen Orten und 
zu verschiedenen Zeiten verschieden sein. Je höher die Wand ist, auf 
einer um so grösseren Fläche erfolgt der Angriff der Verwitterung, 
um so grösser ist also die Schuttbildung, um so steiler muss der Fuss- 
kegel ansteigen, um den Transport der grösseren Schuttmenge zu er- 
möglichen, um so höher erhebt er sich daher über die Erosionsbasis. 
Der Böschungswinkel des Fusskegels nimmt also mit der Höhe der 
Wand zu, die Höhe desselben bewahrt zur Höhe der Wand und damit 
auch zur Höhe des freien Wandteiles immer das gleiche Verhältnis. 
Die Abtragung S = w . EH ist also der Höhe der Wand proportional, 
der Grad des Rückschreitens EF ist von der Höhe unabhängig 1 ). Eine 
solche Aenderung der Höhe kann an einer und derselben Wand im 
Laufe der Zeit eintreten, wenn die Platte, deren Rand die Wand bildet, 
nicht horizontal, sondern geneigt ist. Ist diese Neigung von der Wand 
aus rückwärts gerichtet, so wird der freie Wandteil allmählich immer 
niedriger und kann schliesslich ganz verschwinden, womit die Abtragung 
ein Ende hat; im umgekehrten Falle dagegen wird die Wand mit der 
Zeit immer höher, bietet also der Verwitterung eine immer grössere 
Angriffsfläche dar. Es handelt sich hier natürlich nur um den Fall, dass 
an der Oberfläche der Platte selbst keine oder nur eine ganz geringe Ab- 
tragung stattfindet; eine stärkere Neigung derselben ist in der sächsischen 
Schweiz kaum vorhanden und braucht darum auch nicht betrachtet zu 
werden. Ebensowenig kommt eine Neigung der Grundfläche zur Geltung, 
wie sie sich an Felswänden einstellen kann, die durch Verwerfung ge- 
bildet sind. Der Fusskegel bewahrt natürlich seine Lage gegen die 
Horizontale, wird also im Falle einer gegen die Wand gerichteten 
Neigung der Grundfläche besonders gross, im anderen Falle besonders 
klein werden, so dass in jenem Falle die Abtragung gehemmt, in 
diesem gefördert wird. 

Wir haben die Felswand bisher als senkrecht betrachtet; sie kann 
aber auch eine grössere oder geringere Neigung besitzen oder in Ter- 
rassen ansteigen. Die Wirkung dieses Urastandes besteht nur darin, 
dass ein Teil des Schuttes schon auf den Terrassen oder sanfteren Ge- 
hängestrecken liegen bleibt, dass also der Fusskegel in mehrere Teile zer- 
legt wird ; aber er ist uns zugleich ein Anzeichen für eine weichere Ge- 
steinsbeschaffenheit und reichlichere Wasserzuführung, also für zwei der 
Abtragung günstige Umstände. 

Je stärker aus irgend einem Grunde die Verwitterung ist, um so 
grösser ist auch die Schuttbildung, um so steiler muss der Neigungs- 
winkel <p werden, damit die gleiche Wassermenge den Schutt noch be- 
wältigen kann. Dadurch tritt aber eine Verkleinerung des freien Wand- 
teiles w und damit eine Beschränkung der Schuttbildung ein, welche 
der stärkeren Verwitterung entgegenwirkt. Eine vermehrte Intensität 
der Verwitterung hat also auch vermehrte Schuttbildung im Gefolge, 
aber die Vermehrung erfolgt nicht in dem gleichen Verhältnis. 

Umgekehrt wird bei einer Vermehrung des abfliessenden Regen- 

" . 4 

') Dutton hat diesen Satz in der Tertiary History of the Great Cmlon 

District mehrfach, besonders S. 63, betont, aber auf den Beweis desselben verzichtet. 



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Gebirgsbau und Oberflächcngestaltung der sächsischen Schweiz. 303 



wassers die Böschung <p verkleinert, der freie Wandteil w und damit 
die Angriffsfläche der Verwitterung vergrössert, es tritt also eine Ver- 
minderung der Schuttbildung ein, welche die Verkleinerung des Fuss- 
kegels einschränkt. 

Vergrößerung der Wassermenge und Verstärkung der Verwitte- 
rung werden in der sächsischen Schweiz im allgemeinen Hand in Hand 
gehen. Die grössere Empfänglichkeit des Gesteines für die Verwitterung 
besteht, wie wir sahen, wesentlich in einer grösseren Zugänglichkeit 
und Angreifbarkeit für das Wasser, womit aber ein reichlicheres Her- 
vortreten desselben verbunden ist. Bei einer grösseren Neigung der 
Oberfläche strömt das Wasser reichlicher zu, aber bringt auch gleich 
eine Menge Schutt vom oberen Teile der Gehänge mit. Auch eine 
Schichtenneigung hat grössere Zufuhr von Wasser und Schutt im Ge- 
folge. Steigen wir in grössere Meereshöhe auf, so nimmt, wenn auch 
unbedeutend, die Regenmenge und damit die Transportkraft zu, aber 
zugleich wird durch diese grössere Regenmenge und durch den 
häufigeren Frost die Verwitterung und damit die Schuttbildung ver- 
mehrt. Wird das Klima im Laufe der Zeit rauher, so tritt natürlich 
dieselbe Wirkung ein; wird es umgekehrt trockener, so nimmt die 
Verwitterung ab. 

Es ist daher meist schwer, a priori zu bestimmen, ob die Ver- 
mehrung der Wassermenge oder der Schuttzuführung eine grössere 
Wirkung ausüben, ob also der Fusskegel im Verhältnis zur freien 
Wand grösser oder kleiner werden wird. Im allgemeinen unterliegt 
dies Verhältnis geringeren Schwankungen, als man zunächst denken 
sollte, und nur in extremen Fällen, wenn etwa ein tropisches Klima 
mit gänzlichem Mangel an Frösten oder andererseits ein regenloses 
Wüstenklima eintreten sollte, würde der Schuttkegel fast ganz ver- 
schwinden oder die Felswand ganz verhüllen. Aber ein gleiches Ver- 
hältnis von Fusskegel und freier Wand zeigt keineswegs eine gleiche 
Stärke der Schuttbildung und Abtragung an. Während Wassermenge 
und Stärke der Verwitterung in Bezug auf den Böschungswinkel und 
die Höhe des Fusskegels einander entgegenwirken, unterstützen sie 
einander in Bezug auf den Betrag der Schuttbildung. Sowohl eine 
grössere Stärke der Verwitterung wie eine grössere Menge des ab- 
fressenden Wassers haben vermehrte Schuttbildung und Abtragung im 
Gefolge; erst recht tritt diese also ein, wenn bei geneigter Oberfläche, 
Schichtenneigung, weicherer Gesteinsbeschaffenheit, höherer Lage, 
rauherem Klima sowohl Verwitterung wie Wassermenge sich steigern. 
Wenn zwei in allen diesen Beziehungen verschiedene Wandstrecken 
an einander grenzen sollen, so würde nach einiger Zeit ihr Profil mehr 
oder weniger dasselbe geblieben, aber die eine viel weiter zurückgerückt 
sein als die andere. 

Die Aendemngen in der Entfernung der Erosionsbasis, der Neigung 
der Platte, der Höhe und Gestalt der Wand, wie wir sie kennen ge- 
lernt haben, können sich unter einander und mit den Aenderungen der 
Verwitterung und Regenmenge in der verschiedensten Weise verbinden 
und danach einander entweder unterstützen oder einander entgegen- 
wirken. Es ist nicht nötig, alle diese Kombinationen im einzelnen 



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304 Alfred Hettner, [60 

durchzuführen, nur den Einfluss der Schichtenneigung wollen wir etwas 
näher ins Auge fassen (vgl. Fig. 3) 




Die Sandsteinbänke der sächsischen Schweiz sind grossenteils 
schwach nach N oder NE geneigt, und mit der Neigung der Schichten 
ist meist eine gleiche Neigung der Oberfläche verbunden, auch wenn 
die ursprüngliche Oberfläche längst abgetragen ist. Auf jeder Seite 
einer solchen geneigten Platte können durch Verwerfungen oder Thal- 
bildung Felswände gebildet werden, an welchen die Verwitterung ihren 
Angriff einsetzt; welche Höhe die ursprüngliche Felswand besitzt, 
hängt von den Bildungsursachen derselben ab und hat mit der Ver- 
witterung nichts zu thun. Wir wollen annehmen, dass der Fusspunkt D 
der Wand auf der oberen Seite, d. h. der Seite der Schichtenköpfe, in 
derselben Meereshöhe liege wie der Fuss B der unteren Seite, dass 
also dort die Wand entsprechend höher sei. Wie erst betrachten wir 
die Neigung der Platte als so gering, dass sie von der Verwitterung 
nicht angegriffen werden kann. Es ist der Fall denkbar, dass die Höhe 
der Wand AB auf der unteren Seite gleich 0 ist; dann wird die Platte 
nur von D her angegriffen werden. Ist aber auf der unteren Seite 
eine Felswand vorhanden, so wird sie ebensogut zurückverlegt wie auf 
der oberen Seite und sogar in schnellerem Tempo als dort, weil Wasser- 
menge und Schuttbildung auf der Seite des Schichteneinfalls viel reich- 
licher sind. Der geringeren Höhe der Wand entsprechend, ist das Mass 
der Abtragung auf der unteren Seite bei gleichem Rückschreiten ein 
geringeres, aber je weiter die Rückverlegung gediehen ist, um so kleiner 
wird der Unterschied, so dass das schnellere Rückschreiten den Einfluss 
der geringeren Wandhöhe ausgleichen und überwiegen kann. Manche 
Forscher, z. B. Ramsay, dem wir die erste eingehende Untersuchung 
solcher Steilwände, der sog. escarpements , verdanken 2 ), haben diesen 
Umstand zu sehr vernachlässigt, haben sich von der Höhe der Wand 
auf der Seite der Schichtenköpfe zu sehr imponieren lassen. Der grössere 
Fortschritt der Abtragung auf dieser Seite ist vielfach nur scheinbar, 
weil die von unten her wirkende Abtragung mit ihrer grösseren Aus- 
dehnung, aber geringeren Mächtigkeit weniger deutlich ist; wo er 
wirklich vorhanden, ist er meist, wie im Weald, durch grössere Weich- 
heit des Materials bedingt. In der sächsischen Schweiz werden wir 

*) Durch die Indices werden die Zeitmomente bezeichnet. 
*) Ramsay, PhyBical Geology and Geography of Great Britain, 3 d ed., 
London 1872, S. 108 ff. und 210. 



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61] Gebirgsbau und Oberflächengestaltung der sächsischen Schweiz. 305 

die schnellere Abtragung tiberall auf Seiten der Schichtenneigung be- 
merken, weil Ungleichheiten des Materials fast ganz fehlen, und weil 
die Geringfügigkeit der Neigung den Höhenunterschied viel weniger 
als die Richtung des Wasserabflusses zur Geltung kommen lässt. 

Aehnlich also der Brandungswelle greift die atmosphärische 
Erosion eine Felswand an. Wie jene bei steigendem Meeresspiegel 
die Klippen immer weiter landeinwärts drängt und an ihrem Fusse einen 
mit Blöcken und Geröll bestreuten felsigen Strand schafft, so schreitet 
auch unter dem Einflüsse der Verwitterung und des spülenden Regen- 
wassers eine Felswand immer weiter rückwärts, um schliesslich vielleicht 
ganz zu verschwinden und eine sanft geneigte, mit dünnem Schutt be- 
streute Gesteinsplatte zurückzulassen. 



VIII. Ursprung und Anordnung der Gewässer. 

Die Regenschluchten und die weiteren kesselartigen Lücken, die 
breiteren oder schmaleren Quadergruppen, welche zwischen ihnen stehen 
geblieben sind, und welche schliesslich zu Pfeilern und einzelnen Blöcken 
zusammenschrumpfen, stellen alle Oberflächenformen dar, welchen wir 
in der sächsischen Schweiz Überhaupt begegnen. Die Thäler und 
Schluchten, Felskessel und Rücken sind nichts als Wiederholungen 
dieser Formen in grösserem Massstabe und entstehen dann, wenn das 
Wasser nicht mehr in zahllosen kleinen Fäden, sondern zu grösseren 
Rinnsalen, Bächen und Flüssen vereinigt fliesst, wenn sein Angriff an 
einzelnen Stellen energischer ansetzen, grössere Breschen in die Fels- 
wand schlagen kann. Diese grösseren Formen sind aber nicht bloss 
wichtiger im Haushalte der Natur, sondern sind auch der Beobachtung 
leichter zugänglich, und verdienen aus beiden Gründen eine eingehendere 
Betrachtung. 

Wer die sächsische Schweiz im Sommer durchwandert, ist aller- 
dings nicht geneigt, dem fliessenden Wasser eine grosse Rolle bei der 
Gestaltung der Oberfläche zuzuschreiben, denn namentlich auf der rechten 
Seite der Elbe findet man nicht nur in steil ansteigenden Schluchten, 
sondern auch in langgestreckten und gewundenen Thälern, z. B. dem 
eine Meile langen Grossen Zschand, nicht einen Tropfen Wasser, welcher 
den Gedanken an eine thalbildende Wirkung desselben erweckte. Aber 
wenn man diese selben Schluchten und Thäler nach einem starken 
Regengusse oder zur Zeit der Schneeschmelze besucht, hat sich das 
Bild verändert, dann stürzen tosende Wassermassen herab, die ganze 
Weite des Thalbodens einnehmend und Trümmer jeder Art mit fort- 
reissend 1 ), dann glaubt man gern, dass das Wasser jene Schluchten 



') Vgl. Gutbier, Geognostische Skizzen S. 84 f. 



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306 



Alfred Hettner, 



[62 



bilden konnte, und wird die vermeintliche Wasserlosigkeit nicht mehr 
als Argument für die Spaltennatur derselben anführen. Die sächsische 
Schweiz unterscheidet sich also in Bezug auf die Periodizität der Ent- 
wässerung von den meisten deutschen Mittelgebirgen und erinnert darin 
vielmehr an das Mittelmeergebiet oder an manche tropische Gegenden; 
aber was dort eine Wirkung des Klimas ist, ist hier eine Folge der 
Lagerung und Beschaffenheit des Gesteines, denn der poröse und von 
zahlreichen Klüften durchzogene Sandstein lässt für gewöhnlich alles 
Wasser einsickern, und nur bei stärker geneigter Oberfläche und bei 
allzu grossem und plötzlichem Andrang fliesst ein grösserer Teil des- 
selben oberflächlich ab. Auch auf den Schichtenfugen tritt im all- 
gemeinen nur wenig Wasser zu Tage, und nur die Plänerschicht lässt 
reichlichere Quellen hervortreten, worauf der grössere und regelmässigere 
Wassergehalt der Bäche des linken Elbufers beruht (vgl. S. 291 [47]). 

Im allgemeinen, besonders auf dem rechten Elbufer, ist nur un- 
mittelbar an den Rändern der Thäler und Schluchten die Bodenneigung 
genügend, um den Wasserabfluss zu ermöglichen. Abseits der Thal- 
ränder finden sich auch heute noch weite Strecken, auf denen das 
Wasser gar nicht oder wenigstens nur in ganz geringem Grade abfliesst, 
auf denen es vielmehr in den Boden einsickert. Wieviel grösser müssen 
aber diese ganz oder nahezu abflussreichen Gebiete gewesen sein, ehe 
durch das Einschneiden der von aussen herbeikommenden Flüsse oder 
auf andere Weise Vertiefungen und damit ein Gefälle geschaffen worden 
war? W T ährend in einem eigentlichen Gebirge das Wasser auch des 
entlegensten W'inkels infolge der durch den Gebirgsbau gegebenen 
Bodenneigung von vornherein zum Abfluss gelangt, und die abfliessende 
Wassermenge bei fortschreitender Erosion im ganzen konstant bleibt, 
erzeugt in Tafelländern, sofern dieselben nicht von Verwerfungen durch- 
zogen sind und dadurch zu Staftelgebirgen werden, erst die Erosion 
selbst das zum Abflüsse nötige Gefälle, nimmt also die abfliessende 
Wassermenge beständig zu, bis das ganze Gebiet in den Bereich des 
Abflusses gezogen ist. Für die grösseren Flüsse, welche schon mit 
ansehnlicher Wassermenge in das Gebiet der sächsischen Schweiz ein- 
treten, macht diese allmähliche Vermehrung des Wassergehaltes keinen 
wesentlichen Unterschied, aber für die kleineren Kinnsale ist sie von 
der grössten Bedeutung. Jede vom Regenwasser angelegte kleinste 
Schlucht trägt in sich den Keim einer unendlichen Fortbildung, deren 
Schranken nur in der Berührung mit benachbarten Regenschluchten liegen. 
In manchen ursprünglich beinahe abflusslosen Gebieten fliessen heute 
ganz ansehnliche Bäche, welche sich nur bei genauer Untersuchung von 
den ursprünglich angelegten Bächen unterscheiden lassen. Selbst Gründe, 
welche heute ihren verhältnismässigen Wasserreichtum Quellen verdanken, 
können ursprünglich als Regenschluchten entstanden sein. 

Wir haben schon bei der Betrachtung der Verwitterung gesehen, 
wie sich kleine Regenschluchten und kesselartige Erweiterungen der- 
selben in den Felswänden bilden können. Sowohl von ihren hinteren 
wie von ihren seitlichen Wänden fällt Regen und Sickerwasser in sie 
hinab, sowohl nach hinten wie nach den Seiten schreitet daher die 
Zerstörung fort. Aber wie kleine Unregelmässigkeiten den Anlass zur 



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Gebirg.slau und Oberflächeugestaltung der sächsischen Schweiz. 307 



Sammlung grösserer Wasserfäden und damit zur ersten Anlage von 
Regenschluchten geben, so machen sich auch bei der Fortbildung der- 
selben kleine Unregelmässigkeiten geltend, so dass die Erweiterung 
nicht an allen Punkten gleichmässig geschieht, sondern von der Haupt- 
schlucht sich Seitenschluchten abzweigen, von denen sich gleichfalls 
wieder Schluchten seitwärts erstrecken u. s. w.; die trennenden Quadern 
werden hierbei vielfach abgetragen, so dass unregelmässig ausgebildete 
Kessel entstehen. Kleine Unregelmässigkeiten sind auch schuld, dass 
eine Stelle der Wand etwas mehr Wasser emplängt als die andere oder 
der Zerstörung etwas geringeren Widerstand leistet, so dass dieselbe 
an dieser Stelle schneller fortschreitet als rechts und links daneben, 
dass ein Schluchtsystem die benachbarten überholen und schliesslich 
ganz verdrängen kann. Das Auftreten lauter kleiner Entwässerungs- 
und Schluchtsystenie neben einander weist immer darauf hin, dass die 
Entwässerung erst seit kurzem eingesetzt oder aus irgend einem Grunde 
geringe Fortschritte gemacht hat; eine weitere Entwickelung ist immer 
mit der Ausbildung grösserer Systeme verbunden. 

Ist die ursprüngliche Oberfläche der Tafel ganz horizontal, war 
also ursprünglich gar kein Abflugs vorhanden, so geht die Ausbildung 
der Schluchtsysteme nach hinten und nach den Seiten ganz gleich- 
mässig vor sich, so wird ihre Begrenzung die Form eines Halbkreises 
besitzen, solange keine Berührung und kein Kampf mit benachbarten 
Schluchtsystemen stattfindet. Diese Berührung wird im allgemeinen 
zuerst auf beiden Seiten eintreten, und deshalb wird auch das System 
hier zuerst eine Einengung erleiden. Aber diese Einengung durch 
Berührung ist immer mit einer Durchbrechung der trennenden Fels- 
wände verbunden; wo wir also länglich gestreckte Schluchtsysteme oder 
Kessel finden, deren Wände noch unversehrt sind, beruht die längliche 
Gestalt nicht auf einer solchen Konkurrenz, sondern auf einer Neigung 
der Oberfläche und der Anwesenheit eines ursprünglichen Abflusses. 
Je grösser die Neigung und der ursprüngliche Abfluss sind, um so 
länglicher wird auch das Entwässerungssystem gestreckt sein, so dass 
ein ganz allmählicher Uebergang zu der gewöhnlichen Anordnung der 
Wasseradern (vgl. Richthofen Führer S. 136 ff.) besteht. Mit dieser 
länglichen Streckung ist natürlich eine Bevorzugung der mittelsten 
Ader in Bezug auf den Wasserreichtum verbunden; je weiter abwärts, 
um so mehr tritt sie den seitlich zufliessenden Gewässern als starker 
Bach entgegen. Dazu kommt noch, dass weiter abwärts ein grosser 
Teil des Abflusses überhaupt nicht zum Bach, sondern direkt zum 
Rande der Tafel gerichtet ist, so dass das Bachsystem, von der Mündung 
aus gesehen, einem Baume gleicht, der zuerst nur einzelne kleine Zweige 
aussendet, dann sich aber in mehrere Aeste teilt, die sich gleichfalls 
wieder verzweigen. Auch den in horizontaler Oberfläche entstandenen 
halbkreisförmigen Entwässerungssystemen kann sich nach unten ein 
Bach angliedern, wenn die Bildung der ersten Schlucht und damit die 
Einleitung der Entwässerung nicht an den Gehängen eines Thaies, 
sondern an einer abseits von einem Flusse etwa durch Verwerfung ent- 
standenen Wand erfolgte, oder wenn die Seitenarme aus irgend einem 
Grunde erloschen und nur der Mittelarm noch vorhanden ist. 



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308 



Alfred Hettner, 



[64 



Die Elbe und die grösseren Bäche des rechten Elbufers, welche 
im krystallinischen Nachbargebiete entspringen, zeigen in der sächsischen 
Schweiz nur die Stammstrecke, die kleineren Rinnsale dagegen und 
auf dem linken Elbufer auch einige grössere Bäche haben auch ihr, 
einer Baumkrone zu vergleichendes, Quellgebiet innerhalb der sächsischen 
Schweiz, und bei ihnen ist umgekehrt der Stamm teilweise nur schwach 
entwickelt. Länglich gestreckte Sammelbecken grösseren Umfanges, 
die nach abwärts in einen grösseren Bach übergehen, lassen sich be- 
sonders an der Biela, dem Cunnersdorfer Bach und dem Krippenbach 
oder auch am Grossen Zschand beobachten. Der westöstlich verlaufende 
Leupoldishainer Bach zeigt uns am besten den Gegensatz der langen, 
mit der Oberflächenneigung von Süden kommenden, und der kurzen, 
der Schichtenneigung entgegen von Norden kommenden, Arme. Die 
Entwässerungssysteme in Gebieten, deren Abfluss ursprünglich sehr ge- 
ring war, lassen sich am besten in den Felsrevieren östlich von 
Schandau studieren; besonders schön ist das radiale Zusammenströmen 
der Wasseradern im Felsenkessel am oberen Ende des Kleinen Zschand 
zu erkennen, während dicht daneben die Lorenzlöcher viel länglicher 
gestreckt sind. 

In horizontalen Tafeln, wo also keine ursprüngliche Entwässerungs- 
richtung von Einfluss ist, werden sich die Regenschluchten in der Rich- 
tung, in welcher sie den geringsten Widerstand finden, also im all- 
gemeinen einer Kluftrichtung folgend, fortpflanzen. Die kleineren 
Schluchten haben bloss eine Quaderreihe verdrängt, grössere Schluchten 
sind an die Stelle mehrerer Quaderreihen getreten; nur dadurch wird 
die Geradlinigkeit derselben etwas gestört, dass bald hier, bald dort 
einmal ein einzelner Felsblock stehen geblieben ist. Die Nebenschluchten 
pflegen der anderen Kluftrichtung zu folgen und stehen daher meist 
mehr oder weniger senkrecht auf der Hauptschlucht, wie man am 
Pfaffenstein oder in grösserem Massstabe am Zscherregrund bei Wehlen 
und seinen Nebengründen beobachten kann. Nur wo eine sekundäre 
Kluftrichtung stark ausgebildet ist (vgl. S. 288 [44]), finden sich schiefe 
Winkel. In dieser Beziehung ist der Lattengrund östlich von Schandau 
charakteristisch, von dem sämtliche Seitenschluchten unter einem schiefen 
Winkel abgehen, und der sich an seinem oberen Ende in zwei derartig 
schief abgehende, aber untereinander rechtwinkelige, Schluchten teilt, 
während die Hauptschlucht sich in einer engen Kluft fortsetzt. 

Ist dagegen ein ursprünglicher Abfluss vorhanden, so gelangen die 
Kluftrichtungen nicht zu so unbedingter Herrschaft, weil das auf der Ober- 
fläche abfliessende Wasser der Neigung derselben folgt, die keineswegs 
immer mit einer Absonderungsrichtung zusammenfällt. Diese Bäche ver- 
halten sich zu den Kluftrichtungen ähnlich, wie sich epigenetische Thäler, 
d. h. Thäler, die in überlagerndem Gestein angelegt worden sind, zu 
den Streichrichtungen des Grundgebirges verhalten (vgl. Richthofen 
Führer S. 173 f.). Sobald der Bach den Verwitterungssand durch- 
schnitten hat, zerlegt er seinen schräg gegen die Kluftrichtungen ge- 
richteten Lauf in zwei mit denselben zusammenfallende Komponenten, 
d. h. er folgt denselben in rechtwinkeligen Zickzacklinien und erreicht 
so auf Umwegen, aber doch bequemer, sein Ziel. Sobald er sein Bett 



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Gebirgsbau und Oberflächengestaltung der sächsischen Schweiz. 309 



etwas eingetieft hat, beginnen die Verwitterung und Regenerosion ihre 
Thätigkeit, erweitern das Thal und häufen Felsblöcke und Sand am 
Boden desselben an. Der Bach ^schneidet in diesen Schutt von neuem 
ein und setzt sanfte Windungen an Stelle der rechteckigen Krümmungen 
oder ist nun wieder imstande, durch geradlinigen Lauf dieselben zu 
vermeiden und so Thalwände zu erzeugen, welche der Südseite des 
Königsteins (vgl. S. 126 [54]) gleichen. Auch hier wird die regel- 
mässige Einfachheit gestört, wenn sich mehr als zwei Kluftsysteme dem 
Bache zur Benutzung anbieten und ihn die rechtwinkeligen Krüm- 
mungen vermeiden lassen. 

Vielfach sind die Windungen nicht erst beim Einschneiden durch 
den Einfluss der Absonderungsrichtungen entstanden, sondern schon 
beim Laufe auf den Sandsteinplatten vorhanden gewesen. Wo immer 
ein Bach oder Fluss auf einer sanft geneigten Ebene fliesst, mag die- 
selbe nun die ursprüngliche Oberfläche des Gesteines darstellen oder 
später durch irgend einen Vorgang der Abtragung entstanden sein, 
wird er bei dem geringen Gefälle durch das kleinste Hindernis ab- 
gelenkt und zu Krümmungen veranlasst werden, die viel bedeutender 
sein können als die durch die Absonderungsklüfte veranlassten Krüm- 
mungen. Beim Einschneiden bleiben diese Krümmungen erhalten, ja 
werden meist noch verstärkt, weil die Flüsse auf der äusseren Seite 
der Krümmungen einen Stoss ausüben und Material losreissen, während 
sie auf der inneren Seite besonders langsam fliessen und Material ab- 
lagern. Zugleich mit dem Einschneiden in die Tiefe findet also ein 
Einschneiden nach der äusseren Seite statt, wodurch ein schräges Hinab- 
gleiten bedingt ist 1 ). Der obere Teil der Felswand auf der konkaven 
Thalseite stürzt natürlich nach, so dass hier eine senkrechte Wand 
entsteht, während wir auf der inneren konvexen Seite einen allmählich 
sich abdachenden Sporn finden, der mitunter von Flussgeröllen bedeckt 
ist. Im Elbthal begegnen wir solchen mit der Zeit immer mehr aus- 
gezogenen Krümmungen bei Königstein, Rathen und Zeichen, aber die 
Sporne fallen ziemlich steil zur Elbe ab, ein Beweis, in wie hohem 
Grade hier die Tiefenerosion über die seitliche Erosion überwog. Auch 
in den meisten Seitenthälern können wir solche Thalsporne wahrnehmen, 
z. B. in ausgezeichneter Weise im Kirnitzschthal bei Hinter-Daubitz ; 
auch tote Flussarrae, welche infolge der immer weiter gehenden Aus- 
ziehung der Krümmungen und schliesslichen Wiedervereinigung der 
Flussarme entstehen, kommen z. B. bei der Grundmühle im Kamnitz- 
thale westlich von Dittersbach i. B. vor, aber im ganzen sind doch die 
Krümmungen nicht so häufig und stark wie im Schiefergebirge. 

Geradlinigkeit der Wasserläufe und Schluchten weist also im all- 
gemeinen darauf hin, dass dieselben als Regenschluchten in ganz oder 
nahezu abflusslosem Gebiete entstanden sind, während Krümmungen, 
an denen auch die oberen Thalränder teilnehmen, die Präexistenz eines 
Baches andeuten; kleinere ursprünglich vorhandene Rinnsale werden 
eine Mittelstellung einnehmen. Unter Umständen können wir aller- 
dings in Gebieten, welche ursprünglich keinen Abfluss hatten, heute 



') Vgl. z. B. Ramsay. Physical Geology etc. 3 d ed. S. 243. 
Forschungen zur deutschen Landes- und Volkskunde. II. 4. 21 



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310 



Alfred Hettner, 



[60 



doch gewundene Thalläufe finden, wenn nämlich die Erosion durch 
Ruheperioden unterbrochen war, in welchen das in geradliniger Schlucht 
herabkommende Wasser nur nach dej Seite arbeitete und infolge des 
geringen Gefälles vielfach abgelenkt wurde , so dass es beim Beginn 
einer neuen Erosionsperiode ein gewundener Bach geworden war. 

Die allerkleinsten Schluchten, welche zugleich die allergeradesten 
sind, entziehen sich leider der Messung auf der Karte, aber auch bei 
Gründen von mehr als einem Kilometer Länge, wie dem Schiessgrund, 
Zahnsgrund, Zscherregrund und Rietzschgrund, beträgt der Ueberschuss 
der wirklichen Länge, wobei von den kleinen, nur an der Thalsohle 
vorhandenen, Windungen abgesehen ist, über den geraden Abstand des 
oberen und unteren Endes nur zwischen 2 und 5%, beim Amselgrund 
beträgt dieser Ueberschuss dagegen 1 7 1 j* 0 o , beim Uttewaldergrund 
22 1 /a °/o, bei der Polenz 28 °/o und bei den einzelnen zwischen Haupt- 
krümmungen gelegenen Strecken der Kirnitzsch zwischen 9 und 39 ° o. 
Beim Grossen und Kleinen Zschand schwankt der Ueberschuss nur zwi- 
schen 3 und 12°;o, weil dieselben einen Uebergang von den Schluchten 
zu den eigentlichen Thälern bilden, und bei der Biela begegnen wir 
so auffälligen Gegensätzen wie 1 und 58 °/o , weil die einzelnen Lauf- 
strecken ganz verschiedener Entstehung sind. 

Der Ansicht, dass die Thäler Bildungen des fliessenden Wassers 
seien, steht bekanntlich eine andere Ansicht gegenüber, welche lange 
die herrschende war und auch heute noch von einigen Gelehrten ver- 
treten wird, nämlich die Ansicht, dass die Thalspalten durch Vorgänge 
des Erdinnern zusammen mit den Gebirgen selbst gebildet und von 
dem Wasser nur benutzt und schwach abgeändert worden seien, oder 
dass die Spalten wenigstens dem Wasser den Weg gewiesen hätten. 
Kjerulf hat diese Theorie neuerdings wieder für Norwegen zur Er- 
klärung des auffälligen Parallelismus der dortigen Thäler angewandt 1 ). 
Daubree hat sie im Anschluss an seine schönen Untersuchungen über 
die Entstehung der Ablösungsflächen (vgl. S. 289 [45] f.) für einige 
Gegenden von Frankreich durchgeführt Auch die sächsische Schweiz 
ist ein von regelmässigen Kluftsystemen durchzogenes Tafelland, und diese 
sollten danach hier denselben Einfluss gehabt haben. Aber thatsächlich 
folgen nur die kleineren Schluchten den Ablösungsflächen, während die- 
selben auf die Richtung der grösseren Thäler nur einen sekundären 
Einfluss ausüben. Weder die Thäler noch die Schluchten sind ursprüng- 
lich klaffende Lücken, beide sind erst nachträglich durch das fliessende 
Wasser gebildet worden, aber je kleiner die Wassermenge und je 
weniger dieselbe von vornherein vorhanden war, um so mehr fügte sie 
sich in ihrem Laufe den durch die Absonderung angedeuteten Linien. 
Wenn stellenweise auch die Gesamtrichtung der grösseren Thäler mit 
den Kluftrichtungen übereinstimmt, wie der Elblauf zwischen Zeichen 
und Pirna, das Kirnitzschthal zwischen Hinter-Daubitz und dem Schwarzen 



') Kjerulf, Zeitschr. d. Ges. f. Erdkde. zu Berlin 1879, S. 124 ff. und 
Geologie des südlichen und mittleren Norwegen S. 328 ff. See- und Thalbildung. 
Mitteil. d. Vereins f. Erdkde. in Halle, 1881. Vgl. dagegen Heiland, Aus- 
land 1882 S. 140 ff., S. 328 u. s. w. 

2 ) Daubree, Synthetische Studien zur Experimentalgeologie S. 230 ff. 



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Gebirgsbau und Oberflächengestaltung der sächsischen Schweiz. 31 1 



Thor u. s. w., so darf man daraus, wie schon die zahlreichen Abwei- 
chungen im einzelnen beweisen, nicht auf eine Abhängigkeit des Thal- 
laufes von den Kluftrichtungen, sondern auf eine gemeinsame Abhängig- 
keit beider von der Neigung der Schichten und der ursprünglichen 
Oberfläche schlicssen. 

Das Flusssystem der sächsischen Schweiz ist im allgemeinen durch 
die Dislokationen der Oligocänzeit bestimmt. Der Hauptfluss ist die 
Elbe, welche von ihrem Eintritt in die sächsische Schweiz bei Tetschen 
bis Herrnskretschen nach N, von da bis zu ihrem Austritt aus der 
sächsischen Schweiz bei Pirna und weiter bis Meissen nach WNW 
bis NW fliesst. Die übrigen Flüsse und Bäche der sächsischen Schweiz 
fliessen sämtlich der Elbe und zwar ziemlich geraden Weges zu, so 
dass die sächsische Schweiz ein hydrographisch centralisiertes Gebiet 
bildet. Nationalökonomisch kommt diese Centralisation bei der Klein- 
heit und schlechten Zugänglichkeit der meisten dieser Gewässer fast 
nur für die Flösserei zur Geltung, aber morphologisch ist sie von 
grosser Bedeutung, weil alle Bildungen, welche durch die Flussthätig- 
keit bedingt sind, einen einheitlichen Charakter tragen müssen. 

Die linken Nebenflüsse stammen teils aus dem Quadersandstein- 
gebiete, teils aus dem Erzgebirge, auf welchem der Sandstein einst ja 
viel weiter hinaufreichte. Der Kamm des Erzgebirges bildet eine aus- 
gezeichnete Wasserscheide zwischen dem eingebrochenen Becken un- 
mittelbar an seinem Südfusse auf der einen, dem nördlichen Flachlande 
auf der anderen Seite. Während die Flüsse dort in östlicher Richtung 
dem Kamme parallel verlaufen, fliessen sie hier quer auf denselben in 
nördlicher Richtung ab. Je weiter wir nach E vorschreiten, um so 
kleiner werden diese nördlichen Abflüsse, weil sich die Wasserscheide 
der Elbe immer mehr nähert. Auf der neuen sächsischen Generalstabs- 
karte hat es zwar den Anschein, als ob die Wasserscheide hier nicht 
mehr mit dem Kamme zusammenfiele; der südlich zur Eulau fliessende 
Füllenbach scheint nämlich auf den Nordabhang des Schneeberges 
überzugreifen, aber es hat hier eine künstliche Ableitung des Wassers 
stattgefunden, durch welche man sich nicht täuschen lassen darf. Nur 
einige kleine Bäche fliessen der Elbe in östlicher Richtung zu; im 
übrigen bleibt die Scheide zwischen nördlicher und südlicher Abfluss- 
richtung bis an den grossen Durchbruch der Elbe bestehen. Auch 
jenseits derselben gewinnt sie für kleinere Bäche wieder Bedeutung; 
nördlich einer von Binsdorf zum Rosenberg verlaufenden Linie fliessen 
die Gewässer nach NW, während südlich davon der Bach von Neu- 
Ohlisch der Flexur parallel nach E fliesst. Der Kamnitzfluss durch- 
bricht die Flexur von neuem, und jenseits desselben sind zahlreiche 
Basalt- und Phonolithkegel dem Flexurkamme aufgesetzt, bis wir in 
der Nähe von Kreibitz die sudetische Dislokation erreichen. Die Kam- 
nitz hat ihren* Ursprung nördlich von Hayda auf der Höhenlinie des 
vulkanischen Mittelgebirges, welches sich hier vollständig auf das Quader- 
sandsteingebirge darauflegt (vgl. S. 270 [32]), so dass wir uns nicht 
wundern dürfen, in ihm eine wichtigere Wasserscheide als in der hier 
stark verflachten Flexur zu erblicken. Aber auch diese Wasserscheide 
ist keine scharfe, denn ausser der Elbe durchbricht sie auch der vom 



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312 



Alfred Hettner, 



[68 



Jeschkengebirge her gespeiste Polzenbach, der bei Tetschen in die 
Elbe mündet. 

Das Jeschkengebirge ist wieder eine ausgezeichnete Wasserscheide, 
denn die Scheide zwischen südwestlicher und nordöstlicher Abfluss- 
richtung oder die Scheide zwischen Elbe und Oder, welche bis dahin 
auf dem Riesen- und Isergebirge lag, springt etwas östlich von Reichen- 
berg auf das Jeschkengebirge über. Diese Wasserscheide zieht sich 
von hier in nordwestlicher Richtung über die Lausche und den Wolfs- 
berg bis jenseits Bischofswerda fort. Bis zum Wolfsberg verläuft sie 
unmittelbar nördlich von der Verwerfungslinie, an welcher sich der 
Lausitzer Horst über das Elbsandsteingebirge erhoben hat, vom Wolfs- 
berg an entfernt sie sich von derselben, da sie eine etwas nördlichere 
Richtung annimmt, während die Dislokation eine ihrer westlichen Aus- 
biegungen macht. Die Wasserscheide scheint die alte Kammlinie des 
Horstes zu bezeichnen, welche infolge der völligen Denudation des 
Quadersandsteins heute an sich nicht mehr zu erkennen ist. Die Flüsse 
nördlich der Wasserscheide gehören im östlichen Teile der Görlitzer 
Neisse, also der Oder, im westlichen der Spree und Schwarzen Elster, 
also der Elbe, an. Sie fliessen im allgemeinen nicht senkrecht 
zur Wasserscheide , d. h. nach NE , sondern gerade nach N ab, 
stimmen also in dieser Beziehung mit den Flüssen des Erzgebirges 
überein. Nur westlich einer von Pillnitz nach Elstra verlaufenden 
Linie fliessen die Flüsse in der Streichrichtung der Falten und Ver- 
werfungen nach NW ab, wahrscheinlich weil sich der Horst hier verflacht 
(vgl. S. 272 [28] f.) und dadurch seine wasserscheidende Bedeutung verliert. 
Im ganzen sind die Thäler der Lausitz wahrscheinlich epigenetischer 
Natur, d. h. sie wurden in der ehemaligen Sandsteindecke angelegt und 
schnitten erst später in das krystallinische Grundgebirge ein, in welchem 
sie nur noch örtliche Abänderungen erlitten. 

Die Flüsse südlich der Wasserscheide sind alle zur Elbe gerichtet, 
zeigen aber im einzelnen ziemlich bedeutende Unterschiede. Der Kreibitz- 
fluss, welcher das Quadersandsteingebiet bei der gleichnamigen Stadt 
betritt, fliesst senkrecht zu der hier nordsüdlich gerichteten Granitgrenze, 
also in westlicher Richtung, zu der von S kommenden Kamnitz hin. 
Die Kirnitzsch besitzt dieselbe Richtung, fliesst aber, da ihr Eintritt 
mit einer Krümmung der Granitgrenze zusammenfällt, grossenteils un- 
mittelbar an der Granitgrenze entlang und tritt sogar an zwei SteDen 
in den Granit über. Der schwache Einfall der Sandsteinbänke ist dort 
vom Granit ab, hier, wie die Richtung der kleineren Gewässer zeigt, 
gegen den Granit hin gerichtet, so dass wir das Kreibitzthal als ein 
Querthal, das Kirnitzschthal als ein Längsbruchthal aufzufassen haben 1 ). 
Ist die Gesaratrichtung bei der Kirnitzsch eine westliche, so ist sie bei 
der Sebnitz eine südwestliche und bei der Polenz eine südliche; durch 
diese Verschiedenheit der Richtungen erklärt es sich,* dass die drei 
Flüsse trotz des weiten Abstandes ihrer Quellen doch nahezu an dem- 
selben Punkte in die Elbe münden. Das unterste, im Quadersandstein 
gelegene, Stück der Sebnitz bis zu ihrer Vereinigung mit der Polenz 



») Vgl. v. Richthofen, Führer S. 641 ff. 



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Gebirgsbau und Oberflächengestaltung der sächsischen Schweiz. 313 



und das daran anschliessende Stück der Polenz aufwärts bis Hohnstein, 
laufen einer südöstlich gerichteten Strecke der Granitgrenze parallel, sind 
also möglicherweise auch als Längsbruchthäler aufzufassen. Von Hohn- 
siein an fehlen diese sekundären Längsthäler; der Amselbach und der 
Uttewalderbach, welche beide ganz am Rande des Granites entspringen, 
fliessen, jedenfalls einer schwachen südlichen Neigung der Sandstein- 
bänke entsprechend, direkt der Elbe zu. Auch die Wesenitz bildet 
von Dittersbach i. S. bis Lohmen ein Querthal, fliesst von Lohmen bis 
Liebethal dem Schichtenstreichen parallel und dann wieder senkrecht 
auf dasselbe der Elbe zu. 

Auch der Lauf der Elbe von Herrnskretschen bis Pirna und ab- 
wärts bis Meissen zeigt, wenn wir von den einzelnen Krümmungen 
absehen, deutliche Beziehungen zu der Lagerung der Sandsteinschichten 
und zur mittleren Richtung der Granitgrenze. Er bezeichnet die Linie, 
an welcher der etwa unter l 1 /* — 2° nach N oder NE gerichtetete Ein- 
fall der Schichten in eine viel schwächere Neigung, horizontale Lage 
oder sogar einen schwachen entgegengesetzt gerichteteten Einfall über- 
geht. Der Elblauf entspricht also der Tiefenlinie der Mulde oder des 
Grabens, welcher zwischen Lausitz und Erzgebirge oder Elbthalgebirge 
eingesenkt ist (vgl. S. 280 [36] f.); erst in der Gegend von Meissen, 
wo sich die Dislokationen auskeilen, verlässt der Fluss seine nordwest- 
liche Richtung und biegt nach N um. Von Herrnskretschen aufwärts 
spielt das Kamnitzthal wenigstens bis Hohenleipa dieselbe Rolle, während 
das obere Elbthal und auch das obere Kamnitzthal zu den von S kom- 
menden Nebenthälern gehören. 

Die südlichen Nebenthäler der Elbe kommen im allgemeinen vom 
Kamme des Erzgebirges herab und besitzen einen ziemlich rein nörd- 
lichen Lauf. Nur nach der Elbe hin, beim Eintritt in das sudetisch 
streichende Elbthalgebirge, geht diese nördliche Richtung verloren; die 
Triebisch, die Rote und die Wilde Weisseritz und die Müglitz sind in 
ihrem oberen Teile erst nach N, dann nach NW gerichtet, um schliess- 
lich in einem scharfen Knie nach NE umzubiegen; welchen Einfluss die 
Dippoldiswaldaer Verwerfung dabei ausübt (vgl. S. 2G0 [10]), wird sich 
erst bei einer speziellen Untersuchung erkennen lassen. Weiter süd- 
östlich, im unzerstörten Sandsteingebiete, ist nichts mehr von jener 
Umbiegung der Flüsse zu bemerken ; die Gottleuba, Biela, der Cunners- 
dorfer und der Krippenbach sind im ganzen wieder nach N gerichtet. 
Die wichtigsten Ausnahmen von dieser nördlichen Richtung bilden 
die grosse Krümmung der Gottleuba unterhalb Berggiesshübel und 
die nach WNW, also der Streichrichtung parallel gerichtete Thal- 
strecke des Cunnersdorfer Baches zwischen Cunnersdorf und der Mündung 
in die Biela. Die Flussläufe scheinen hier in früheren geologischen Perioden 
zum Teil andere gewesen zu sein (s. Kapitel X) ; doch liegen die Ver- 
hältnisse noch nicht genügend klar, um über die Ursachen derselben 
zu spekulieren. 

Unser Interesse konzentriert sich auf die Elbe, denn die Elbe ist 
nicht nur in verkehrsgeographischem und kulturhistorischem, sondern 
auch in morphologischem Sinne die Hauptlebensader der sächsischen 
Schweiz. Vor ihrem Eintritte in dieselbe hat sie die Gewässer von 



314 



Alfred Hettner, 



[70 



ganz Böhmen in sich aufgenommen, ist also bereits ein Fluss von ganz 
anständiger Grösse. Der namengebende Quellfluss ist vom Riesengebirge 
bis Pardubitz nach S geflossen, hat sich dann aber nach NW ge- 
wandt und diese Richtung bis Lobositz beibehalten. Kurz vorher, 
bei Melnik , hat er sich mit der ebenso bedeutenden, wenn nicht be- 
deutenderen Moldau vereinigt, welche, von der obersten Laufstrecke 
und den kleineren Krümmungen abgesehen, eine rein nördliche Richtung 
besitzt und diese nun, bei ihrer Vereinigung mit der Elbe, für eine 
kurze Zeit aufgeben muss. Aber schon bei Lobositz wendet sich der 
vereinigte Fluss wieder nach N und behält diese nördliche Richtung 
zunächst bis Aussig bei. Er durchbricht auf dieser Strecke in engem 
Felsenthale das vulkanische Mittelgebirge, während der Oberlauf der Elbe 
sowohl wie der Moldau in viel flacherem Lande gelegen war. Bei 
Aussig wendet er sich wieder eine kurze Strecke nach E, um dann 
von neuem nördliche Richtung einzuschlagen. Bis Tetschen-Bodenbach 
werden seine Ufer von Basalt- und Phonolithbergen begleitet, bei den 
genannten Orten tritt er in das Quadersandsteingebiet ein, in welchem 
er die besprochene Umbiegung nach NW vollzieht. Die Elbe fliesst 
hier in einem engen Felsenthale, erst bei Pirna tritt sie in den 
weiteren Dresdener Thalkessel ein. Von Meissen an bildet sie noch 
einmal ein Felsenthal, um erst oberhalb Riesa die norddeutsche Tief- 
ebene zu erreichen. 

Es ist natürlich, dass ein so auffälliger und für die Hydrographie 
Deutschlands so wichtiger Flussdurchbruch in so viel besuchter Gegend, 
wie der der Elbe durch das böhmische Mittelgebirge und die sächsische 
Schweiz, die Aufmerksamkeit der Geographen und Geologen früh auf 
sich gelenkt hat. Schon Friedrich Hoffmann l ) hat denselben ausdrück- 
lich betont, um die Unabhängigkeit der Wasserscheiden von den Ge- 
birgsketten zu erweisen. Er nahm an, dass die Elbe in Böhmen einen 
See gebildet habe, bis sie an der niedrigsten Stelle des Erzgebirges 
einen Ausgang fand. Diese Auffassung blieb die herrschende; das in 
die horizontalen oder sanft geneigten, auf beiden Thalseiten einander 
vollkommen entsprechenden, Sandsteinbänke eingeschnittene Elbthal 
galt als von der Elbe selbst gebildet, die ehemals auf der Höhe der 
Platte geflossen und bei Pirna in einem Wasserfall herabgestürzt sei, 
und die diesen Wasserfall ähnlich wie der Niagara allmählich weiter 
rückwärts verlegt habe, bis sie den böhmischen See erreicht und ab- 
gezapft hätte. Gutbier 2 ) , Cotta 3 ) , Hermann Credner *) u. a. haben 
dieser Auffassung Ausdruck verliehen. Freilich dachte man sich häutig 
bloss den Einschnitt unterhalb der Ebenheit als ein Erosionsprodukt, 
während man über diesem Niveau das Vorhandensein eines Meeres- 
armes annahm, den man sich entweder noch aus der Kreidezeit stam- 
mend oder auch erst in der Diluvialzeit entstanden dachte. 



») Vorlesungen über physikalische Geographie 1837, S. 557 u. 587. 

(leognostische Skizzen S. 74 ff. 
J ) Cotta, Der innere Bau der Gebirge 1852. S. 52. Geologische Bilder 
4. Aufl.. S. 7tf. 

«) H. Credner, Das Leben in der toten Natur. Zeitschr. f. d. ges. Naturw. 37 
(1871). S. 101 ff. 



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71] Gebirgsbau und Oberflächengestaltung der sächsischen Schweiz. 315 



Peschel *) zog auch die Entstehung jenes Einschnittes durch 
Erosion in Zweifel. Er machte darauf aufmerksam, dass Spuren eines 
grossen böhmischen Süsswassersees , dessen Spiegel in 1200' hätte 
liegen müssen, nicht nachgewiesen worden wären, und schloss daraus, 
dass die „Spalte durch das Erzgebirge, welche die Elbe heutigen Tages 
benutzt, um nach den nordischen Tiefebenen hinauszuschlüpfen, bereits 
vorhanden war, ehe sie sich der Nordsee zuwenden konnte." Auch 
im Mittelgebirge müsste sie einen Spalt vorgefunden haben, der unter 
600' absolute Erhebung herabreichte, denn sonst würde sie sicher in 
westlicher Richtung einen Umweg um dieses halbinselartige Gebirge 
herum gemacht haben, statt es an einer besonders hohen Stelle zu 
durchbrechen. 

Den ersten Versuch, die Schwierigkeiten, an denen Peschel An- 
stoss nahm, zu umgehen, ohne sich der Spaltentheorie in die Arme zu 
werfen, hat Rudolf Credner unternommen 2 ). Er weist darauf hin, dass 
die Bildung des Elbthaies in die Tertiärzeit zurückreiche, in welcher 
das Erzgebirge, wie die Aufrichtung der Tertiärschichten am Südfiisse 
beweise, noch wesentlich niedriger war. Ein böhmischer See brauchte 
damals also nur wenig anzuschwellen, um nach Norden überzufliessen ; 
dass aber ein solcher See bestanden habe, gehe aus den Tertiär- 
ablagerungen hervor. Es ist fraglich, ob die älteren aufgerichteten 
Tertiärschichten wirklich Seeablagerungen sind ; aus dem kurzen Referat, 
in welchem der Crednersche Vortrag nur vorliegt, lässt sich nicht er- 
sehen, wie sich seiner Meinung nach die Verhältnisse nach der Hebung 
des Erzgebirges gestalteten, die gebotene Lösung ist also nicht ge- 
nügend, aber sie ist insofern bedeutsam, als sie gegenüber der blossen 
Betrachtung der Gegenwart auf die Entstehungsgeschichte der Gebirge 
hinweist. 

Einen anderen Lösungs versuch hatte Peschel selbst bereits ange- 
deutet. „Will man sich," sagt er 3 ), „an den Gedanken klammern, 
dass die hydrographischen Engpässe in quervortretenden Gebirgen durch 
die Gewässer, welche wir heute dort fliessen sehen, ausgetieft worden 
seien, so muss man sich zu der Annahme entschliessen, dass die Flüsse 
älter seien als die Gebirge , welche sie durchbrechen ; findet nämlich 
das Aufsteigen des Gebirges so langsam statt, dass die Erosion des 
Flusses damit Schritt halten kann, so wird ein Strom sein altes Bett 
behaupten können, während an seinen beiden Ufern die Wände eines 
Landrückens oder eines Gebirges aufwachsen." Peschel weist diese 
Annahme als unwahrscheinlich von der Hand, aber wenige Jahre später 
sprach der hervorragende Erforscher des Coloradoflusses, Powell 4 ), die- 
selbe Ansicht mit voller Bestimmtheit aus, und bald darauf und un- 
abhängig von ihm wurden auch Medlicott in Indien und der Wiener 
Geologe Tietze zu derselben Meinung geführt. Tietze nimmt auch auf 
die Elbe ausdrücklichen Bezug 5 ) ; dieselbe durchbreche nicht den alten 

') Neue Probleme. 2. Aufl., S. 157 f. 

2 ) Zeitachr. f. d. ges. Naturw. Bd. 49 (1877), S. 165 ff. 

3 ) Neue Probleine. 2. Aufl... S. 158; auch schon im Ausland 1806, Nr. 46. 

4 ) Exploration of the Colorado River. Washington 1875, S. 152 f. 
') Jahrbuch der k. k. geol. Reichsanstalt 1878, S. 597. 



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316 



Alfred Hettner, 



[72 



krystallinischen Wall des Erzgebirges, sondern folge der ehemaligen, 
heute freilich ausgefüllten Terraindepression, durch welche die Ver- 
bindung des böhmischen Kreidemeeres mit dem sächsischen und nord- 
deutschen Kreidemeere vermittelt wurde, während ihre Quellen in altem 
Festlandsgebiete lägen; als die sächsische Schweiz gehoben wurde, 
habe das Einschneiden des P'lusses mit der Hebung gleichen Schritt 
gehalten. 

Eine ganz andere Lösung des Problems hat Löwl vorgeschlagen *), 
weil er das Durchnagen einer Falte oder einer Verwerfung während 
deren Bildung für unmöglich hält. Seiner Meinung nach besass die säch- 
sische Schweiz ursprünglich ein selbständiges, im S abgeschlossenes 
Flusssystem, in welchem die Kamnitz-Elbe der Hauptfluss war. 

Infolge des Schwindens und allmählichen Abiaufens der nord- 
deutschen Tertiärwässer schnitt dieser die heutige tiefe Rinne ein und 
veranlasste auch den vom Südrande des Quadergebirges bei Tetschen 
herabrinnenden Bach, sich tiefer einzugraben und „eine Bresche in den 
Wall des nordböhmischen Tertiärbeckens zu legen". Das Seebecken, 
„ welches über die Senke zwischen dem Lausitzer- und Isergebirge hinweg 
mit der tertiären Wasserbedeckung Norddeutschlands in Verbindung 
stand, begann abzufliessen. Ein reissender Strom arbeitete an dem 
Durchstich der Sandsteinschwelle von Tetschen und an der Vollendung 
des heutigen Elbthals*. 

Tietze und Löwl haben sich über die theoretischen Grundlagen 
ihrer Erklärungsprinzipien , d. h. des Prinzips der gleichzeitigen und 
des Prinzips der rückwärts einschneidenden Erosion, ausführlich aus- 
einandergesetzt, und auch andere Forscher haben in diesen Streit ein- 
gegriffen. In zusammenfassender Weise hat neuerdings Philippson diese 
und alle auf Wasserscheiden bezüglichen Fragen behandelt 8 ) , so dass 
wir von einer neuen allgemeinen Erörterung des Problems absehen 
können. Sowohl die gleichzeitige wie die rückwärts einschneidende 
Erosion sind imstande, Flussdurchbrüche zu erzeugen; nur eine ein- 
gehende Prüfung der thatsächlichen Verhältnisse kann uns darüber 
belehren, ob die Entstehung des Elbdurchbruches auf eine dieser beiden 
oder auf irgend eine andere Ursache zurückzuführen ist. 

Man wird leicht bemerken, dass bei diesen Theorien über die 
Entstehung des Elbthals die tektonischen Verhältnisse gewöhnlich nicht 
ganz richtig aufgefasst worden sind; man hat die älteren und neueren 
Dislokationen nicht genügend geschieden, hat die Altersbeziehungen 
zwischen den Dislokationen und den Tertiärablagerungen nicht scharf 
ins Auge gefasst, hat aus der heutigen Verbreitung der Kreidebildungen 
falsche Schlüsse auf die Gestalt des Kreidemeeres gezogen. Grosse 
Teile Sachsens und Böhmens scheinen von einem ziemlich offenen 
Kreidemeere bedeckt gewesen zu sein, aus dem nur einzelne Inseln 
hervorragten. Beim Rückzüge des Kreidemeeres blieb wahrscheinlich 
ein ausgedehntes Flachland zurück, dessen Flüsse dem rückziehenden 



') Löwl, Ueber Thalbildung. Prag 1884, S. 50 ff. 

*) Studien über Wasserscheiden. Mitteil, des Vereins f. Erdkde. zu Leip- 
zig 1885, bes. S. 279 f., & 290 f., S. 298. 



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Gebirgsbau und Oberflächengestaltuiig der sächsischen Schweiz. 317 



Meere nachflossen. Die Verteilung der Kreidebildungen, die nördliche 
Richtung der erzgebirgischen und sächsisch-schlesischen Flüsse (wäh- 
rend sich aus dem Gebirgsbau NNW bezw. NE -Richtung ergeben 
würde), der gleiche Verlauf der altoligocänen Flussablagerungen machen 
es wahrscheinlich, dass das Kreidemeer sich nach N zurückzog 
und die Flüsse der älteren Tertiärzeit eine nördliche Richtung hatten. 
Die Verteilung der Gewässer wurde vollkommen verändert durch die 
Dislokationen, welche sich im Laufe der Tertiärzeit, wahrscheinlich 
grossenteils in der Oligocänzeit, einstellten und die auf der einen Seite 
die Sudeten, auf der zweiten den Böhmerwald, auf der dritten das Erz- 
gebirge und das vulkanische Mittelgebirge schufen. Erst seit jener 
Zeit ist Böhmen ein von Gebirgen eingeschlossener Kessel ; damals erst 
wurden Elbe, Iser u. s. w. nach SW abgelenkt. In Bezug auf den 
Nordwestrand , d. h. das Erzgebirge , ist es fraglich , ob sich derselbe 
über das zentrale Böhmen oder nur über das unmittelbar angrenzende 
nordwestliche Böhmen erhob, denn an der Eger läuft dem erzgebirgischen 
Bruche ein zweiter Bruch parallel, welcher denselben jedenfalls zum Teil 
kompensiert (vgl. S. 281 [37]). Der Graben, welcher zwischen beiden 
Brüchen entstand, wurde durch vulkanische Ausbruchsmassen ausgefüllt, 
die sich im Osten höher als das eigentliche Randgebirge erheben und 
daher die Wasserscheide bilden. 

Durch dies vulkanische Mittelgebirge und den östlichen Teil der 
erzgebirgischen Flexur hindurch finden heute die Gewässer von ganz 
Böhmen ihren Abfluss. Die Hauptfrage ist, ob sich dieser Abfluss 
sofort mit den Dislokationen einstellte bezw. aus älterer Zeit erhielt, 
oder ob er ein Resultat späterer Ereignisse ist. Im ersteren Falle kann 
der Abfluss durch eine klaffende Spalte gegeben gewesen sein, oder 
aber der Fluss floss über seinem heutigen Bette und hat sich sein Thal 
selbst gegraben. Um zu erklären, dass der Fluss seine Richtung be- 
wahrte, können wir annehmen, dass der Egerbruch den erzgebirgischen 
Bruch kompensiert oder gar übertrifft, oder dass sich der Fluss zu einem 
See aufstaute und an der niedrigsten Stelle überfloss, oder dass er Schotter 
aufhäufte , oder auch dass seine Erosion an sich mit der Hebung und 
vulkanischen Aufschüttung Schritt hielt. Ist der Durchbruch der Elbe 
dagegen erst später eingetreten, so kann Böhmen entweder bis dahin 
ein abflussreicher See gewesen sein oder, mit oder ohne Seebildung, 
einen anderen Abfluss, etwa nach Zittau, besessen haben. Der neue 
Abfluss kann sich durch rückschneidende Erosion des über Tetschen 
herabkommenden Baches oder durch Verstopfung des alten Ausflusses 
und dadurch bedingtes Anschwellen des Sees oder durch Flussverlegung 
während einer Periode der Aufschüttung oder auch auf noch andere 
Weise gebildet haben. 

Wir werden uns begnügen müssen, in den folgenden Kapiteln 
dem Studium der Erosionserscheinungen einzelne Andeutungen zur 
Beantwortung dieser Fragen zu entnehmen, zu einer wirklichen Lösung 
des Problems werden wir nicht gelangen, denn die wichtigsten Fragen, 
ob der Betrag der Egerdislokation dem der erzgebirgischen gleichkommt 
nder nicht, ob die geringere Höhe des inneren Böhmens auf Denudation 
oder auf einer anderen Ursache heruht, ob die Thäler der Elbe und 



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318 Alfred Hettner, [74 

des Polzen im böhmischen Mittelgebirge etwa durch Lücken der vul- 
kanischen Aufschüttung vorgezeichnet sind, ob in Böhmen in jung- 
tertiärer oder quartärer Zeit ein See bestanden hat, ob ein anderer Lauf 
der Elbe vorhanden war, diese und andere Fragen können doch nur 
durch eine eingehende Untersuchung an Ort und Stelle beantwortet 
werden, welche uns allzuweit über die Grenzen unseres Untersuchungs- 
gebietes hinausführen würde. 



IX. Die Gründe. 

Die Elbe und ihre Nebenflüsse fliessen längst nicht mehr auf der 
ursprünglichen Sandsteintafel, auf welcher sie nach dem Rückzüge des 
Kreidemeeres und vielleicht auch noch nach der Bildung der heutigen 
Gebirge ihren Lauf nahmen, ihre engen und steilwandigen Thäler, die 
man in der sächsischen Schweiz passend als Gründe bezeichnet, sind 
vielmehr in weite Platten, die Ebenheiten, eingesenkt, über welche sich 
dann erst die höheren Felswände und Steine erheben. Erwies sich uns 
die Anordnung und der Grundriss der Wasserläufe zwar im grossen 
und ganzen durch Schichtenneigung und Verwerfungen bedingt, aber 
im einzelnen von Ablösungsflächen oder Spalten unabhängig, so lässt 
sich auch der Aufriss, besonders das Längsprofil, derselben nur ver- 
stehen, wenn wir dieselben als Bildungen des fliessenden Wassers 
auffassen. 

Die Elbe fällt während ihres ganzen, 44 l jt km langen Laufes 
durch die sächsische Schweiz nur 10,7 m, da ihr Pegel bei Tetschen 
in 121,5 m, bei Pirna in 110,8 m Meereshöhe liegt; sie hat also ein 
mittleres Gefall von 1:4112 1 ). Der Anstieg der Platte, in welche sie 
eingesenkt ist, ist nach S hin viel bedeutender, so dass ihre Ge- 
hänge nach aufwärts ganz beträchtlich höher werden. Die grösseren 
Nebenflüsse, die Kamnitz, Kreibitz, Kirnitzsch, Sebnitz, Polenz, Wesenitz 
und Gottleuba, haben schon ein viel steileres Gefälle, aber sie bilden 
doch noch während ihres ganzen Laufes durch die sächsische Schweiz 
ausgesprochene Thäler; wenn wir dagegen den kleineren Bächen auf- 
wärts folgen, so gelangen wir nach einem steilen Anstiege entweder, 
wie am Uttewalderbach, Amselbach, an den Thürmsdorfer Bächen, dem 
Krippenbach, ja selbst der Biela, anf die horizontale oder sanft geneigte 
Hochfläche, auf welcher der Bach träge dahinschleicht, oder, wie am 
Kleinen Zschand, Heringsgrund und zahlreichen anderen Bächen des 
rechten Elbufers, an senkrecht aufsteigende Felswände, von welchen 
nur noch Regenwasser herabtropft. 



') Ueber Berg und Thal. Zeitschr. des Gebirgsvereina f. d. sächs. Schweif 
I, S. 272, nach Angaben der Wasserbaudirektion. 



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Gcbirgsbau und Oberflächengestaltung der sächsischen Schweiz. 319 



Es besteht also ein ganz bestimmtes Verhältnis zwischen den 
Thälern oder Schluchten und den Bächen, welche sie beherbergen. 
Je grösser der Bach ist, um so steiler steigt der Thalboden an. Wären 
die Thäler Spalten, so wäre diese Beziehung rein zufällig, denn warum 
hätte nicht ebensogut die Polenz in die kleine Spalte des Amselgrundes, 
und der Amselbach in die grosse Spalte des Polenzthales fallen sollen? 
Einschnitte des fliessenden Wassers dagegen müssen, wenn ihre Erosion 
durch den gleichen Umstand, in diesem Falle die Bildung des Elbthaies, 
erweckt worden ist, und die übrigen Bedingungen gleich sind, um so 
länger und tiefer sein, je grösser die Wassermenge ist, denn die 
Arbeitskraft des Wassers nimmt mit der Wassermenge zu. 

Woher kommt es aber, dass der Anstieg nicht gleichmässig bis 
zur Quelle stattfindet, sondern dass auf eine Strecke steilen Gefälles 
vielfach ein träger Lauf auf der Hochfläche folgt? Man hat die Er- 
scheinung seit langem durch die Analogie des Niagarafalles erklärt, 
welcher sich, wie uns besonders die schönen Untersuchungen von Lyell 1 ) 
gelehrt haben, früher ungefähr 12 km weiter abwärts bei der Stadt 
Lewiston befand, im Laufe der Zeit bis zu seinem gegenwärtigen Orte 
zurückverlegt worden ist und auch jetzt noch jährlich um einen mess- 
baren Betrag zurückschreitet. Auch die Elbe, so haben Gutbier, Cotta, 
H. Credner u. a. (vgl. S. 314 [70]) ausgeführt, stürzte einst bei Pirna in 
einem Wasserfalle von der dort gelegenen breiten Sandsteinstufe hinab 
und hat diesen Wasserfall allmählich rückwärts verlegt, bis die ganze 
sächsische Schweiz und das böhmische Mittelgebirge durchschnitten 
waren. Sobald der Einschnitt bis zur Mündung eines Nebenflusses 
fortgeschritten war, eröffnete dieser den gleichen Prozess. Die grösseren 
Flüsse haben denselben, ebenso wie die Elbe, bereits vollendet; bei 
den kleineren dagegen liegt der Oberlauf auch heute noch auf der 
Höhe der Tafel. 

Diese Auffassung hat neuerdings durch Philippson *) eine scharfe 
theoretische Begründung erhalten. Ein Fluss kann nur dann erodieren, 
d. h. sein Bett tiefer legen, wenn er allen von oberhalb oder durch 
Verwitterung zugefuhrten Schutt fortzuschaffen vermag und noch Kraft 
Übrig behält, um den Boden seines Bettes anzunagen. Je grösser die 
Wassermenge ist, ein um so kleineres Gefäll ist dazu nötig, aber wenn 
dieses unter einen gewissen Betrag herabsinkt, stellt auch der grösste 
Fluss die Thätigkeit des Einschneidens ein. Im Inneren von Tafelländern 
oder anderen Hochflächen ist dieser Fall thatsächlich vorhanden; statt 
einzuschneiden, müssen die Flüsse und Bäche hier sogar häufig einen 
Teil des mitgeführten Materials ablagern. Nur an den Rändern, be- 
sonders wenn dieselben durch steile Stufen gebildet werden, kann die 
Erosion einsetzen, und zwar mit besonderer Energie einsetzen, weil 
hier eine grosse Wassermenge und starkes Gefälle vereinigt wirken. 
Der Fluss schneidet daher verhältnismässig rasch bis zu der Tiefe ein, 
welche seiner Wassermenge entspricht; die Stufe und damit die Zone 



') Lyell, Principles of geology, 11*1» ed., S. 354 ff. 

Ä ) Philippson, Ein Beitrag zur Erosionstheorie. Peterm. Mitteil. 1886, S. 76. 



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320 



Alfred Hettner, 



[76 



energischer Erosion schreiten thalaufwärts vor (s. Fig. 4). Aber wie 
schon die Verwitterung bestrebt ist, senkrechte Felswände in steil 
geneigte zu verwandeln (vgl. S. 296 [52], so wird erst recht ein 
Bach oder Fluss im Laufe der Zeit Katarakte und Stromschnellen an 
Stelle des Wasserfalles setzen. Dieser wird sich bei der Rückwärts- 
verlegung nur in dem Ausnahmefalle erhalten, dass harte Gesteinsbänke 
über weichen lagern, wie es am Niagara der Fall ist So häufig die 
zur Hochfläche oder zu alten Thalböden hinaufführenden Zonen steilen 
Gefälles in der sächsischen Schweiz auch sind, so sind dieselben doch 
nur selten als Wasserfälle ausgebildet. 

Etwas anders muss sich der Erosionsprozess bei Regenschluchten 
in abflusslosem Gebiete gestalten (s. Fig. 5). Das abfliessende Regen- 



Fig. 4. Fi«. 5. 




wasser ist zunächst nur ein unbedeutender Faden, der daher auch nur 
wenig einschneiden kann. Erst durch die Thätigkeit des Einschneidens 
selbst wird die Wassermenge vermehrt und damit die Möglichkeit 
tieferen Einschneidens gegeben. Die Ausbildung der Schlucht schreitet 
daher nach hinten und nach unten in einem konstanten Verhältnis fort, 
der Aufriss der Schlucht ist, wenn keine besonderen Unregelmässigkeiten 
eintreten, in jedem Momente durch die vorhandene W T assermenge be- 
stimmt, d. h. er bildet eine nach oben ganz regelmässig ansteigende 
Kurve, deren mittlere Neigung um so kleiner ist, je grösser die ge- 
samte Wassermenge. Ist die Basis der Schlucht bis zum Fusse der 
Wand hinabgelegt worden , so erfolgt die Fortbildung nur noch nach 
hinten und zwar langsamer als vorher, weil sich der Neigungswinkel 
der Kurve nur in dem gleichen Verhältnis weiter vermindern kann. 
Der Boden der Schlucht hat jetzt dieselbe Gestalt gewonnen, welche 
der Thalboden eines gewöhnlichen Baches von gleicher Wassermenge 
bei Vollendung des Einschneidens haben würde, aber der Weg, auf 
welchem dieses gleiche Ziel errreicht worden ist, ist bei beiden ein 
ganz verschiedener gewesen. 

Mittelbar werden diese Regenschluchten auch für die Thäler 
wichtig, denn an jedem Thalrande wird ihre Bildung eingeleitet und 
dadurch die Wassermenge der Bäche beständig vermehrt. Philippson 
(a. a. 0. S. 76 f.) hat die Meinung ausgesprochen, dass das Thalprofil, 
welches die Entwickelung jedes Tafellandbaches kennzeichnet, zur Dauer- 
bildung werden könne, d. h. dass es Gebiete geben könne, welche von 
der Erosion überhaupt nicht erreicht werden, wenn nämlich die Wasser- 
menge der Bäche zu gering sei, um den Transport fester Materialien 



') Vgl. Lyell a. a. 0., Löwl, Studien über Thalbildung. Prag 1884, S. 52. 
Supan, Grundzüge der physischen Erdkunde S. 276. 



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77] Gebirgsbau und Oberflächengestaltung der Bächsischen Schweiz. 321 

von der Quelle bis zur Mündung zu ermöglichen. Dieser Fall wird aber 
nur in regenlosen Klimaten eintreten können; unter gewöhnlichen Um- 
ständen birgt ein Tafelland in seinen inneren Teilen immer noch Wasser, 
welches gegenwärtig einsickert, aber durch die Erosion zum Abfluss 
gebracht werden kann, so dass jedes Einschneiden Vermehrung der 
Wassermenge bewirkt und damit die Möglichkeit neuer Erosion enthält. 
Der Erosionsprozess kann zuletzt ein sehr langsamer werden, aber er 
kann nicht zum Stillstande kommen, bevor er nicht jeden Winkel in 
sein Bereich gezogen hat. 

Wir sind bisher von der Voraussetzung ausgegangen, dass der 
Stufenrand der sächsischen Schweiz fertig vorhanden gewesen sei, als 
die Erosion einsetzte. Aber es ist fraglich, ob diese Veraussetzung 
richtig ist. Namhafte Forscher meinen, dass der Einschnitt des Haupt- 
thales immer schon gleichzeitig mit der Emporhebung der Gebirge erfolgt 
sei (vgl. S. 315 [71] f.), und auch abgesehen davon ist die Möglichkeit 
vorhanden, dass der Stufenrand eines Tafellandes in Absätzen oder 
ganz allmählich entsteht oder wenigstens entblösst wird. Dem Wesen 
nach gestaltet sich der Erosions Vorgang dadurch nicht anders, aber an 
die Stelle eines einheitlichen Aktes tritt eine Reihe kleinerer Akte oder 
auch eine unendliche Wiederholung unendlich kleiner Akte derselben Art. 

Es wäre möglich, dass gewisse Unregelmässigkeiten, welche wir 
im Verlaufe der Thalkurven bemerken, hiermit in Zusammenhang stehen. 
Ein gutes Hilfsmittel für das Studium derselben wird uns durch die 
Höhenlinien der Messtischblätter der sächsischen Generalstabskarte 
(1 : 25000) gewährt. Schon ein Blick auf die bald dichtere Aneinander- 
drängung, bald weitere Entfernung der Höhenlinien genügt, uns von 
dem Vorhandensein solcher Unregelmässigkeiten zu überzeugen, zu 
einem genaueren Studium aber muss man die Entfernungen derselben 
abmessen und daraus die Gefällszahlen berechnen. 

In den kleineren Gründen führt uns meist unmittelbar von der 
Elbe oder einem der grösseren Nebenthäler ein steiler Anstieg zum 
flacheren Thalboden hinauf, der aber noch nicht auf der Hochfläche 
liegt, sondern in dieselbe eingesenkt und mit ihr durch einen neuen 
steilen Anstieg verbunden ist. Zwei kleine Schluchten am Grahlstein 
südlich von Rathen haben auf die ersten 250 m einen Anstieg von 40 m, 
nämlich von 110 auf 150 m, während man erst in einer weiteren Ent- 
fernung von 950 m die nächsten 30 m, nämlich zu 180 m emporsteigt. 
Auf ein Gefäll von 1 : 6 folgt demnach ein Gefäll von 1 : 32. In dem 
schon viel bedeutenderen Zahnsgrunde östlich von Schandau erheben wir 
uns in den ersten 600 m um 55 m (von 115 auf 170 m, Gefälle 1:11), 
in den darauf folgenden 470 m nur um 10 m (1 : 47) und den nächsten 
440 m um 20 m (180 — 200 m, 1 : 22). Auch in dem nach E sich 
anschliessenden Wenzelsgrunde dauert dieses verhältnismässig geringe 
Gefälle fort. Der etwas vorher, bei 180 m, einmündende Schiess- 
grund dagegen führt uns in den ersten 170 m gleich um 30 m, nämlich 
zu 210 m, aufwärts (Gefälle 1 : 6), während die nächsten 30 m Erhebung 
(zu 240 m) auf einen Abstand von 560 m (1 : 19) erfolgen und daran 
sich erst der Anstieg zur Hochfläche an schliesst. Desgleichen beginnen 
viele Nebengründe des Kirnitzschthales mit einer Stufe. Der Münzbach 



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Alfred Hettner, 



[78 



zeigt auf die ersten 120 m ein Gefälle von 1:4, auf die nächsten 180 m 
dagegen nur von 1:18 und auf die darauf folgenden 1170m 1:23. 
Im Kleinen Zschand zeigen die ersten 80 m 1 : 4, die darauf folgenden 
1120 m 1 : 50 u. s. w. Im Grossen Zschand ist die Stufe etwas weiter 
zurückgeschoben und etwas weniger steil, aber doch auch deutlich vor- 
handen. Dagegen fehlt sie in dem bei Hinter-Dittersbach mündenden 
Böhmergrund und den benachbarten Gründen vollständig; dort finden 
wir in den ersten 2850 m ein Gefälle von 1 : 1 IG, das nach aufwärts 
ganz allmählich grösser wird. Dafür tritt aber zwischen der Mündung 
des Grossen Zschand und der Mündung des Böhmergrundes im Kirnitzsch- 
thale selbst eine Stufe auf. Zwischen den Höhenlinien von 210 und 
230 m ist das Gefälle daselbst plötzlich auf 1 : 70 gesteigert, während 
es zwischen 190 und 210 m 1 : 107 und zwischen 230 und 250 m 
1 : 245 beträift. Auch abwärts von 1 90 m wechseln steilere und flachere 
Stellen miteinander ab, da wir das Gefälle zwischen 100 und 170 m 
gleich 1:92, zwischen 170 und 150 m gleich 1:158, zwischen 150 
und 130 m gleich 1 : 249, zwischen 130 m und der bei 115 m gelegenen 
Mündung in die Elbe gleich 1 : 150 finden. 

Es sind verschiedene Ursachen denkbar, welche einen derartigen 
Wechsel steilerer und flacherer Strecken des Thalbodens veranlasst haben 
können Wir haben gesehen, dass trotz der scheinbaren Gleichartigkeit 
manche Sandsteinbänke der Verwitterung geringeren Widerstand leisten 
als andere, und so könnte auch das Einschneiden der Flüsse in ihrem Be- 
reiche in schnellerem Tempo geschehen ; manche geringere Gefalls Wechsel, 
namentlich beim Uebergange der Thäler aus dem Granit und Gneiss in 
den Sandstein sind auch wohl auf diese Ursache zurückzufuhren. Die 
Vermehrung der Wassermenge, auf welcher neben der Beschleunigung 
durch die Schwere und der dadurch vermehrten Geschwindigkeit die 
Zunahme der Wasserkraft nach abwärts beruht, geht nicht gleichmassig 
vor sich, sondern erfolgt hauptsächlich an der Mündung der Neben- 
bäche, so dass der Flusslauf vielfach aus einer Reihe kleiner Kurven 
zusammengesetzt erscheint, deren Bruchstellen mit den Mündungen zu- 
sammenfallen. Unter Umständen wird der Nebenbach jedoch auch mehr 
Schutt herbeibringen, als der Fluss zu bewältigen vermag, und dadurch 
eine Stauung bewirken. Auch durch Bergstürze erfolgen mitunter an 
einer Stelle des Thaies reichlichere Schuttanhäufungen, so dass der Fluss 
aufgestaut wird und oberhalb des Schuttkegels ein geringeres, unterhalb 
ein stärkeres Gef alle erhält. Diese Ursache scheint sich besonders leicht 
am unteren Ende von Kesseln geltend zu machen, wo viele Schluchten 
zusammenmünden. Im kleinen Dom (zwischen Schandau und Winterberg) 
finden wir am Fusse senkrechter, amphitheaterförmiger Felswände einen 
beinahe ebenen sandigen Boden; der Ausgang wird durch eine kleine 
Schlucht gebildet, die von zahlreichen grossen Felsblöcken erfüllt ist. 
Ein solcher sandiger Kesselboden darf natürlich nicht mit den felsigen 
und häufig von kleinen Seen erfüllten Böden der alpinen Kare, der 
norwegischen Botner und pyrenäischen Zirkusthäler verwechselt werden, 
bei deren Bildung wahrscheinlich das Eis eine wichtige Rolle spielte. 



») Vgl. v. Richthofen, Führer S. 198 ff. 



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79] 



Gebirgsbau und Oberflächengestaltung der sächsischen Schweiz. 



323 



Aber die grösseren, fast in keinem Thale fehlenden Stufen lassen 
sich weder durch Unterschiede in der Härte des Gesteins noch durch 
örtliche Schuttanhäufungen noch durch Unregelmässigkeiten der Wasser- 
vermehrung erklären. Ueber diese Stufen sind wir zuerst durch die 
schönen Untersuchungen Rütimeyers im Gebiete der Reuss und des 
Tessin *) aufgeklärt worden. Rütimeyer zeigte, dass die flachen Thal- 
böden sich unterhalb der sie abschneidenden steilen Stufen als Ge- 
hängeterrassen in derselben langsam sich vermindernden Höhe fortsetzten, 
und dass die Terrassen der Nebenthäler genau auf die Terrassen der 
Hauptthäler treffen. Er schloss daraus mit Recht, dass die Flüsse 
längere Zeit in jenem Niveau geflossen seien, dass die Erosion dann 
aus irgend einem Grunde von neuem erwacht sei, aber die Arbeit des 
Rückschneidens an den meisten Stellen noch nicht vollendet habe, und 
dass auch nach dem Wiedereinschneiden die älteren Thalböden als Ge- 
hängeterrassen erhalten geblieben seien. Denn Thalböden, auf welchen 
der Fluss längere Zeit verharrte, sind stets verhältnismässig breit, nicht 
weil die seitliche Erosion während der Ruhepausen an sich stärker 
ist als während des Einschneidens, sondern weil sie ihre Kraft länger 
an derselben Stelle üben kann, und weil sich auch an den Mündungen 
der Nebenflüsse nur in diesem Falle flache Schuttkegel bilden können. 

Die nähere Untersuchung der Thalterrassen der sächsischen 
Schweiz von diesem Gesichtspunkte aus muss einem späteren Kapitel 
überlassen bleiben. An dieser Stelle dagegen haben wir in den heutigen 
Thalböden der Elbe und ihrer Nebenflüsse die Anzeichen eines solchen 
Ruhezustandes zu verfolgen. Bei rückläufiger Erosion muss derselbe 
im unteren Teile der Thäler immer verhältnismässig rasch eintreten, 
ausser wenn etwa das Mündungsniveau des Flusses und die klimatischen 
Verhältnisse grösseren Veränderungen unterworfen sind. Die Thalsohle 
der Elbe zeigt sowohl an der inneren Seite der Krümmungen, bei 
Rathen, Königstein, Niedergrund und Rasseln, wie an der Mündung 
mehrerer Nebenflüsse, der Kirnitzsch, des Lachsbaches, des Uttewalder- 
baches u. a. kleine Flachböden, wie sie sich während energischen Ein- 
schneidens kaum bilden können. Von den Nebenthälern zeigt die, aller- 
dings kaum noch der sächsischen Schweiz angehörige, Gottleuba diese 
weite Thalsohle am besten entwickelt, aber auch die Polenz wird auf 
ihrem ganzen Laufe durch die sächsische Schweiz von ebenen Wiesen- 
böden begleitet. Das Thal der Kamnitz verengt sich auffälligerweise 
schon bald oberhalb der Mündung zu einem engen Felsenschlunde, in 
welchem nicht einmal ein Weg hat geführt werden können, und er- 
weitert sich erst bei der Mündung der Kreibitz, wo wir einen alten 
Thalboden erreichen. Im Kirnitzschthale hat die seitliche Erosion schon 
grössere Erfolge zu verzeichnen; oft hat sich der Fluss hart an die 
eine Thalseite gedrängt, den Fusskegel zerstört und durch Unterwaschung 
glatte senkrechte Felswände erzeugt. Am meisten entwickelt sind die 
Flachböden an den beiden Stellen, wo die Kirnitzsch im Granitgebiet 
fliesst, wahrscheinlich weil ihr Lauf hier gerade ziemlich gekrümmt ist. 
Weiter oberhalb treten wir in ein enges Felsenthal, das sich erst auf 



x ) Rütimeyer, Ueber Thal- und Seebildung, 2. Aufl. Basel 1874. 




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324 



Alfred Hettner, 



[80 



dem alten Thalboden bei Hinter-Dittersbach wieder für eine Strecke 
von ungefähr 2 km erweitert. Dann folgt bei nordsüdlichem Laufe die 
besonders enge und romantische Partie der oberen Schleuse, während 
die ostwestlich gerichtete Laufstrecke oberhalb Hinter-Daubitz wieder 
einen etwas weiteren Thalboden zeigt , ohne dass sich diese Thal- 
erweiterung auch in den Gefällsverhältnissen widerspiegelte. Der 
Thalboden der Biela verengt sich schon 1 km oberhalb Königstein und 
bewahrt diese Enge für 6 l fi km, nämlich bis Brausenstein, wo wir 
einen alten sanft geneigten Thalbodeu betreten. Thalaufwärts wird 
derselbe immer breiter, bis wir den weiten, von steilen Felswänden 
umgebenen Kessel von Eiland erreichen. 

Wesentlicher noch für den landschaftlichen Eindruck der Thäler 
als die grössere oder geringere Weite des Thalbodens ist die grössere 
oder geringere Steilheit der Thalgehänge. Wenn die Erosion der Flüsse 
oder Bäche allein wirksam wäre, so würden sämtliche Thäler und 
Schluchten enge Schlünde mit senkrechten Wänden sein. In losen 
Sauden und ähnlichen Massen bat das Einschneiden allerdings sofort 
Gleitbewegungen im Gefolge, welche andauern, bis die Neigung des 
Abhanges der natürlichen Böschung der Masse entspricht; aber der 
Quadersandstein mit seiner quaderförmigen Absonderung ist sehr wohl 
imstande, senkrechte Wände zu bilden. Nur dadurch, dass die Ver- 
witterung den Zusammenhang der Sandkörner und der Quaderblöcke 
lockert, und die Schwere oder das Hegen- und Sickerwasser dieselben 
zu Fall bringt, geht hier, wie in den meisten anderen festen Gesteinen, 
der schlundartige Charakter der Thäler verloren, gehen die Gehänge 
aus ihrer senkrechten Stellung in eine weniger steil geneigte Lage 
über, kommen die oberen Thalränder nicht mehr senkrecht über, sondern 
mehr oder weniger zur Seite der Thalaue zu liegen. 

Wir sehen zunächst von den grösseren Lücken der Thalwände ab, 
welche selbst kleine Thäler sind, und fassen den mehr gleichmässigen 
Angriff der Thalwände durch die Verwitterung ins Auge. Die Ver- 
witterung ist überall ebenso alt wie die Erosion, sowohl Verwitterung 
wie Erosion arbeiten immer weiter, aber an verschiedenen Orten und 
zu verschiedenen Zeiten mit sehr verschiedener Kraft, so dass das 
Kräfteverhältnis ein überaus wechselndes ist. 

Bei eigentlichen Thälern wird eine hohe Thalwand in einem sehr 
kurzen Zeiträume gebildet (vgl. S. 319 [75] f.), in welchem die Verwitte- 
rung nur eine sehr unbedeutende Arbeit zu leisten vermag. Die Thäler 
haben also alle wirklich einmal die Form eines mehr oder weniger 
tiefen Schlundes besessen, der erst später durch die Verwitterung mehr 
oder weniger erweitert worden ist. Grosse Strecken des Kamnitzthaies 
sowie das Kirnitzschthal oberhalb Hinter-Dittersbach stellen auch heute 
noch ziemlich enge Schlünde dar. Bei den Regenschluchten dagegen erfolgt 
der Einschnitt und damit die Bildung der Wände allmählich, die Erweite- 
rung erfolgt also gleichzeitig mit der Vertiefung, der Erosionsschlund ist 
also nie thatsächlich vorhanden, die Schluchten stellen vielmehr in jedem 
Momente weitere Furchen dar. In dem Felsengebiete östhch von Schandau, 
wo fast alle Vertiefungen Schluchtencharakter tragen, begegnen wir daher 
keinen engen Schlünden, sondern breiteren, mehr kesselartigen Lücken. 



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Gebirgsbau und Oberflächengestaltung der sächsischen Schweiz, 325 



Die Abtragung der senkrechten Thalwände durch die Verwitterung 
beginnt an der oberen Kante und schreitet sehr schnell nach unten, 
viel langsamer nach hinten fort, in einem, durch den Neigungswinkel a 
(vgl. Fig. (5) ausgedrückten Verhältnis , welches . namentlich durch die 

Fig. 6. 




Gesteinsbeschaffenheit und den Wasserzufluss bedingt ist. Der Schutt 
fallt zunächst in den Fluss und wird durch denselben fortgeführt, bis 
der Angriff der Wand den Thalboden erreicht hat. Der horizontale 
Abstand b der oberen Kante von dem Fluss ist in diesem Momente 
durch die Höhe der Wand h und den natürlichen Neigungswinkel des 
Gesteins a bestimmt: b = h cotang a, d. h. er ist ceteris paribus um 
so grösser, je höher die Wand ist. Bei der weiteren Rücklegung der 
Wand kann natürlich kein horizontaler Zwischenraum zwischen ihr 
und dem Flusse bleiben, es bildet sich vielmehr « der Fusskegel aus, 
auf welchem das spülende Wasser den im oberen Teile der Wand 
gebildeten Schutt hinabführt, und der um so flacher wird, je weiter 
die Wand zurückverlegt wird (vgl. S. 301 [57] f.). Wenn wir die 
Schnelligkeit der Rückverlegung durch die Grösse r messen, welche 
von der Höhe der Wand völlig unabhängig ist (vgl. S. 135 [58]), 
so ist der Abstand der Felskante vom Fluss oder die Breite des Ge- 
hänges g nach Ablauf der Zeit t (von der Herstellung des Gehänges AB 
an gerechnet) 

g = b-f-t-r = h cotang a -f - 1 . r. 

Je grösser also t . r ist, d. h. je längere Zeit seit dem Beginne der Ver- 
witterung verflossen ist, oder je rascher die Verwitterung fortschreitet, 
um so mehr verwischt sich der Einfluss der Höhe der Wand. Für 
die Neigung 7 des Gehänges gilt 

t r 

cotang 7 = g : h = cotang a -(- -jp 

Y ist also um so grösser, je grösser h ist, aber der Einfluss 
von h wird gleichfalls mit der Zeit und mit der Stärke der Ver- 
witterung geringer. 

Die Verwitterung setzt im allgemeinen infolge der* rückläufigen 
Erosion im unteren Teile der Thäler eher ein als im oberen, ihr An- 

Forschaogen zur deuUchen Lande*» und Volkskunde. II. 4- 22 



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326 Alfred Hettner, [82 

griffspunkt schreitet bei grösseren Flüssen schneller aufwärts als bei 
kleineren; t wird also flussaufwärts immer kleiner. Wenn die Ober- 
fläche horizontal ist, so geht die Verkleinerung von h damit Hand in 
Hand. Die Breite der Gehänge g wird in diesem Falle also aus 
doppeltem Grunde verkleinert, der Neigungswinkel wird grösser oder 
kleiner, je nachdem die Höhe der Wand h oder die Dauer der Ver- 
witterung t in höherem Grade zunehmen. Unmittelbar nach dem Ein- 
schneiden wird im allgemeinen der Einfluss von h überwiegen, mit der 
Zeit wird sich t mehr und mehr geltend machen, d. h. die Gehänge werden 
zuerst verhältnismässig steil sein, mit der Zeit aber flacher werden. 

Diese Sätze lassen sich nur schwer durch Beispiele aus der Natur 
zahlenmässig belegen, weil die Gesteinsbeschaffenheit und der Wasser- 
zufluss störend einwirken, weil der oberste Teil der Gehänge oft ganz 
flach zurückweicht und daher nur die in wechselnder Höhe liegende 
Felskante eine Messung ihres Abstandes vom Flusse oder der Thalaue 
erlaubt. Ungefähr wird man die nach aufwärts abnehmende Breite 
der Gehänge in der folgenden Tabelle über den Uttewaldergrund er- 
kennen können ; auch die gleichmässige Steilheit der Gehänge tritt hier 
zu Tage, mit Ausnahme des ersten Punktes, an welchem der obere 
Teil der Gehänge aus besonderen Gründen abgetragen ist. 





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10 


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1.1 


187 


220 


33 


70 


10 


30 2.1 


0.9 


197 


220 


23 


50 


10 


20 2.2 


0.9 



Mündung des Zscherregrundes 



In den meisten Fällen ist aber die Platte, in welche das Thal 
eingesenkt ist, nicht horizontal, sondern in derselben Richtung wie das 
Thal selbst und zwar mitunter in stärkerem Grade als dieses geneigt. 
Die grössere Höhe der Thalwand im oberen Teile wird dann das 
spätere Einsetzen der Verwitterung ausgleichen und sogar übertreffen 
können, wie uns besonders deutlich die Elbe selbst lehrt, deren Ver- 
gleich mit dem Uttewaldergrunde zugleich den Einfluss der Grösse des 
Thaies erkennen lässt. 

SO 



i» 

« o 



il 



I Ig, sl ^5 -| h :d = l: 

Z£ 1J |l Ii II 15 h:g-l5 

| H | H S ü W «| 1: l: 

oberhalb Pirna . . . 110m 160 m 50m 560m 360m 100 m 11.2 2.0 

Zeichen 110 200 90 550 180 175 6.1 2.0 

oberhalb Königetein . 114 220 106 760 340 210 7.1 2.0 

Postelwitz . 115 240 125 630 310 160 5.0 1.3 

Schmilka 115 240 125 620 280 170 5.0 1.4 

oberh. Herrnskretschen 115 250 135 550 180 185 4.1 1.3 

Niedergrund .... 115 300 185 880 320 280 4.7 1.5 

unterhalb Czirte . . 115 350 235 940 260 340 4.0 1.4 

Mittelgrund .... 115 390 275 1350 300 525 4.9 Lg 



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83] Gebirgsbau und Obarflächengestaltnng der sächsischen Schweiz. 327 

Fliesst der Fluss nicht senkrecht auf die Streichrichtung einer 
geneigten Platte, sondern derselben mehr oder weniger parallel, wie 
die Elbe unterhalb Herrnskretschen oder der Cunnersdorfer Bach unter- 
halb Cunnersdorf, so tritt eine Verschiedenheit nicht zwischen den auf- 
wärts und abwärts gelegenen Strecken, sondern zwischen den beiden 
Thalseiten ein. Der geringe Höhenunterschied ist allerdings von keiner 
Bedeutung, aber durch die Neigung der Platte, namentlich wenn die- 
selbe mit einer Schichtenneigung verbunden ist, werden Wasserzufluss 
u. dgl. bedingt (vgl. S. 304) [60]. Es wird daher nicht nur die natür- 
liche Neigung der Gehänge auf der gegen den Fluss hin geneigten 
Seite sanfter, d. h. kleiner oder b grösser sein als auf der Seite 
der Schichtenköpfe, sondern es wird auch die Abtragung r auf jener 
Seite viel rascher vor sich gehen; erst recht wird sich also die Breite 
des Gehänges g daselbst vergrössern, die Steilheit f verringern. Auf 
der bezeichneten Strecke des Cunnersdorfer Thaies ist die den Thalrand 
bezeichnende Isohypse von 300 m auf der Südseite anderthalbmal so weit 
von der Thalaue entfernt als auf der Nordseite. 

Aber auch auf der Nordseite ist das Gehänge keineswegs be- 
sonders steil, da das Verhältnis h : g nur 1 : 4 beträgt (80 m : 320 m), 
während es bei der Kirnitzsch und Polenz bei gleicher Thaltiefe (d. h. 
gleicher Grösse von h) zwischen 1 : 1 und 1 : 1 l jt schwankt. Südöstlich 
der Linie Pirna -Dittersbach ist überhaupt nur hier und da eine Fels- 
wand an den Thalgehängen stehen geblieben, während meist der obere, 
sanfter geneigte, Teil des Abhanges mit dem Fusskegel verschmilzt, so 
dass ein gleichmässiges Gehänge entsteht, wie wir es in den meisten 
anderen Mittelgebirgen finden. 

Dieser Unterschied gegenüber dem rechten Elbufer scheint grossen- 
teils eine Wirkung der Gesteinsbeschaffenheit zu sein. Die Thäler des 
rechten Elbufers sind in den rein quarzigen oberen Quader, die des 
linken Ufers und der Binsdorfer Platte grossenteils in den mittleren 
Quader eingeschnitten, welcher viel weicher und thoniger ist als jener. 
Ueber dem mittleren Quader liegt die Plänerschicht und in einiger 
Höhe über dieser eine sehr thonreiche Schicht, welche beide auf dem 
rechten Ufer nur an wenigen Stellen auftreten. Das Wasser kann 
also auf dem linken Ufer nicht in dem Masse einsickern wie auf dem 
rechten, sondern spült gleichmässig über den Abhang hinab. Nur wo 
die Oberfläche, wie an den Nickelsdorfer Wänden und im oberen Biela- 
thale, durch eine völlig ebene Platte gebildet wird, ist der Zutritt des 
spülenden Wassers erschwert und damit die Neigung zur Felsenbildung 
vorhanden. Die grotesken Felsbildungen des Bielathales oberhalb 
Brausenstein und besonders oberhalb der Schweizermühle sind übrigens 
namentlich auf die seitliche Erosion zurückzuführen* und sind deshalb 
immer nur auf einer Thalseite, meistens der rechten, vorhanden. 

Auf dem rechten Elbufer zeigen besonders das Thal der Lachs- 
bach, d. h. der vereinigten Polenz und Sebnitz, und das Thälchen des 
Münzbaches sanftere Formen. Dort mag der diluviale Lehm daran 
schuld sein, welcher die Thalränder bedeckt, hier liefern die zahlreichen 
Höhlen der Kuhstallwände reichlicheres Wasser. Felswände, welche 
in der Nähe der Thalränder über die Platte aufragen, sind überhaupt 



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328 



Alfred Hettner, 



[84 



von der grössten Bedeutung. Während sich im allgemeinen erst infolge 
der Thalbildung Regenrinnen bilden, waren hier schon vor dem Ein- 
schneiden der heutigen Thäler grössere Rinnsale gegeben, welche mit 
dem Einschneiden der Thäler in viel höherem Grade Schritt zu halten 
vermochten. An dem Unken Ufer der Polenz und auch am rechten 
Elbufer zwischen Herrnskretschen und Schandau sind diese Schluchten 
der geringen Höhe oder dem geringen Abstände der Felswände ent- 
sprechend verhältnismässig unbedeutend, aber im oberen Teile des 
Grossen Zschand werden sie so viel ansehnlicher und drängen sich so 
dicht aneinander, dass sie den Grundcharakter desselben völlig aufheben. 
Reicht die höhere Wand bis unmittelbar an den Thalrand heran, wie 
es am unteren Amselgrunde der Fall ist, so greifen statt der Schluchten 
die Kessel selbst bis zum Thalboden hinab. 

Die Gestaltung der Thalwände ist also in erster Linie durch die 
Verteilung der Wasserfäden bedingt, wie wir sie am Eingange des 
vorigen Kapitels kennen gelernt haben. Tief sind die Hauptthäler ein- 
geschnitten, steilwandig sind ihre Gehänge; auch die Nebenthäler und 
grösseren Schluchten bewahren meist noch den gleichen Charakter, erst 
im Quellgebiete, wo der Bach selbst geringere Kraft hat, treffen wir 
teilweise weitere Kessel oder auch nur sanfte Mulden an. Wenn wir 
die Bäche und grösseren Rinnsale mit den Aesten und Zweigen eines 
Baumes, das gleichmässig über die Fläche spülende Wasser dagegen 
mit dem Blattwuchse vergleichen, so prangen die Bäume, welche die 
Flussysteme der sächsischen Schweiz darstellen , nicht wie die krystal- 
linischer Gebiete in vollem Laubschmucke, sondern erinnern uns viel- 
mehr an die kahlen Bäume der Winterszeit. Während in Kettengebirgen 
die Erosion überall thätig ist, sind hier grosse Gebiete zwischen den 
Schluchten noch ganz unversehrt. Um so tiefer sind die Thäler und 
Schluchten selbst eingeschnitten, weil ihnen von den Seiten her so 
wenig Schutt zugeführt wird, und weil derselbe eine so bequeme Form 
besitzt. Denn während die krystallinischen Gesteine in grössere Bruch- 
stücke zu zerfallen pflegen, liefert die Verwitterung in der sächsischen 
Schweiz hauptsächlich Sand. Je feiner aber das Material ist, um so 
leichter kann es fortgeschafft werden, ein um so geringeres Gefälle be- 
darf der Fluss zu seiner Bewältigung, um so tiefer kann er auch im 
oberen Teile einschneiden. Die Thäler zeigen daher beim Uebergang 
ins Granitgebiet meist ein steileres Gefälle, die kleineren Schluchten 
brechen am Granitrande scharf ab. 

Mit Recht hat man die Gründe der sächsischen Schweiz mi* 
den Canons des Coloradogebietes verglichen. Freilich stehen sie so- 
wohl an Grossartigkeit wie an Steilheit der Wände hinter denselben 
zurück, denn während der Inner Chasm des Colorado im Mittel etwa 
1000 m tief, 1100—1300 m breit 1 ) ist, das Verhältnis der Höhe zur 
Breite also 1 : 1 — l A /3 beträgt, wird an der Elbe nur an einer Stelle 
(bei Czirte), wo die Tiefe des Thaies 235 m, der Abstand der Thal- 
wände 940 m ist, das Verhältnis 1 : 4 erreicht. Nur in einigen kleineren 
Gründen treffen wir Verhältniszahlen von 1:2 bis 1:1 an. Aber der 



') Dutton, Tertiary history of the Great Canon diatrict S. 87. 



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Gebirgsbau und Oberflächengestaltung der sächsischen Schweiz. 329 



Unterschied bezieht sich nur auf das Mass, ein Blick auf die schönen 
-Abbildungen der Canons genügt für den Kenner der sächsischen 
Schweiz, um die Thäler dort und hier demselben Typus zuzuweisen. 

Powell und Button haben den Canoncharakter darauf zurück- 
geführt, dass wasserreiche Flüsse durch regenlose Tafellandschaften 
fliessen, dass sie selbst also tiefer einnagen können, während die Kraft 
der Verwitterung an den Thalrändern sehr beschränkt ist Auch in 
der sächsischen Schweiz mag die Regenarmut der jüngeren Diluvialzeit, 
auf welche die Natur und Fauna des Löss hinweist, für die Steil- 
wandigkeit der Thäler in Betracht kommen, aber wichtiger sind die 
Beschaffenheit und Lagerung des Gesteines, welche wenigstens auf dem 
rechten Elbufer keine stärkere Zerstörung der Thalwände gestatten. 
Canons oder Gründe können sich nur in Platten bilden, aber auch 
Platten, welche durch Meeresabrasion oder atmosphärische Erosion auf 
ursprünglich gefaltetem Gebiete geschaffen worden sind, sind denselben 
nicht so günstig wie Schichtungstafeln, weil die Ungleichmässigkeit 
des Gesteines stets Terrainwellen und damit reichlicheren Abfluss des 
Regenwassers erzeugt. Lässt das Gestein das Wasser durchsickern, wie 
der poröse Sandstein mit seiner quaderförmigen Absonderung, so können 
gleichfalls eher Canons entstehen als in minder durchlässigem Material. 
Wir brauchen nicht weit zu wandern, um eine Bestätigung dieser 
Sätze zu finden. Der Oberlauf der Kirnitzsch, Sebnitz, Polenz und 
Wesenitz liegen in der Lausitzer Platte, die Gottleuba, Müglitz, Lock- 
witzbach und Weisseritz sind in die Hochfläche des östlichen Erzgebirges 
oder Elbthalgebirges eingeschnitten, und wieviel weniger erinnern uns 
diese Thäler an Canons als die Gründe der sächsischen Schweiz! 

Aber noch ein Umstand muss hinzu kommen, um den Canon- 
charakter zu ermöglichen. Das Einschneiden der Thäler darf durch 
keine fremden Einwirkungen unterbrochen worden sein 2 ). Man hat 
mehrfach angenommen, dass das Elbthal und die übrigen Gründe der 
sächsischen Schweiz bereits in der Tertiärzeit gebildet worden seien, 
aber schon Cotta hat hervorgehoben 8 ), dass in ihnen und auch in den 
ähnlichen Gründen der benachbarten Platten bisher nie glaciale Ge- 
schiebe gefunden worden sind, während dieselben auf den Platten selbst 
in Menge umherliegen. Negative Merkmale besitzen zwar keine volle 
Beweiskraft; die Gletscherablagerungen oder die Schotterablagerungen 
der Glacialzeit könnten später vom Fluss wieder ausgeräumt worden 
sein, obgleich der Mangel jeder Spur höchst auffallend wäre. Aber 
wäre je ein Gletscher in diese Gründe eingedrungen, so würde er den 
engen canonartigen Thalgrund in einen weiteren Trog ausgeschliffen 
haben, wie wir es in sämtlichen alpinen Thälern und überall sehen, 
wo die ehemalige Anwesenheit eines Gletschers sicher bezeugt ist. 
Wären hier mächtige Geröllmassen aufgeschüttet worden, so hätte der 
Fluss während der Aufschüttung sein Bett hin und her verlegt und 



') Dutton, Tertiary history S. 245 f. 

2 ) Dutton a. a. 0. Vgl. Le Conte, American Journal of Science 1886, S. 1G7. 
Referat Petenn. Mitteil. 1887, Nr. 45. 

3 ) Cotta, Erläuterungen zur geogn. Karte von Sachsen. 



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■ 

330 Alfred Hettner, [86 

hätte ein bedeutendes Mass von seitlicher Erosion entfaltet. Der 
typische Erosionscharakter der Gründe ist höchst wahrscheinlich in ihrer 
jugendlichen, postglacialen Entstehung begründet. 



X. Felswände, Steine und Ebenheiten. 

Ganz andere Gebilde als diese Gründe hat die Erosion in grösserer 
Meereshöhe geschaffen, wo sie ihre Thätigkeit bereits seit längerer Zeit 
entfalten konnte. Bewahrten die Sandsteinmassen dort im ganzen noch 
ihren Zusammenhang, so haben sie hier viel bedeutendere Verluste 
erlitten und sind' nur in verhältnismässig kleinen Resten erhalten oder 
stellenweise auch ganz verschwunden. 

Wenn man irgend einen Vorgang der Zerstörung untersuchen 
will, so muss man ihn an den Stellen zuerst aufsuchen, wo die Zer- 
störung noch die geringsten Fortschritte gemacht hat, denn je weiter 
dieselbe fortschreitet, um so mehr pflegt sie ihre eigenen Spuren zu 
verwischen. In der sächsischen Schweiz stellt daher das Felsrevier 
zwischen Schandau oder, genauer gesagt, dem Zahnsgrunde bei Schandau 
und Dittersbach i. B. den geeignetsten Ausgangspunkt der Unter- 
suchung dar. 

Namentlich im westlichen Teile dieses Felsrevieres treten uns 
die Felskessel als die entschieden vorherrschende Oberflächenform 
entgegen. Wir treffen hier Muster aller Arten von Felskesseln an; 
ein Modell eines ausgezeichnet halbkreisförmigen Kessels, dessen Halb- 
messer ungefähr 200 m gross ist, befindet sich auf der Nordseite der 
Schrammsteine; der Heringsgrund nördlich von Schmilka nähert sich 
mehr der Form eines Kreises, von dessen Peripherie ungefähr x / 6 aD " 
geschnitten ist; der Kessel am oberen Ende des Kleinen Zschand ist 
1200 m breit und ebenso tief; er besteht aus drei Armen, also Kesseln 
zweiter Ordnung, die sich jeder wieder verzweigen und zwar derart, 
dass man auf der Karte noch Kessel vierter, ja, wenn man will, fünfter 
Ordnung unterscheiden kann. Mehr länglich gestreckt sind z. B. die 
Lorenzlöcher und ihre Nachbarschluchten am oberen Ende des Nassen 
Grundes, nach oben endigen sie jedoch gleichfalls in einem oder mehreren 
Halbkreisen. 

Ueber die Entstehung dieser Felskessel ist es nach den Aus- 
führungen der vorhergehenden Kapitel kaum nötig, etwas hinzuzufügen. 
Für Bildungen des Meeres wird dieselben wohl niemand halten wollen, 
auch an eine Wirkung des Eises ist nicht zu denken, da jeder Anhalt 
fehlt, dass es in diesem Gebiete je Firn oder Gletscher gegeben habe, 
und da die für die Eiswirkung charakteristischen Felsbecken hier nicht 
vorhanden sind (vgl. S. 322 [78]). Die Felskessel verdanken ihre Ent- 
stehung vielmehr lediglich dem in zahllose kleine Fäden verteilten 
Wasser der Quellregion, je nach dessen Anordnung die mehr halb- 



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87] Gebirgsbau und Oberflächengestaltung der sächsischen Schweiz. 331 

kreisförmige oder mehr längliche Form hervorging (vgl. S. 308 [64]). 
üass dem wirklich so ist, werden uns die innigen Beziehungen zwischen 
den Felskesseln und den heutigen Bachläufen überzeugend beweisen. 

Durch die Anordnung der Felskessel ist die Gestaltung der Fels- 
wände bedingt 1 ). Wir haben bereits gesehen (S. 298 [54], wie sich die 
kleinsten Felskessel immer mehr nähern, wie nur eine schmale Leiste 
zwischen ihnen bleibt und wie schliesslich auch diese verschwindet, um 
weiter hinten von neuem zu entstehen. Genau dieselbe Erscheinung 
wiederholt sich bei den grösseren Kesseln, welche auch auf der Karte 
wahrnehmbar sind. Die zu einem Hauptkessel gehörigen kleineren 
Kessel, benachbarte Hauptkessel und schliesslich auch die auf den ent- 
gegengesetzten Seiten eines Rückens angelegten Kessel dringen gegen 
einander vor und verkleinern die zwischenliegende Felswand immer 
mehr, bis sie sie schliesslich ganz zerstören. 

Zwischen benachbarten Kesseln entstehen mehr oder weniger 
langgestreckte, endlich ganz schmale, nach beiden Seiten und an der 
schmalen Vorderfront steil abfallende Rücken, wie man sie von den 
Schrammstein -Winterbergwänden sich in grosser Zahl nach N er- 
strecken sieht. Sie werden nicht an der Spitze, sondern in der Mitte 
am stärksten angegriffen, daher sind sie hier am schmälsten und 
niedrigsten; nur der hintere Teil des Rückens bewahrt die ursprüng- 
liche Höhe, gegen die Mitte fällt er in einer steilen Stufe ab, aber 
auf der Spitze der Felswand erheben sich aus der unteren Terrasse 
häufig einzelnstehende Felspfeiler, welche der Verwitterung noch ge- 
trotzt haben. Unter Umständen können sich solche einzelne Felspfeüer 
noch lange erhalten, wenn der Kessel, welchem sie ihre Entstehung 
verdanken, schon weit zurückgewichen ist. Wie wir in kleinem Massstabe 
den Prebiskegel, die Katzenkirche bei Dittersbach u. s. w. auf diesen 
Vorgang zurückführten, so verdanken ihm in grösserem Massstabe das 
vordere und das hintere Raubschloss, der Rauschenstein, der Falken- 
stein und zahlreiche andere ihre Entstehung. 

Andersartige Formen erzeugt die Berührung der Hinterwände der 
Kessel. In kleinstem Massstabe lässt sich dieser Vorgang am besten 
an dem Kleinen Bärensteine beobachten, der allerdings in einem anderen 
Teile der sächsischen Schweiz gelegen ist, in etwas grösserem zeigen 
ihn die auf der Ostseite des Grossen Zschand gelegenen Thorwalder 
Wände, und in wieder etwas grösserem die Schrammstein- Winterberg- 
wände selbst. Die Annäherung zweier Kessel von entgegengesetzten 
Seiten, mögen dieselben einander genau gegenüberliegen oder auch 
etwas gegeneinander verschoben sein, verschmälert den Kamm immer 
mehr. Sobald die Annäherung soweit gediehen ist, dass die Verbindungs- 
linie der beiden Kessel ganz von der Erosion ergriffen ist, geht mit 
der Verschmälerung eine Erniedrigung Hand in Hand. Die breiten 
Stellen sind daher zugleich die hohen, die schmalen die niedrigen, wie 
die Karte an den Schrammsteinwänden deutlich erkennen lässt. Ge- 
schieht der Angriff durch zahlreiche kleine Kessel, wie an den Thor- 



*) Ganz entsprechende Verhältnisse schildert Dutton aus dem Colorado- 
gebiet (Tertiary history bes. S. 258 ff.). 



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332 



Alfred Hettner, 



walder Wänden, so zeigt die Kammlinie ein ewiges auf und ab, welches 
dem Wanderer in der Mittagsglut manchen Stossseufzer entlockt. Im 
Vorrücken vergrössern sich einzelne Kessel und saugen die kleineren 
Kessel auf (vgl. S. 307 [03]) ; wenn wir daher die Kessel auf der Nord- 
seite der Schrammstein -Winterbergwände viel grösser und besser ent- 
wickelt finden als auf der Südseite, so ist das ein Beweis, dass die 
Abtragung von der Kirnitzsch her viel grössere Fortschritte gemacht 
hat als von der Elbe her, dass also die Elbe früher nicht etwa in 
grösserer Entfernung floss und erst nachträglich an die Wände heran- 
gerückt ist. 

Von der Kirnitzsch her führen uns eine Reihe kleiner Thälchen, 
der Nasse Grund, der Heidematzengrund, der Münzbachgrund und der 
Kleine Zschand, zu den Felsenkesseln hinauf, welche heute alle am 
Hauptrücken liegen, während in der Nähe der Kirnitzsch nur noch 
einzelne Steine vorhanden sind. Einst müssen dieselben mit jenen 
Wänden zusammengehangen haben; noch heute kann man diesen Zu- 
sammenhang im Geiste wiederherstellen und damit eine deutliche Vor- 
stellung gewinnen, wie die Abtragung und die Entstehung des heutigen 
Reliefs durch die Anlage von Schluchten in dem ursprünglich beinahe 
abflusslosen Gebiete bewirkt worden ist. Das Gebiet jedes dieser Kessel 
zeigt die mehr oder weniger halbkreisförmige Gestalt, welche uns für 
eine derartige Entwässerung und Erosion charakteristisch erschien. 
Wo diese Gebiete einander am nächsten kommen und ihre Ausbildung 
dadurch gehemmt wird, ist auch die Abtragung am weitesten gediehen. 
Der ursprüngliche Kessel des Nassen Grundes lässt sich von der Hohen 
Liebe über die Senke des Königsplatzes, wo von W her der Wenzels- 
grund angreift, zu den Schrammsteinen und von da auf dem heutigen 
Rücken entlang über den Carolafelsen zu den AfFensteinen verfolgen. 
Der Kessel des Heidematzengrundes zieht sich von den AiFensteinen 
zum Kleinen Winterberg und von da durch den Vorderen Wildsteiner 
Wald zum Heidematzenstein. Der Kessel des Münzbachgrundes ist 
viel kleiner, er zieht sich vom Heidematzenstein zum Hinteren Wild- 
steiner Wald und zum Kuhstall zurück. Die Erhaltung der grossen 
Felsgruppe des Kuhstalles und Hausberges ist durch die starke nörd- 
liche Ausbiegung der Kirnitzsch bedingt. Im Kleinen Zschand macht 
sich die südnördliche Richtung schon etwas stärker geltend; nament- 
lich nach W ist die Ausdehnung seines Gebietes unbedeutend, die Ab- 
tragung weit fortgeschritten, weil von hier der Heidematzen- und 
Münzbachgrund entgegenwirkten. Die Felswände reichen vom Kleinen 
Winterberg bis zum Hinteren Raubschloss und schliessen den schönen, 
S. 308 [64] beschriebenen, Felskessel ein. Vom Hinteren Raubschloss 
führt uns die breite Senke der Knurre zu den Lorzenzsteinen hinüber. 

Von der zusammenhängenden, 4 — 500 m hohen, Sandsteintafel, 
welche ursprünglich diese Gegend einnahm (vgl. S. 284 [40]), sind also nur 
noch der mehr oder weniger breite Rücken der Schrammstein-Winterberg- 
wände und einige isolierte Felsgruppen vorhanden; der Rest ist durch 
die Verwitterung und Erosion zerstört worden. Wo die Felskessel 
einander berührten, sind gewellte Platten von 250 — 270 m Meereshöhe 
entstanden, welche infolge ihrer ebenen Gestalt nur noch unbedeutende 



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• ■ 

89] 



Gebirgsbau und Oberflächengestaltung der sächsischen Schweiz. 333 



Wässerchen entsenden, so dass der untere Teil jener alten Kessel- 
schluchten fast einen Grundcharakter angenommen hat. 

Der Grosse Zschand trug von vornherein mehr den Charakter 
eines Thaies, denn während sein Gebiet im Mittel nur 2 km breit ist, 
besitzt es eine Länge von 7 km, und dabei begleiten ihn südlich von 
Webers Schluchten die hohen Felsen der 450 m hohen Platte in einem 
Abstände von nur 150 m. Auch bei den grösseren Nebenschluchten 
der Südseite herrschte die Längenerstreckung von Anfang an vor, 
während wir auf der Nordseite nur unbedeutendere Kessel finden. Es 
muss hier schon auf jener Platte ein stärker ausgesprochener Abfluss 
in nördlicher Richtung bestanden haben, der vermutlich auf der etwas 
grösseren Neigung der Schichten und der ursprünglichen Oberfläche, 
möglicherweise auch auf der Existenz eines voroligocänen Thaies beruht. 
Im südlichen Teile hat die Erosion erst geringe Fortschritte gemacht, 
nördlich vom Zeughause hat dagegen die Berührung mit dem Kleinen 
Zschand auf der einen, die Nähe der Kirnitzsch auf der anderen Seite, 
die Abtragung weiter fortschreiten lassen. Hier sind daher auch die 
Nebenschluchten nicht mehr so zahlreich, welche dem oberen Teile 
des Zschand einen so eigentümlich zerrissenen Charakter verleihen 
(vgl. S. 328 [84]). 

Oestlich vom Grossen Zschand werden die Schluchten und Thäler 
wieder kleiner, weil die Kirnitzsch stark nach S ausgreift und sich da- 
durch dem Südrande der Wand nähert. Es ist nicht nötig, diese 
Schluchten ebenso eingehend zu betrachten ; zu einer solchen Betrachtung 
würde uns auch die kartographische Grundlage fehlen, weil die öster- 
reichische Generalstabskarte für solche Zwecke nicht genügend, und 
die Darstellung der österreichischen Grenzgebiete auch auf der säch- 
sischen Karte mangelhaft ist. 

Wir wenden uns zu der der Elbe zugekehrten Südseite der 
Schrammstein- Winterbergwände. Wir haben bereits gesehen, dass diese 
Südseite viel schmaler ist als die Nordseite und, nach der Form der 
Kessel zn urteilen, auch immer viel schmaler gewesen ist, dass also die 
Erosion von der Elbe her, trotz der tieferen Lage derselben, langsamere 
Fortschritte als von der Kirnitzsch her gemacht hat. Die Ursache kann nur 
in einer geringen nördlichen Neigung der Schichten und der ursprünglichen 
Oberfläche liegen, welche zwar im allgemeinen nicht genügend war, um das 
Wasser in grösseren Abflussrinnen zu sammeln, aber die Erosion in der 
S. 304 [60] angegebenen Weise so nachdrücklich beeinflusste. Nur an 
wenigen Stellen ist die heutige Wasserscheide etwas näher an die Kirnitzsch 
herangerückt. Das nördliche Eingreifen des Zahnsgrundes ist wohl da- 
durch bedingt, dass die Kirnitzsch hier in dem Granit eingeschnitten ist 
und dass der Granit der Erosion verhältnismässig grossen Widerstand 
leistet. Dem Heringsgrund kommt der gleiche Umstand zu statten, 
denn er liegt gerade der grossen nördlichen Ausbiegung der Kirnitzsch 
ins Granitgebiet bei der Lichtenhainer Mühle gegenüber. Dazu kommt, 
dass die auf dem Basalt des W r interberges entspringenden Quellen sein 
Einschneiden begünstigt haben. Der durch seine Basaltdecke geschützte 
Grosse Winterberg selbst tritt beträchtlich über die Wand hinaus, 
während unmittelbar östlich von ihm die Dürre Biele besonders tief in 



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334 



Alfred Hettner, 



[90 



dieselbe einschneidet. Die Felswand tritt von hier au etwas weiter von 
der Elb-Kamnitzlinie zurück, um erst bei Dittersbach i. B. beinahe unter 
einem rechten Winkel wieder vorzuspringen. Zugleich ist sie hier 
mehrfach durch tiefe passartige Einschnitte unterbrochen; am oberen 
Ende des Grossen Zschand liegt der Ziegenrücken in 345 m, während 
die benachbarten Höhen sich bis zu 460 m erheben; am oberen Ende 
des Müllergrundes ist der Rücken bis zu 350 m und an der Böhmer- 
strasse bis zu 300 m eingetieft; man hat fast den Eindruck, als ob das 
eigentliche Quellgebiet der nördlich gerichteten Gründe nachträglich 
abgeschnitten worden wäre. Den Sudrand bilden heute die kleinen 
Längsthälchen der Langen Biele und des Soorgrundes; zur Glacialzeit 
erstreckte sich dagegen möglicherweise eine zusammenhängende, das 
Thal des Kreibitzflusses bildende Terrasse über Reinwiese bis Hohen- 
leipa in die Gegend von Dittersbach. Zwischen Hohenleipa und Ditters- 
bach greifen zwei grosse Kessel von S her in die Felswand ein; noch 
etwas weiter kommt selbst der bedeutende Kreibitzfluss von Osten her, 
ein Beweis, dass der Einfall des Sandsteins hier nicht mehr zur west- 
östlich verlaufenden Strecke der Granitgrenze hin, sondern von der 
nordsüdlichen Strecke ab gerichtet ist. 

Die nördliche Thalseite der Kirnitzsch ist natürlich ebenso wie 
die nördliche Thalseite der Elbe verhältnismässig wenig angegriffen 
worden. Freilich besteht dieselbe nur östlich von Saupsdorf über- 
haupt noch aus Sandstein, westlich dieses Dorfes drängt sich die 
Kirnitzsch nahe an den Granit und greift an zwei Stellen sogar in 
denselben Über. Zwischen der unteren Sebnitz und der Polenz, welche 
wie die Kirnitzsch der Granitgrenze parallel gerichtet sind, einerseits 
und dem Granite andererseits tritt dagegen von neuem eine schmale, 
aber wenig angegriffene Sandsteinzone auf, die im ganzen eine Platte 
von 340 m Höhe bildet und sich nur unmittelbar am Granitrande höher 
erhebt. Bei Hohnstein tritt dieselbe aufs rechte Ufer der Polenz 
über, ist am Granitrande entlang bis jenseits Dittersbach i. S. , zuletzt 
allerdings nur noch in einzelnen Kuppen, erhalten und erstreckt sich 
in südlicher Richtung mit unbedeutenden Unterbrechungen bis zur 
Bastei (315 m) und über die Elbe hinüber bis zu den Bärensteinen 
(328 und 338 m). 

Mag man nun diese Platte als ursprüngliche Oberfläche oder als 
ein Denudationsprodukt auffassen, jedenfalls hat sie zwischen Rathe- 
walde und der Bastei nur eine geringe Zerstörung erfahren. Die 
Ursache dafür liegt in dem Fehlen eines dem Kirnitzschthale ent- 
sprechenden Längsthaies, das wieder in der beinahe vollständigen 
Horizontalität des Bodens oder stellenweise sogar einer ganz schwachen 
südlichen Neigung desselben seinen Grund hat. Die Gegend zwischen 
Schandau und Dittersbach hat genugsam unseren theoretischen Schluss 
bestätigt, dass die Abtragung nur in der Richtung der Schichtenneigung 
grössere Fortschritte machen kann. Die beiden kleinen Bäche, welche 
hier vom Granitrande nach S fliessen, der Amselbach und der Utte- 
walderbach, haben zwar ein ziemlich kompliziertes Abflusssystem ge- 
schaffen, aber die Erosion hat, bei der Kleinheit der Gewässer, be- 
sonders in jüngerer Zeit erst verhältnismässig geringe Fortschritte 



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Gebirgsbau und Oberflächengestaltung der sächsischen Schweiz. 335 



gemacht. Auch die Elbe hat nur einen glatten Einschnitt geschaffen, 
da die Felswände ziemlich steil bis zur Höhe der Platte ansteigen. 

Westlich vom Uttewaidergrunde ist diese Platte, von den Höhen 
unmittelbar am Granitrande abgesehen, nicht mehr vorhanden. Das 
Bachsystem, des Uttewaldergrundes wird westlich von einer 240 ra bis 
250 m hohen Platte begrenzt, welche sich zu dem von Dorf Wehlen 
nach Mockethal herabziehenden Thale der Alten Poste und zu der 
zwischen Lohmen und Liebethal von E nach W verlaufenden Strecke 
des Weseuitzthales allmählich abdacht und beide in einer im Mittel 
200 m hohen Thalterrasse erreicht. Bei der rechtwinkeligen Krümmung 
der Wesenitz oberhalb Lohmen tritt die 250 m hohe Platte unmittelbar 
an den Fluss heran und begleitet jenseits eine! engen Durchbruchs- 
thales als ein schmaler, allmählich auf 235 m sich senkender, Rücken 
auch dessen nördliches Ufer. Nördlich dieses Rückens ist der Kessel 
von Porschendorf wieder zu der 200 m hohen Thalterrasse der Wesenitz 
abgedacht, während dieselbe nördlich von Elbersdorf ein enges Thal 
zwischen den der höheren Platte angehörigen Bergen bildet. 

Die Terrasse der Wesenitz verliert ihren Einfluss westlich einer 
ungefähr von Bonnewitz über Liebethal und Zatzschke nach Vogel- 
gesang verlaufenden Terrainstufe, deren nördlicher Teil mit der Haupt- 
stufe des Sandsteingebirges gegen den Dresdner Thalkessel zusammen- 
fällt, während dem südlicheren Teile die niedrigere Sandsteinplatte 
von Copitz-Mockethal vorgelagert ist, die noch ein Stück gegen W 
vorspringt, aber dann ebenfalls rasch zur Ebene abfällt. In diese 
Copitzer Ebenheit finden wir eine flache Teile eingesenkt, die von 
der MUndung der Alten Poste in 150 — 160 m Höhe nach W zieht, 
während der heutige Abfluss dieses Thaies nördlich von Mockethal 
nach S umbiegt und etwas oberhalb Pirna in die Elbe mündet. Der 
südlichste Teil dieser Ebenheit dacht sich gegen eine Linie ab, welche 
mit dem Elbthal zusammenfällt, bei Obervogelsang in 190 — 200 m, bei 
Pirna aber nur noch in 160 m Meereshöhe liegt. 

Südlich legt sich an diese Linie eine andere Platte an, welche 
sich auf der rechten Seite des Gottleubathales • bis zu den Nickelsdorfer 
Wänden hinaufzieht, und welche wir als die Struppener Ebenheit be- 
zeichnen wollen. Auf der Südwestseite des Gottleubathales befindet 
sich wieder eine andere Platte, die Cottaer Ebenheit, welche aber 
niedriger als jene ist und von ihr durch eine im Mittel 80 m hohe 
Stufe getrennt wird. Bei der Krümmung des Gottleubathales östlich 
vom Cottaer Spitzberge verlässt die Stufe die Ufer dieses Flusses und 
zieht sich auf der Ostseite des langgestreckten Langhennersdorf zunächst 
his zu dessen oberem Ende hinauf. 

Die Cottaer Ebenheit zeigt, wenn wir von dem basaltischen Cottaer 
Spitzberge absehen, ein ganz regelmässiges Ansteigen in südlicher, 
später südsüdwestlicher Richtung, bis wir, nördlich des Städtchens 
Berggiesshübel , an einen Steilrand kommen , in dem der westliche 
Teil der hier ungefähr 350 m hohen Sandsteinplatte abbricht und die 
darunterliegenden krystallinischen Gesteine an die Oberfläche treten 
lasst. Der Sandstein ist weiter südlich nur noch in einzelnen Inseln 
vorhanden, deren letzte die des Sattelberges ist. Nur östlich des 



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336 Alfred Hettner, [92 

Bahraflusses, des diesem zufliessenden Raitzaer und des nach S ge- 
richteten Tyssaer Baches ist die Sandsteinplatte noch ziemlich zu- 
sammenhängend erhalten, im südlichen Teile einen ausgezeichneten 
Steilrand bildend. Die Platte setzt sich über das obere Bielathal un- 
gestört fort; längs einer von Langhennersdorf über Rosenthal zum 
Schneeberg verlaufenden Linie biegen die Isohypsen jedoch unter spitzem 
Winkel nach NW um, um erst nach einer Weile wieder in eine öst- 
liche Richtung zurückzukehren, d. h. sie treffen hier ebenso wie unter- 
halb Langhennersdorf auf eine von NW nach SE streichende Stufe, 
welche hier aber weniger scharf ausgeprägt ist und sich nach SE all- 
mählich auskeilt. Die Basis dieser Stufe liegt am Schneeberg ungefähr 
in 550 m und senkt sich von da beständig, wenn auch, wie es scheint, 
mit abnehmender Geschwindigkeit in nordwestlicher Richtung, so dass 
sie westlich Brausenstein in 390 m, am unteren Ende von Langhenners- 
dorf in 300 m, am Kohlberg bei Pirna in 105 m Meereshöhe liegt. 

Auch auf der Struppener Ebenheit finden wir einen sehr regel- 
mässigen, östlich bis ostsüdöstlich gerichteten Verlauf der Isohypsen. 
Westlich von Vogelgesang finden wir die 290 ra-Linie, vom Himmel- 
reich nach dem südlichen Ende von Struppen zieht die 250 m-Linie, 
von Neundorf nach Hütten zu die 300 m-Linie und unmittelbar nörd- 
lich des Leupoldishainer Grundes finden wir 320—350 m. Die Regel- 
mässigkeit des zwischen Pirna, Königstein und Leupoldishain gelegenen 
Dreiecks wird nur durch unbedeutende Teilen am Struppener und den 
beiden Thürmsdorfer Bächen gestört. Südöstlich des unteren Biela- 
thales und der Leupoldishainer Schlucht dagegen ist die Ebenheit nur 
noch in Bruchstücken vorhanden. Zunächst sind durch die Kessel- 
bildungen an den Quellen des Leupoldishainer Baches die Breite Hei4e, 
die Nickelsdorfer Wände und der Kegelstein abgelöst, wenngleich die 
Passhöhen, welche dieselben von der Hauptplatte und voneinander 
trennen, noch nicht mehr als 20 m eingeschnitten sind, dann aber folgt 
der tiefe Einschnitt des Bielathales, welches hier 150 m unter dem 
Niveau der Platte liegt. Jenseits desselben finden wir die Tafelberge 
des Quirl, Lampertstein, Müllerstein und Katzstein, die ihren Höhen- 
verhältnissen nach als Fortsetzungen oder als nachträglich isolierte 
Teile der Platte erscheinen. Weiter südlich treten keine Steine mit 
plattenförmiger Oberfläche mehr auf, aber das Terrain steigt nach dem 
Fusse des Schneebergs hin ganz allmählich an, fast in derselben Regel- 
mässigkeit und demselben Verhältnis, wie wenn sich die Platte hierher 
fortsetzte. Der Schneeberg, welcher eine nach NE geneigte, ziemlich 
ausgedehnte Tafel bildet, erhebt sich noch ungefähr 175 m über diese 
Platte. Weniger umfangreich, aber viel zahlreicher sind die Tafelberge, 
welche in der Nähe der Elbe auftreten. Dieselben bilden eine förm- 
liche Zone, welche mit dem Lilienstein und Königstein im NW beginnt, 
den Zschirnsteinen, der Kaiserkrone und dem Zirkelsteine im SE endigt. 
Viele, namentlich der Königstein (360 m), Lilienstein (411m), Pfaffen- 
stein (428 m), Gorisch (448 m) und der Grosse Zschirnstein (500 — 560 m), 
stellen noch nördlich geneigte Tafeln dar, welche als Teile der ursprüng- 
lichen Oberfläche oder einer älteren Denudationsplatte (vgl. S. 284 [40] f.) 
anzusehen sind ; bei anderen , besonders beim Zirkelstein (385 m) , der 



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93] Gebirgsbau und Oberflächengestaltung der sächsischen Schweiz. 337 

Kaiserkrone (357 m) und dem Wolfsberge (345 m), ist die Zerstörung 
viel weiter gediehen, finden wir verhältnismässig niedrige Kuppen mit 
gerundeter, unregelmässiger Oberfläche, noch andere mögen ganz ver- 
schwunden oder nur noch in einer ganz schwachen Anschwellung des 
Bodens vorhanden sein. Zwischen diesen Steinen finden sich vielfach 
Verebnungen, welche ihrer Höhe nach als Fortsetzungen jener oben 
besprochenen Strupppener Ebenheit erscheinen und besonders im S direkt 
mit derselben zusammenhängen. Dahin gehört zunächst ein Höhenrücken, 
der östlich von Pfaffendorf mit 325 m beginnt und nördlich von Papst- 
dorf mit 360 m endigt. Die Isohypsen biegen hier aus der östlichen 
allmählich in eine südöstliche Richtung um. An der Elbe entlang ist 
von Krippen bis jenseits Schöna eine Platte von 280 m Höhe zu be- 
merken, von welcher, wenn wir uns die Thäler ausgefüllt und die wenigen 
Tafelberge entfernt denken, das Terrain ziemlich gleichmässig nach SW 
ansteigt, da es zwischen Wolfsberg und dem Kleinen Zschirnstein 330 m, 
östlich vom Grossen Zschirnstein 400 m, südlich desselben 430 m, also 
noch nicht ganz dieselbe Höhe wie am Katzstein, hat. Die Scheibenkoppe 
(495 m) bei Maxdorf stimmt mit den Höhen nördlich von Christianen- 
burg und östlich von Rosenthal überein. Mit dieser selben südöstlichen 
Streichrichtung tritt die Platte auch auf das rechte Elbufer über. 
Höhen von 440m treffen wir südöstlich von Rasseln, die 350m -Linie 
zieht von Elbleiten über Arnsdorf zum Südfusse des Rosenbergs, Platten 
von 300 — 310 m treffen wir zwischen Dürrkamnitz und Kamnitz und 
teilweise auch nördlich der letzteren. Auch hier erheben sich eine 
Reihe Gipfel über die Platte, aber es sind grossenteils nicht Tafelberge 
aus Sandstein, sondern basaltische Kegel und Dome, welche teilweise in 
beträchtlicher Höhe kleine Sandsteinfetzen tragen (vgl. S. 276 [32] f). 

Die verschiedenen Platten, welche wir eben kennen gelernt haben, 
haben seit ihrer Bildung eine sehr verschiedenartige Zerstörung erlitten. 
Der geringe ümfang und die grosse Regelmässigkeit der Struppener 
Ebenheit, verbunden mit der durch die Rathener Krümmung bedingten 
grossen Entfernung von der Elbe, haben hier nur wenige kleine Bäche 
mit geringer Erosionskraft zur Entfaltung kommen lassen. Aehnlich 
unversehrt finden wir den oberen Teil der Cottaer Ebenheit, dessen 
Abfluss, die obere Biela, merkwürdigerweise nicht im Gebiete der 
Cottaer Ebenheit bleibt, sondern bei Brausenstein die Langhenners- 
dorfer Stufe durchbricht und in die Struppener Ebenheit tibertritt. 
Oestlich der Biela ist diese viel mehr angegriffen worden ; die Thäler 
sind hier nicht grundartig, sondern besitzen breite flache Gehänge 
(vgl. S. 327 [83]) und haben fast überall die Thätigkeit des spülenden 
Wassers eingeleitet, so dass wir namentlich im oberen Teile statt der 
breiten steilwandigen Platten grossenteils gewöhnliche verwaschene 
Rücken und Kuppen treffen. Die Ursache dafür liegt teils in der 
grösseren Meereshöhe, welche Regenmenge und Frostwirkung verstärkt, 
teils in der weicheren und thonigeren Gesteinsbeschaffenheit, teils in 
dem Auftreten der Plänerschicht an den Abhängen des Schneebergs, 
welche eine ganze Anzahl von Bächen entsendet. Nahe der Elbe finden 
wir die Zerstörung, wenigstens zwischen Krippen und Thürmsdorf, 
ziemlich weit vorgeschritten, in der Nähe des Cunnersdorf er Baches ist 



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338 Alfred Hettner, [94 

die Platte dagegen noch ziemlich gut erhalten, weil die Erosion auf der 
Seite der Schichtenköpfe nur langsame Fortschritte macht. Südlich 
dieses Längsthälchens führen uns eine Reihe Bäche zwischen erhaltenen 
Teilen hindurch in ein Gebiet, in welchem die Platte, der Flächen- 
wirkung im Quellbereiche entsprechend, fast ganz verwischt ist. Dieses 
Gebiet reicht östlich bis an die Tetschener Elbe hinan. Es ist wohl 
eine Wirkung der geringeren Meereshöhe und auch eine mittelbare 
Wirkung der vielen Basaltberge, wenn die Platte auf dem rechten 
Ufer derselben noch besser erhalten ist. 

Wie aber sind die Platten oder Ebenheiten entstanden, an deren 
Zerstörung Verwitterung und Erosion ihre Kräfte üben? Man könnte 
sie für Teile der ursprünglichen Oberfläche halten, welche durch Ver- 
werfungen in diese verschiedene Lage gebracht worden seien. Indessen 
erheben sich der Schneeberg, der Königstein, Pfaffenstein, die Zschirn- 
steine u. s. w. , einige Sandsteinkuppen gegenüber Stimmersdorf, der 
Rosenberg mit seinem Sandsteinlappen beträchtlich über die benach- 
barten Ebenheiten, und man müsste geradezu für jeden dieser Gipfel 
eine besondere Hebung erfinden, um die Ebenheiten als Bildungsober- 
fläche ansprechen zu können. 

Eher könnten dieselben beim Rückzug des Kreidemeeres durch 
dessen zerstörende Thätigkeit entstanden sein. Wenn sich das Meer 
in Absätzen zurückzieht, bezw. das Land in Absätzen hebt, wenn die 
Pausen in der Rückzugs- bezw. Hebungsbewegung womöglich in 
schwache gegenteilige Bewegungen umschlagen, so können sich an den 
auftauchenden jungen Meeresabsätzen, ähnlich wie an steilen Felsküsten, 
Strandterrassen ausoilden ; z. B. hat Darwin die Terrassen des östlichen 
Patagoniens als solche Strandterrassen aufgefasst. Dieselben werden 
der Küste ungefähr parallel verlaufen, sie werden um so niedriger 
liegen, je weiter wir uns von der Küste entfernen, und auch jede ein- 
zelne Terrasse wird eine sanfte Neigung nach dem Meere hin besitzen. 
Dass bei den Ebenheiten der sächsischen Schweiz meist umgekehrt eine 
Neigung nach den höheren Stufen hin vorhanden ist, könnte man allen- 
falls aus der sanften, in der Oligocänzeit erfolgten Schichtenaufrichtung 
erklären, aber das alte Kreidemeer hat sich höchst wahrscheinlich nach 
N zurückgezogen (vgl. S. 284 [40]), während die Stufen nach SW 
abfallen. Auch ist es nicht recht einleuchtend, dass die Ablagerungen 
des Kreidemeeres gleich beim Rückzüge desselben eine Steilküste ge- 
bildet haben und doch in verschwindend geringem Masse von den 
Agentien des Festlandes angegriffen worden sein sollten. 

Dieselben Schwierigkeiten stehen jedem Versuche entgegen, die 
Ebenheiten durch eine jüngere Meeresbedeckung zu erklären, und sie 
werden noch dadurch vermehrt, dass Anzeichen einer jüngeren Meeres- 
bedeckung ganz fehlen. Die marinen Ablagerungen der Oligocänzeit, 
in welcher der Meeresspiegel höher als in den übrigen Abteilungen des 
Tertiärs gelegen zu haben scheint, reichen nur bis an den Fuss des 
sächsischen Berglandes heran, die Tertiärbildungen des sächsischen 
Berglandes selbst und des nördlichen Böhmens sind nicht im Meere, 
sondern von Flüssen oder in Binnenseen abgelagert worden. Die An- 
nahme eines bis in die sächsische Schweiz reichenden Diluvialmeeres, 



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Gebirgsbau und Oberflächengestaltung der sächsischen Schweiz. 339 



durch welches z. B. Gutbier noch einen grossen Teil der Oberflächen- 
formen derselben erklärte, ist durch die neueren Glacialforschungen als 
ein Irrtum erwiesen worden. 

Auch auf die Erosion des von Skandinavien herüberreichenden 
Gletschers, welcher im Lehrgebäude der Geologie an die Stelle des 
Diluvialmeeres getreten ist. kann die Entstehung der Ebenheiten nicht 
zurückgeführt werden, denn abgesehen davon, dass dieselbe wahrschein- 
lich in frühere Zeit fällt, sind Gletscherablagerungen überhaupt nur 
auf dem unteren Teile derselben gefunden worden ; auch widerstrebt die 
Bildung ebener Flächen durchaus dem Wesen des Gletschers. 

Die Bildung der Ebenheiten und vielleicht auch der sie trennenden 
Stufen scheint also durch die gewöhnlichen Kräfte des Festlandes er- 
folgt, zu sein. Auch in anderen Gegenden hat man Stufen und Ver- 
ebnungen, für deren Bildung man früher die Meeresthätigkeit in An- 
spruch genommen hatte, jetzt als Werk der kontinentalen Erosion 
erkannt, ohne dass es jedoch, wie Tietze bemerkt, bereits ganz gelungen 
wäre , den Mechanismus dieses Vorganges zu zergliedern. Ramsay *) 
und andere englische und französische Geologen haben die binnen- 
ländische Natur der escarpments des Londoner und Pariser Beckens 
ausgesprochen , Neumayr hat seine Untersuchungen an die Stufen der 
Insel Kos und die grösseren Stufen des schwäbisch -fränkischen Jura 
angeknüpft 2 ), Tietze wurde durch Steilränder in Galizien zur Erörterung 
des Problems veranlasst 3 ), Zittel wies die Felswände der libyschen 
W r üste als Erzeugnis eines regenreicheren Klimas nach 4 ), und Powell 
und Dutton haben die grosse Denudation des Coloradodistriktes auf das 
durch den Angriff der Verwitterung bedingte Zurückweichen der Klippen 
zurückgeführt 5 ). 

Schwere und Wind können bei dieser Abtragung nur eine ver- 
schwindend geringe Rolle spielen, die Fortschaffung des gelockerten 
Materials fällt vielmehr fast ausschliesslich dem fressenden Wasser 
anheim. Man könnte geneigt sein, die Erklärung der Stufen und Eben- 
heiten in einem besonders von Gilbert 6 ) entwickelten Prinzip zu suchen. 
Wenn der Lauf eines Flusses in einem System geneigter Schichten von 
verschiedener Härte liegt, so wird derselbe in den weicheren Schichten 
geringeren Widerstand finden als in den härteren und, statt in diese 
senkrecht einzuschneiden, schräg an ihrer Oberfläche herabgleiten können. 
Das Thalgehänge auf der Seite der Schichtenneigung würde in diesem 
Falle eine ganz regelmässig ansteigende, durch keine höheren Er- 
hebungen unterbrochene Platte darstellen müssen, eine Bedingung, die 
jedoch in der sächsischen Schweiz kaum an einer Stelle erfüllt ist. 
Wie wir unmittelbar an der Kirnitzsch zahlreiche isolierte Steine finden, 
so tritt auch nahe an das Ufer der Elbe eine Zone von Tafelbergen 
heran; auf der Binsdorfer Platte finden wir ausser einigen kleineren 

') Ramsay, Physical Geology of Great Britain 3. ed. 1872, 8. 108 ff.. 210 ff. 
2 ) Erdgeschichte I, S. 444 ff. und an anderen Orten. 
8 ) Jahrbuch der geol. Reichsanstalt 1882, S. 99 ff. 




u. a. 



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340 



Alfred Hettner, 



[96 



Sandsteinkuppen unmittelbar an der Kamnitz den Rosenberg und 
andere Basaltberge, auf der Cottaer Ebenheit ziemlich nahe an der 
Gottleuba den ebenfalls basaltischen Cottaer Spitzberg aufgesetzt. Jenes 
Hinabgleiten müsste sich auch beim Wiedererwachen der Erosion geltend 
gemacht haben, während wir in der That die meisten Thäler, von den 
Krümmungen abgesehen (vgl. S. 309 [65]), als mehr oder weniger 
senkrechte Einschnitte finden. Der Härteunterschied der Bänke in der 
sächsischen Schweiz ist also nicht genügend, um eine solche allmähliche 
Lagenveränderuug der Flüsse im Sinne der Schichtenneigung und damit 
die Bildung von Platten und Stufen herbeizuführen. 

Dieselbe war vielmehr ein Werk der kleineren, seitlich zufliessenden 
Bäche und Rinnsale. Schon die Analogie des Felsenrevieres zwischen 
Schandau und Dittersbach weist uns darauf hin, da wir die Zerstörung 
desselben ja ganz durch die Annäherung und Berührung der Felskessel 
bedingt sahen (vgl. S. 381 [87J f.). Auch in der zunächst angrenzenden 
Zone der Tafelberge können wir z. B. am Pfaffenstein und Gorisch den 
Kessel noch erkennen, durch welchen die Auflösung der alten Felswand 
in einzelne Steine geschah. Dass die Zerstörung hier so viel weiter 
gediehen ist, ist eine Folge der stärkeren Neigung der ursprünglichen 
Oberfläche und der Schichten; konnte die schwache Schichtenneigung 
des rechten Elbufers der Abtragung der Schrammstein- Winterbergwände 
nach der Kirnitzsch hin einen so bedeutenden Vorsprung vor der Ab- 
tragung auf der Elbseite gewähren, so musste die Abtragung auf der 
Südseite der Elbe und wieder auf der Südseite des Cunnersdorfer Baches 
bei der hier vorhandenen stärkeren Schichtenneigung erst recht bedeutend 
sein. Daher kommt es, dass wir den Pfaffenstein, Gorisch u. s. w. viel 
näher am Cunnersdorfer Bache als an der Elbe liegen sehen, und dass 
der Schneeberg so nahe an den böhmischen Steilabfall gerückt ist. 

Platten werden aus dieser Zerstörung der Felswände freilich nur 
dann hervorgehen können, wenn der Fluss oder See, dem die Gewässer 
der Gegend zufliessen, für längere Zeit mehr oder weniger dieselbe 
Lage behält. Denn solange der Hauptfluss einschneidet, werden es 
auch die Nebenflüsse thun; es werden tiefe Thäler eingeschnitten, ohne 
dass die Verwitterung gleichen Schritt damit halten kann, kurz es wird 
ein Landschaftsbild geschaffen, wie wir es heute in der sächsischen Schweiz 
verwirklicht sehen. Erst wenn das Einschneiden der Flüsse aus irgend 
einem Grunde zum Stillstand kommt, können sich die kleineren Gewässer 
bis zur selben Tiefe einschneiden, kann sich die Zerstörung, die zuerst 
nur in Linien geschah, auf immer grössere Flächen erstrecken. * 

Man hat das Ziel der Erosion in einer verhältnismässig stark 
gekrümmten Kurve, der sogen. Erosionsterminante oder dem base level 
of erosion, erblicken wollen, aber wir sahen (vgl. S. 186), dass diese 
Kurve thatsächlich nur solange eine wirkliche Terminante ist, als die 
Schuttzuführung durch die Verwitterung mehr oder weniger dieselbe 
, bleibt. Von einem gewissen Momente ab, der in den Tafelländern bald 
nach der Einbeziehung des ganzen Gebietes in den Bereich des Abflusses 
eintritt, wird jeder Fortschritt der Erosion die Angriffsfläche der Ver- 
witterung verkleinern, die Schuttbildung also vermindern und damit die 
Erosionsterminante verflachen, da ja eine gleiche Wassermeuge bei ge- 



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Gebirgsbau und Oberflächengestaltung der sächsischen Schweiz. 34 \ 



ringerer Zuführung von Schutt ein geringeres Gefalle bedarf, um den- 
selben fortzuschaffen. Mit der Erniedrigung der Felswände und Steine 
wird auch deren Fusskegel kleiner und kleiner. Aber die Abtragung 
schreitet weiter, bis sich schliesslich kein freier Felsblock mehr der Ver- 
witterung darbietet, das Gefäll dem Wasser nicht mehr die Mitführung 
fester Bestandteile gestattet, ja das Wasser selbst wieder, ähnlich wie 
auf der ursprünglichen Oberfläche, grossenteils in den Boden einsickert. 
Nirgends braucht eine solche durch die kontinentale Erosion geschaffene 
Platte grössere Anhäufungen von lockerem Detritus zu zeigen, wie 
Richthofen (Führer S. 671) meint; das wird nur in trockenen Gegenden 
der Fall sein, in regenreicheren Ländern zerstört das von der Felswand 
abfliessende Wasser bei der Zurücklegung derselben selbst den vorher 
gebildeten Schuttkegel (vgl. S. 301 [57]) und führt den Schutt den Flüssen 
und Bächen zu, die ihn im Meere oder im Tieflande ablagern, so dass 
Felsplatten das Ergebnis einer lang andauernden Zerstörung bei unver- 
änderter Erosionsbasis sind. 

Allerdings ist der Verlauf der Isohypsen auf der Cottaer und 
Struppener Ebenheit auffallend geradlinig. Wenn in dem Gebiete 
zwischen Kirnitzsch und Elbe die Abtragung vor der Neueinleitung 
der Erosion vollendet worden wäre, so würden die Isohypsen vielleicht 
stärkere Auslegungen zeigen. Auf dem linken Elbufer mag die An- 
ordnung der Wasserläufe infolge der grösseren Schichtenneigung eine 
regelmässigere gewesen sein, die vorhandenen Vertiefungen wurden 
durch Kies, Sand und Lehm ausgefüllt, die Ausbiegungen der Isohypsen, 
welche erhalten blieben, wiesen der jüngeren Erosion den Weg und 
sind darum schwer von deren Wirkungen zu unterscheiden. 

Man hat zur Erklärung der Platten und Stufen besonders auf 
den Wechsel verschiedener Gesteinsgruppen, die der Zerstörung einen 
grösseren oder geringeren Widerstand entgegensetzen, und auf die Zu- 
nahme der Erosion mit der Meereshöhe hingewiesen, so dass jede 
Schicht gleichsam ein Normalniveau besitze, bis zu welchem sie auf- 
ragen könne. Sicher kommen diese Umstände für die Erklärung der 
Stufen im schwäbischen Jura und ähnlichen Gebirgen in hohem Grade 
in Betracht. Auch in der sächsischen Schweiz haben sie einen ge- 
wissen Einfluss; bei der Goldenen Höhe u. s. w. setzt nur der untere 
Quader den Steilabfall zusammen, während der Pläner erst weiter nach 
Dresden hin auflagert; an der Basis der Stufe, welche die Struppener 
von der Cottaer Ebenheit trennt, tritt meist die Plänereinlagerung zu 
Tage, und die Oberfläche der Cottaer Ebenheit wird von mittlerem 
Quader gebildet, aber im allgemeinen ist doch die sächsische Schweiz 
so einförmig zusammengesetzt, dass es sehr gewagt ist, Gesteins- 
verschiedenheiten einen weitreichenden Einfluss zuzuschreiben. 

Aber auch wenn wir daran keinen Anstoss nehmen, müssen wir 
uns doch, wie Tietze besonders betont hat, über den Weg Rechenschaft 
geben, auf welchem das zerstörte Material fortgeschafft werden konnte. 
Es sind wesentlich zwei Fälle möglich: die Hauptentwässerungsader 
fliesst bezw. floss am Rande der Stufe entlang, so dass die Nebenbäche 
über die Platte hinabrieseln, oder der Hauptfluss fliesst mehr oder 
weniger senkrecht zu der Streichrichtung der Schichten, die Neben- 

Forscnungen zur deutschen Lande«- und Volkskunde. IL 4. 23 



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342 



All red Hettnur, 



[98 



bäche also mehr oder weniger parallel derselben. Im ersteren Falle, 
dem wir bei den das rechte Ufer der Kamnitz, der Elbe, des Cunners- 
dorfer Baches, der Gottleuba begleitenden Stufen begegnen, genügt die 
Schichtenneigung und Wasseranordnung zur Erklärung der Stufen- 
bildung. Gesteinsverschiedenheit hat einen massgebenden Einfluss nur 
im zweiten Falle geübt, für welchen .die Langhennersdorfer Stufe mit 
dem Durchbruch der Königsteiner Biela ein Beispiel zu liefern scheint. 
Aber da die Tyssaer Ebenheit von der Stufe aus nicht in sanften Wellen, 
sondern vollkommen gleichmässig ansteigt, und da die Basis der Stufe 
sich von der Biela aus nicht nach beiden Seiten, sondern nur nach SE 
hebt, nach NW aber zur Gottleuba senkt, da wir nordwestlich von 
Brausenstein in 380 — 390 m Höhe noch heute sumpfiges Terrain finden, 
wird der Verdacht in hohem Grade erregt, dass einst auch diese Stufe 
von einem Flusse begleitet wurde, der vom Schneeberg zur Gottleuba 
floss, und dass die Biela erst später diese Stufe durchschnitt und die 
Tyssaer Ebenheit anzapfte. 

Auch die Stufe, in welcher sich die Lohmen-Wehlener Ebenheit 
aus der Copitzer Ebenheit erhebt, die Stufe, welche diese von dem 
Dresdener Thalkessel trennt und noch mehrere andere Stufen finden 
wir weder mit Flussläufen der Gegenwart verknüpft, noch fallen an 
ihnen Gesteinsunterschiede in die Augen, noch sind Verwerfungen da- 
selbst konstatiert worden , so dass wir ihrer Bildung vorläufig ratlos 
gegenüberstehen. 



Die Zerstörung der sächsischen Schweiz begann mit dem Momente, 
in welchem dieselbe über den Spiegel des Kreidemeeres auftauchte, und 
hat seitdem ununterbrochen bis zur Gegenwart fortgedauert, wenn schon 
das Mass und möglicherweise auch die Art der Zerstörung in ver- 
schiedenen Zeiten verschieden war, und zeitweise eine Anhäufung 
fremden Materials über die Zerstörung überwog. 

Leider sind nur geringe Anhaltspunkte für die Chronologie dieser 
Zerstörungsgeschichte vorhanden. Eocäne und pliocäne Gebilde fehlen, 
soviel man weiss, im ganzen mittleren Deutschland, oligocäne und 
miocäne Ablagerungen sind zwar südlich und nördlich der sächsischen 
Schweiz, im nördlichen Böhmen und im sächsischen Flachlande, nicht 
aber in der sächsischen Schweiz selbst vorhanden. Die Basalte, welche 
an vielen Stellen den Quadersandstein durchsetzen, sind zwar in der 
Tertiärzeit entstanden, aber sind zum grossen Teile unterirdisch ge- 
bildet und erst infolge späterer Denudation ans Tageslicht gekommen 



XI. Perioden der Erosion. 




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99] Gebirgsbau und Oberflächengestaltung der sächsischen Schweiz. 343 

Besser ist das Diluvium in der sächsischen Schweiz vertreten 
Aber gerade die charakteristischste Bildung desselben, der Geschiebelehm, 
ist leider noch nicht daselbst gefunden worden, und auch der Löss, 
der im Dresdener Thalkessel reichlich vorhanden ist, fehlt im Sand- 
steingebiete. Ausser Schottern, Sanden und einem plastischen Lehm 
finden sich nur die eigentümlichen, meist in einer sandigen Deckschicht 
regellos verstreuten Kantengerölle, welche man zwar geglaubt hat, für 
Bildungen des Gletschers oder der Gletscherwässer ansprechen zu dürfen, 
für welche aber eine andere Bildungsweise, nämlich durch den Flug- 
sandschliff des Windes, immer wahrscheinlicher wird. Ausser einigen 
undeutlichen Rundhöckern mit Riesentöpfen am sogen. Riesenfuss 
zwischen Mockethal und Dorf Wehlen und bei Naundorf beweist uns 
nur das Vorkommen skandinavischer, baltischer und überhaupt weiter 
nördlich anstehender Gerölle, unter denen der Feuerstein am auffälligsten 
ist, dass der grosse skandinavische Gletscher der Eiszeit sich bis in die 
sächsische Schweiz erstreckte. Den Rand dieses Gletschers scheint un- 
gefähr eine Linie gebildet zu haben, welche von Hohnstein über König- 
stein und den Cottaer Spitzberg nach Tharandt verläuft, denn in den 
südöstlich von dieser Linie auftretenden Geröllablagerungen sind keine 
nordischen und nördlichen Gesteine gefunden worden. Auch im west- 
lichen Teile der sächsischen Schweiz treten diese gegenüber den ein- 
heimischen, von den Flüssen gebrachten, Gesteinen zurück, unter denen 
bald Lausitzer Granit, bald Sandstein und Basalt, bald erzgebirgische 
Gesteine überwiegen. Indessen lassen sich diese Schotterbildungen nur 
teilweise in Zügen verfolgen, welche einstigen Thälern entsprechen, sie 
sind im ganzen ziemlich regellos über die Ebenheiten verteilt, wie es 
die Stauung der Flüsse durch den Gletscher und der überall erfolgende 
Abtluss des schmelzenden Wassers mit sich brachte. Sie sind an keine 
bestimmte Höhe gebunden, sondern ziehen sich von einer Ebenheit auf 
die andere hinüber und von der Copitzer Ebenheit sogar in den 
Dresdener Thalkessel hinab. In den eigentlichen canonartigen Thälern 
treten Gerölle und Sande nur ganz vereinzelt auf (bei Wehlen in 180 
bis 190 m, bei Pötzscha in 1(30 m Höhe). Es wäre voreilig, an diese 
vereinzelten Geröllablagerungen die Folgerung zu knüpfen, dass die 
Thäler schon zur Glacialzeit bestanden hätten, denn jene Gerölle und 
Sande können ebensogut in späterer Zeit aus dem auf den Ebenheiten 
vorhandenen Kiesmaterial zusammengeschwemmt worden sein, wie ja 
auch die unteren lössbedeckten Schotterterrassen des Muldethaies, ob- 
wohl sie nordische Gerölle enthalten, nicht der Glacialzeit angehören. 
Waren die Thäler in der Glacialzeit schon gebildet, so mussten sie 
ganz mit Schottern und Sanden ausgefüllt werden, damit die Ablagerung 
von Gerollen an ihrem oberen Rande möglich wurde. Es ist aber 
höchst unwahrscheinlich, dass die Schotter und Sande in den meisten 
Thälern spurlos wieder entfernt sein sollten, und dass ihre Ablagerung 
ohne eine Erweiterung der Thäler, ohne eine Zerstörung der canon- 
artigen Natur derselben hätte geschehen können (vgl. S. 329 [85]). Die 



l ) Vgl. Gutbier, Geognostische Skizzen S. 67 ff, Fallou, Grund und Boden 
des Königreichs Sachsen. Dresden 1868. 



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344 



Altred Hettntr, 



[100 



Verbreitung der Diluvialgerölle weist also darauf hin, dass die eigentlichen 
Thäler erst in postglacialer Zeit, also in einer Zeit gebildet wurden, 
in welcher der Mensch bereits in Deutschland lebte. 

Ein anderes Hilfsmittel für das Studium der Erosionsperioden 
geben die Thalterrassen ab, welche wir im allgemeinen bereits kennen 
lernten und nun eingehender betrachten wollen. 

Der Boden der meisten Thäler erwies sich uns aus einem Wechsel 
steiler, enger und flacher, breiterer Strecken zusammengesetzt, und so 
wurde bereits die Vermutung ausgesprochen, dass diese Flachböden 
sich einst bis an die Mündung fortsetzten und dort in einen alten Thal- 
boden der Elbe mündeten, und dass ein neues Einschneiden der Elbe 
auch ein Einschneiden der Nebenthäler zur Folge hatte. 

Wir beginnen das nähere Studium dieser Thalprofile mit dem 
Wehlen-Uttewaldergrunde. Derselbe steigt von der Mündung bis 150 m 
Meereshöhe ziemlich steil an (40 m auf 740 m, d. i. 1 : IS 1 /»); darauf 
wird der Thalboden allmählich flacher; zwischen 170 und 200 m ist 
das Gefäll nur noch 1 : (55. Setzen wir das mittlere Gefäll dieses Thal- 
bodens weiter abwärts gleich 1 : 70, so käme die Mündung in 150 m 
zu liegen. Bei 220 m beginnt ein neuer, viel steilerer, Anstieg, der 
bis 2V0 ni andauert: da der Abstand dieser beiden Höhenlinien nur 
480 m ist, ist das Gefäll 1 : 0*/f. 

Auch das Kirnitzschthal zeigt jenen alten Thalboden ziemlich 
deutlich. Oberhalb Hiuter-Dittersbach, von 220 m Seehöhe an auf- 
wärts, fanden wir daselbst einen flachen Thalboden, dessen Gefälle 
1 : 250 ist (vgl. S. 322 [78]). Denken wir uns dieses Gefälle nach unten 
fortgesetzt, so erhalten wir für das Auftreffen des Hinteren Thorwald- 
weges 225 m, für die Mündung des Grossen Zschand 212 m, des Kleinen 
Zschand 209 m, des Münzbaches 105 m, des Heidematzengrundes 190 m 
und für die Mündung in die Elbe 158 m Meereshöhe. Wenden wir 
dieselbe Methode der Berechnung auf die Nebengründe an, so ergeben 
sich für ihre Mündungen in die Kimitzsch folgende Höhen: Hinterer 
Thorwaldweg 240 m, Grosser Zschand 220 m, Kleiner Zschand 210 m, 
Münzbach 190 m, und Heide matzengr und 180 m, also Höhen, welche 
mit den oben angegebenen nicht ganz, aber doch ziemlich gut über- 
einstimmen. 

An der Kamnitz finden wir ein sanftes Gefälle ungefähr von der 
Mündung des Kreibitzflusses, also von derselben Stelle an, an welcher 
ein weites W r iesenthal an die Stelle des engen, unpassierbaren Thal- 
schlundes tritt. Ihr unterster rechter Nebenfluss, die Lange Biela, zeigt 
dieselbe Terrasse von 180 m an aufwärts; dieselbe würde bei Fortsetzung 
des gleichen Gefälles die Kamnitz ungefähr in 100 m und mit derselben 
die Elbe in 158 m Seehöhe erreichen. 

Auch im Thalboden der Biela ist eine deutliche Terrasse zu er- 
kennen. Von der Mündung in die Elbe (114 m) bis zur 3 3 /4 km ent- 
fernten Mündung des Cunnersdorfer Baches (159 m) zeigt die Biela ein 
geringes, nach oben allmählich zunehmendes, Gefälle, das im Mittel 
1 : 83 beträgt. Dann folgt aber zwischen 159 m und 210 m ein Gefäll 
von 1:23 1 /«, zwischen 210 und 240 m von 1:33*/*, zwischen 240 und 
310m von 1:4g 1 /«, zwischen 310 und 370 m von 1:08 und von hier 



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Gebirgsbau und Oberflächengestaltung der sachsischen Schweiz. 345 



ab wieder eine allmähliche Zunahme des Gefälles, nämlich zwischen 
370 und 405 m von 1 : 5G , zwischen 400 und 430 m von 1 : 49 und 
zwischen 430 und 460 von 1 : 39. 

"Wenn wir der zwischen 159 und 310 m gelegenen Thalstrecke 
statt dieses heutigen mittleren Gefälles von 1 : 36 das Gefäll der ober- 
halb und unterhalb anstossenden Thalstrecken 1 : 70 geben, so erhalten 
wir für die Mündung des Cunnersdorfer Baches 232 m statt 159 m, 
für die Mündung des Leupoldishainer Baches 217 m und für die Mün- 
dung in die Elbe 187 m. Der Thalboden des Leupoldishainer Baches 
oberhalb 244,5m entspricht dieser Terrasse, denn er würde die Biela 
zwischen 210 und 220 m erreichen. Auch der Boden des Pfaffendorfer 
Thälchens, der 1km von der Elbe entfernt 212m hoch ist, scheint 
dieser Terrasse anzugehören. An dem Cunnersdorfer Bache entspricht 
ihr möglicherweise die Gehängeterrasse , welche wir bei Cunnersdorf 
in 270 — 280 m, d. i. ungefähr 40 m unter der oberen Terrasse, ange- 
deutet finden, während der flache Thalboden oberhalb der Mündung 
des Larapertsbaches , falls er nicht durch lokale Ursachen bedingt ist, 
einer tieferen, an der Biela nicht erkennbaren, Terrasse angehört. 

Es ist nicht möglich, alle Thäler und Schluchten auf dieselbe 
eingehende Weise zu betrachten, ich muss mich begnügen, die Höhen 
zusammenzustellen, welche die Terrassen bei der Mündung in die Elbe 
besitzen. Um aber dem Leser die Beurteilung dieser Angaben zu er- 
möglichen, teile ich die Werte ohne Ausgleichung so mit, wie sie sich 
bei der Berechnung ergeben haben. Die grosse Mehrzahl der wesent- 
lich im Aufriss der Thäler erhaltenen Terrassen kommt an der Elbe 
in die gleiche Meereshöhe zu liegen, denn die berechneten Werte er- 
geben für die Mündung der Wesenitz 145 — 150 m, des Struppener 
Baches 145 — 150 m, der Schlucht südöstlich von Pötzscha 140 — 150m 1 ), 
des Uttewaldergrundes 150 m, des Tümpelgrundes bei der Bastei 150 m, 
der Schlucht beim Grahlstein 150 m, des Thürmsdorfer Baches 165 m, 
der Grossen Hierschke bei Königstein 150—160 m, der Prossener Schlucht 
150m, des Rietzschgrundes 150— 160m, der Kirnitzsch 158m, des 
Zahnsgrundes 157 m, der Kamnitz 158 m, der Dürrkaranitz 165 — 170 m 
über dem Meeresspiegel. Wir werden die wahre Höhe dieser Terrasse 
bei Pirna ungefähr 145 — 150 m, bei Herrn skr etschen in 158 m setzen 
können, so dass sie dem heutigen Thalboden in einem Abstände von 
ungefähr 40 m parallel läuft. An einzelnen Stellen, z. B. bei Schandau 
und Herrnskretschen , finden sich in derselben Höhe auch deutliche 
Gehängeterrassen ausgebildet und geben uns eine Bestätigung dafür, 
dass wir diese Terrasse als einen alten Thalboden der Elbe betrachten 
dürfen. 

Einzelne Längsterrassen kommen jedoch höher zu liegen. Wir 
hörten bereits, dass die Terrasse der Königsteiner Biela die Elbe in 
180 — 185 m Meereshöhe erreicht, und die gleiche Höhe kommt dem 
Thalboden des Dorf- Wehlener Baches, der Schlucht südlich von Pötzscha, 
der Naundorfer Schlucht, dem Zahnsgrunde und dem Müllergrunde von 
Schöna bei ihrer Mündung in die Elbe zu. An der Dürrkamnitz finden 



*) In der Höhe dieser Terrasse finden sich die S. !J43 [99] erwähnten Gerölle. 



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346 



Alfred Hettner, 



[102 



wir eine Terrasse in 190— 200 m, am Gelobtbach in 220 m und am 
Lehmischbach in 250 m. Es ist möglich, dass auch diese Terrassen 
wenigstens teilweise einen alten Thalboden bezeichnen. 

Viel grössere Schwierigkeiten bereitet uns das Studium der 
höheren Terrassen, welche an wenigen Stellen den Thalboden bilden, 
sondern nur noch an den Gehängen zu erkennen sind. In dem hori- 
zontal geschichteten Sandsteine der sächsischen Schweiz kann die Ver- 
witterung ähnliche Terrassen erzeugen, schmalere Flussterrassen werden 
bald nach dem Einschneiden durch die Verwitterung zerstört oder ver- 
hüllt, der obere Teil der Gehänge ist häufig bis zu einer gewissen Höhe 
hinab sanft abgedacht, so dass fälschlich der Schein tiefer gelegener Ter- 
rassen erweckt wird, vielfach haben Steinbrüche das Studium der ur- 
sprünglichen Natur unmöglich gemacht. 

Bei Pirna und Copitz erscheint das Elbthal direkt in die Copitzer 
und Struppener Ebenheiten eingesenkt, die hier eine Höhe von 100 m 
besitzen und sich bis Ober -Vogelgesang ganz allmählich auf 200 m 
heben. An dieser Stelle bildet die Ebenheit des rechten Ufers eine steile, 
40 — 50 m hohe, Stufe, und auch die Ebenheit des linken Ufers steigt, 
wenn auch mehr gleichmässig, zu dieser Höhe von 240— 250 m an. 
An den Gehängen scheint in 200 — 210 m eine Terrasse ausgebildet zu 
sein. Bei Wehlen und Naundorf tritt dieselbe in voller Deutlichkeit und 
ziemlicher Breite hervor und lässt sich auch am Uttewalderbache auf- 
wärts verfolgen, wo sie an der Mündung des Zscherregrundes 220 m, 
bei Uttewalde 230 m, an der Mündung des Schleifgrundes 240 m be- 
sitzt und hier mit dem obersten Thalboden des Längsprofiles verchmilzt. 
Auch bei Rathen und Weissig tritt diese Terrasse in 210—220 m auf, 
und vom Lilienstein über Wattersdorf bis an den Carolastein findet 
sie sich in mehreren, von niedrigen Sandsteinrücken unterbrochenen 
Zweigen, welche von glacialem Schotter bedeckt werden. Die Elbe 
scheint also damals nördlich vom Lilienstein vorbeigeflossen, die damalige 
Mündung der Biela also ein ganzes Stück unterhalb Königstein gelegen 
zu haben, womit es übereinstimmt, dass die Gehängeterrasse an der 
Biela etwas höher, nämlich in 230 m, liegt. 

Wenn wir diese Terrasse an der Biela aufwärts verfolgen, so 
finden wir sie südwestlich der Festung Königstein in 240 — 250 m, öst- 
lich von Nikolsdorf in 270 — 280 m, westlich des Pfaffensteins, ungefähr 
an der Mündung des Cunnersdorfer Baches, in 280 — 290 m ausgebildet. 
Zwischen Bernhardstein und Eichberg liegt sie in 290 — 300 m, bei 
Hermsdorf in 320 m, bei Brausenstein in 340 — 350 m, und auf dieselbe 
Höhe weist ein alter Thalboden des hier mündenden Rosenthaler Baches 
hin. Am Cunnersdorfer Bach ist sie besonders am rechten Thalgehänge 
mit einem ziemlich geringen Gefälle zu verfolgen, da sie bei der grossen 
Wendung des Thaies nach S erst in 310 — 320 m Höhe, also kaum 
30 m höher als an der Vereinigung mit der Biela liegt. Von hier 
steigt sie rascher an und tritt an der Vereinigung von Fuchsbach und 
Taubenbach in 390 m, am Fuchsbach westlich vom Hülmerberge in 
420 m. nordöstlich des Schleusenhauses in 430 m auf. Diese Terrasse 
der Biela. welche offenbar mit jener des Uttewaldergrundes zusammen- 
gehört, ist uns besonders deshalb interessant, weil sie, namentlich bei 



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103] (iebirgsbau und Oberflächengestaltung der sächsischen Schweiz. 347 

Nikolsdorf, ihre Einsenkung in die Struppener Ebenheit mit grosser 
Deutlichkeit erkennen lässt. 

Kehren wir zur Elbe zurück und folgen derselben weiter aufwärts, 
so kommen wir zunächst an die Mündung der Lachsbach, d. h. der 
vereinigten Polenz und Sebnitz. Hier ist in 210 m eine Terrasse zu 
erkennen, welche an der Polenz weiter oberhalb ziemlich verschwindet, 
an der Sebnitz dagegen nördlich von Altendorf in 240 m, bei Ulbers- 
dorf in 260 m, bei Hofhainersdorf in 280—290 m aufzutreten scheint. 
Bei Rathmannsdorf hebt sich dieselbe ziemlich scharf von der 30 m 
höheren, also 240 m über dem Meeresspiegel gelegenen, Ebenheit ab, 
welche mit Schotter und Lehm bedeckt ist. 

Die Ebenheit von Rathmannsdorf gehört zweifellos mit der gleich 
hohen und von dem gleichen Lehm bedeckten Ebenheit von Ostrau 
zusammen, dagegen lässt sich die tieferliegende Terrasse der Kimitzsch 
hier nicht mit Sicherheit erkennen. Weiter aufwärts finden wir die- 
selbe jedoch an der Mündung des Nassen Grundes in 240 m, an der 
Mündung des Kleinen Zschand in 270 m, nördlich vom Heulenberg in 
280 — 290 m (hier scheint auch eine tiefere Terrasse in 260 m), auf 
der Rapinzen wiese südlich von Saupsdorf in 310 m und am Schwarzen 
Thor in 340 m ausgebildet, woraus wir für ihre Mündung auf eine 
Höhe von 220 m schliessen können. 

Auch an der Kamnitz fällt die entsprechende Terrasse erst ein 

futes Stück oberhalb ihrer Mündung in die Augen, da wir sie hei 
timmersdorf in 200 m, nordwestlich von Kamnitzleiten in 275 m, bei 
Hohenleipa in 290 — 295 m Meereshöhe finden. Dies Gefälle weist auf 
eine Höhe von 230 m an der Elbe hin. 

Es ist auffallend, dass diese Terrasse an den Gehängen der Elbe 
oberhalb Wendischfähre nirgends mit einiger Deutlichkeit ausgesprochen 
ist. Am rechten Ufer folgt auf die Platte von Ostrau mit einem stufen- 
förmigen Absatz eine im Mittel 280 m hohe Platte, welche den Fuss 
der Schrammstein- Winterbergwände begleitet. Am linken Ufer finden 
wir die Ebenheit von Gorisch mit 230 — 240 m, die Ebenheit von 
Kleinhennersdorf mit 250 — 260 m, die Ebenheit von Reinhardsdorf und 
Schöna mit 270 — 280 m, also mit Höhen Verhältnissen, welche im ganzen, 
aber nicht genau, denen der gegenüberliegenden Thalseite entsprechen. 
Zwar zeigen diese Ebenheiten nach der Elbe hin vor dem jähen Ab- 
sturz zunächst meist eine sanfte Abdachung, aber der Rand derselben, 
welcher stellenweise mit Diluvialgeröllen bestreut ist, liegt gegenüber 
Prossen in 220 — 230 m, gegenüber Schandau in 230 — 240 m und bei 
Schöna in 240 — 250 m Meereshöhe, also 10 — 20 m höher als wir die 
Mündungsterrasse der Lachsbach, Kirnitzsch und Kamnitz durch Be- 
obachtung oder Schätzung fanden. Oberhalb Herrnskretschen habe ich 
keine Andeutung einer Gehängeterrasse unter einer Höhe gefunden, die 
bei Elbleiten in 280 m, oberhalb Niedergrund in 320 m, westlich von 
Binsdorf in 360 m und bei Rasseln in 400 m liegt. 

Es ist schwer, sich über diese Verhältnisse Rechenschaft zu 
geben. Anfangs glaubte ich, jene hochgelegenen und nach S rasch 
ansteigenden Andeutungen von Terrassen als Fortsetzungen der oben 
besprochenen, bei Wehlen in 210 m liegenden Terrasse deuten und 



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34S 



Alfred Hettner, 



daraus die Folgerung ableiten zu dürfen, dass bei der Bildung jener 
Terrasse an Stelle der Elbe nur ein kleiner Bach genossen sei. Ich 
halte es auch jetzt noch für möglich, dass diese Folgerung der Wahr- 
heit entspricht, zumal ich bei einer allerdings nur flüchtigen Wanderung 
durch das böhmische Mittelgebirge keine 90 — 100 m über der heutigen 
Thalsohle gelegene Terrasse gefunden habe. Aber die mangelhafte 
Ausprägung der Terrasse zwischen Schandau und Herrnskretschen und 
auch unterhalb Wehlen lässt es auch als möglich erscheinen, dass die 
Terrasse zwischen Tetschen und Herrnskretschen vorhanden war, aber 
bei dem tieferen Eingraben der Elbe und der damit verbundenen Rück- 
legung der Seitenwände verloren gegangen ist. Der Entscheid über 
diese wichtige Frage wird am ehesten durch eine genauere Unter- 
suchung des Mittelgebirges zu gewinnen sein. 

Die wichtigste Frage ist, ob diese Terrasse sowohl wie die 
tiefere, in 150—160 m liegende, Terrasse und eventuell auch die Terrasse 
von 180 m als einfache Erosionsterrassen oder als Ausfüllungsterrassen 
airzusehen sind. Wir haben uns bereits für die erste Alternative ent- 
schieden (S. 329 [85] f.), weil wir uns nicht denken konnten, dass 
die Ausfüllungsmasse so vollständig hätte entfernt und der Erosions- 
charakter des Thaies bei der Ausfüllung so gar nicht hätte verwischt 
werden sollen. Man sieht die Bäche in die obere Terrasse einge- 
schnitten, aber grossenteils noch auf der unteren Terrasse verharren, 
die demnach jünger als die obere ist und dennoch meist aus festem 
Gestein besteht. Die obere Terrasse scheint demnach nicht älter als 
glacial sein zu können , aber auch wirklich glacial zu sein , da sich 
in der Gegend von Pirna ausgedehnte glaciale Schotterterrassen an sie 
anschliessen. Die Bildung der unteren Terrasse fällt also wohl erst in 
die zweite Abteilung der Quartärzeit, welche man als die Lössperiode 
bezeichnen kann. 

Der jugendliche Ursprung des canonartigen Elbthaies ist ein neuer 
Grund (vgl. S. 310 [66] und 319 [75]) gegen die Annahme, dass er auf 
Spaltenbildung zurückzuführen ist. Wenigstens würde diese in quartärer 
Zeit gebildete Spalte nicht die Schwierigkeiten beseitigen, für welche 
sie Peschel zu Hilfe rief (vgl. S. 315 j71]). Es ergibt sich aber auch, 
dass die Bildung des heutigen Elbthaies nicht gleichzeitig mit der 
Bildung der erzgebirgischen Bruchlinie erfolgt ist, da diese ja in 
oligocäner Zeit im grossen und ganzen vollendet war. Ebensowenig 
aber kann sie, wie Löwl will, mit dem Rückzüge des Tertiärmeeres 
in Verbindung stehen. 

Warum die Erosionsthätigkeit der Elbe in der Quartärzeit von 
neuem energisch einsetzt, warum sie zwei grössere Unterbrechungen 
erlitt, muss noch dahingestellt bleiben. Die Untersuchung muss zu- 
nächst über weitere Gebiete ausgedehnt werden, um zu lehren, ob die 
Erscheinung in allgemeinen oder lokalen Ursachen ihren Grund hat. 
Die Bildung der oberen Terrasse scheint mit den Schotteranhäufungen 
der Glacialzeit im Zusammenhang zu stehen, die Bildung der unteren 
Terrasse war möglicherweise durch die Existenz eines Sees im Dresdener 
Thalkessel bedingt. 

Die Ebenheiten sind jedenfalls älterer Entstehung als die beiden 



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105] Gebirgsbau und Oberflächengestaltung der sächsischen Schweiz. 349 

besprochenen Thalterrassen. Da die untere Terrasse bei Pirna fast in 
derselben Höhe wie die Copitzer und Struppener Ebenheit liegt, könnte 
man allerdings versucht sein, sie für zusammengehörige Bildungen zu 
halten. Aber man könnte sich schon schwer erklären, warum die 
Erosion in der gleichen Zeit hier eine so grosse, in der inneren sächsi- 
schen Schweiz dagegen eine so kleine Wirkung hätte ausüben sollen; 
entscheidend gegen diese Zusammenfassung aber ist die Thatsache, dass 
die obere Terrasse, welche doch sicher älter als die untere ist, selber 
erst später als die Ebenheiten gebildet wurde. Denn wir fanden sie 
an vielen Stellen, mit besonderer Deutlichkeit aber bei Wehlen, Rath- 
mannsdorf und Nikolsdorf, in die Ebenheiten eingesenkt, und können 
andererseits in der Gegend von Pirna beobachten, dass Schottermassen, 
welche sich an jene Felsterrasse anschliessen, in grosser Mächtigkeit 
auf den Ebenheiten aufruhen. Diese waren in der Glacialzeit jeden- 
falls so gut wie fertig gebildet, da sie in so grosser Ausdehnung von 
glacialen Kiesen bedeckt sind, ja ihre Bildung scheint schon beträchtliche 
Zeit vorher vollendet gewesen zu sein, da eine Periode des Einschneidens 
sie von der eigentlichen Glacialterrasse trennt, und da die Ausbildung 
dieser Ebenheiten unendlich lange Zeiträume erfordert haben muss. 
Für eine nähere Bestimmung ihrer Bildungszeit aber habe ich keine 
Anhaltspunkte gefunden; ich kann nicht einmal angeben, ob dieselbe 
vor oder nach den grossen Dislokationen der Oligocänzeit erfolgte. 

Bereits am Schlüsse des vorigen Kapitels wurde betont, dass sich 
nicht alle Stufen aus den Verhältnissen erklären lassen, welche wir 
gegenwärtig übersehen können. Auch das Verhältnis der Ebenheiten 
zu den Thalterrassen bereitet Schwierigkeiten; denn wie war es mög- 
lich, dass die Elbe oberhalb Ober- Vogelgesang 90 — 100 m und dann 
40 — 50 m über ihrem heutigen Spiegel floss, statt sich bis zum Niveau 
der Copitzer Ebenheit oder vielmehr noch tiefer bis zum heutigen Elb- 
spiegel einzugraben? 

Ich weiss keine befriedigende Antwort auf diese Frage zu geben. 
Sollten die Copitzer und die Struppener Ebenheit doch erst in der 
Glacialzeit entstanden sein? Sollten das Elbthal und seine Nebenthäler 
ihrer ganzen Form und manchen anderen Umständen zum Trotz doch 
bereits in der Tertiärzeit eingenagt und jene Thalterrasse bei einer Aus- 
füllung der Thäler geschaffen sein ? Oder sind Verwerfungen vorhanden, 
die der Beobachtung bisher entgangen sind, und haben sich dieselben 
erst in der Glacialzeit gebildet? Oder kommen irgend welche andere 
Umstände in Betracht, auf welche die Forschung noch nicht genügend 
aufmerksam geworden ist? 

Es scheint mir heute noch kaum möglich zu sein, den Bau und 
das Relief einer Landschaft vollständig zu erklären. Gerade je tiefer 
man in die Einzelheiten eindringt, um so mehr stellen sich Schwierig- 
keiten heraus. Man kann wohl durch kühne Hypothesen alle Schwierig- 
keiten heben, aber man läuft dann Gefahr, dass das prächtige Gebäude 
beim ersten Anstoss zusammenstürzt. Mir scheint es förderlicher zu 
sein, wenn man die Lücken der eigenen Untersuchung offen eingesteht 
und dadurch die Forschung anderer auf die Ergänzung und Berichtigung 
der gewonnenen Resultate hinlenkt. 



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350 



Alfred Hettner, 



[106 



XII. Die Individualität der sächsischen Schweiz. 

Wie der Wanderer, der eine Landschaft auf viel gewundenen 
Wegen durchzogen hat, womöglich einen hohen Gipfel besteigt, von 
dem er dieselbe mit einem Blicke überschauen kann, so empfindet man 
auch am Schlüsse einer wissenschaftlichen Untersuchung das Bedürfnis 
nach einem solchen Rückblick, da während derselben das Auge oft 
durch die verwirrende Menge der Einzelheiten gefangen genommen 
worden ist und das eigentliche Ziel aus den Augen verloren hat. 
Dieses Ziel unserer Untersuchung war, die Individualität der sächsischen 
Schweiz zu erkennen, soweit dieselbe in dem Gebirgsbau und der Ober- 
flächengestalt begründet ist, und wenn wir dieses Ziel auch nicht ganz 
erreicht haben, so haben wir uns ihm doch so weit genähert, als es 
die Kräfte des Verfassers und der Stand der Wissenschaft erlauben. 
Darum ist für uns jetzt der Augenblick gekommen, uns die Bildungs- 
geschichte der sächsischen Schweiz noch einmal im Zusammenhange zu 
vergegenwärtigen. 

Das älteste Ereignis, das wir einigermassen deutlich zu erkennen 
vermögen, ist die Bildung eines grossen, den Alpen zu vergleichenden 
Faltengebirges, das den grössten Teil von Deutschland in östlicher bis 
nordöstlicher Richtung durchzog und gerade in unserer Gegend nach 
Südosten umbog. Diese Faltungsbewegungen dauerten bis in die Mitte 
der Carbonzeit an ; die produktive Kohlenformation und das Rotliegende 
sind nicht mehr wie die archäischen und älteren paläozoischen Schichten 
gefaltet, sondern haben nur noch Verwerfungen erlitten. Trias und 
Jura haben uns nur wenige Spuren hinterlassen; wahrscheinlich war 
unser Gebiet während dieser Perioden grossenteils Festland und erlitt 
durch die Atmosphärilien eine weitgehende Zerstörung. Nur aus der 
oberen Abteilung der Jurazeit sind an vereinzelten Stellen Meeres- 
ablagerungen vorhanden, welche ursprünglich weit verbreitet gewesen 
sein müssen, aber schon am Beginne der Cenomanperiode grossenteils 
wieder zerstört waren. Die untere Abteilung der Kreidezeit war eine 
Festlandsperiode, erst im Cenoman drang, wie an so vielen Stellen der 
Erde, das Meer vor, erreichte während des Turon seinen höchsten Stand 
und zog sich im Senon wieder zurück. Umfang und Grenzen dieses 
Kreidemeeres sind uns leider nicht genügend bekannt, indessen reichte 
dasselbe jedenfalls viel weiter als seine heute noch erhaltenen Sedi- 
mente ; es hat den Anschein, als ob das Festland dieser Zeit im S lag, 
das Meer von N kam und sich nach N zurückzog. 

In der Eocänzeit scheint der Meeresspiegel sehr tief gelegen zu 
haben, während des Oligocän dagegen drang das Meer wieder von 
N her vor, aber nur bis an den Fuss des sächsischen Gebirges 
heran, das gerade in dieser Zeit starke, wesentlich als Hebungen auf- 
zufassende, Dislokationen erlitt. Diese Dislokationen erfolgten genau in 
demselben Sinne wie die paläozoischen Faltungen, d. h. sie gehörten 
im westlichen Teile unseres Gebietes der erzgebirgisch-niederländischen, 
im östlichen der sudetisch-hereynischen Richtung an. Im Erzgebirge 
wurde eine Keilscholle geschaffen, welche sich nach N sanft abdacht, 



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Gebirgsbau und Oberflächengestaltung der sächsischen Schweiz. 351 



nach S, teils in Brüchen, teils in einer Flexur, schroff abfällt ; in dem 
Lausitzer Bergland stieg ein Horst empor. 

Die sächsische Schweiz mit dem Dresdener Thalkessel ist ein von 
NW nach SE gestrecktes Zwischenglied zwischen beiden, das an der 
Hebung des Erzgebirges nur noch geringen Anteil genommen hat, so 
dass seine Schichten geschleppt sind und einen nordöstlichen Einfall 
zeigen, das längs einer scharf ausgebildeten Verwerfungslinie lunter 
dem Lausitzer Bergland zurückblieb, ja teilweise von demselben über- 
schoben wurde. Der Südrand wurde mit dem Erzgebirge zugleich auf- 
gewölbt; basaltische und phonolithische Ergüsse bedeckten den Sandstein 
oder drangen von unten her in denselben ein, oft ohne das Tageslicht 
zu erblicken. Durch die Verbindung der erzgebirgischen und der sude- 
tischen Bewegungsrichtung erfuhr die sächsische Schweiz eine Art 
Torsion, bei welcher der spröde Sandstein zerriss und sich ein ziemlich 
regelmässiges Netz von Losen oder Klüften bildete; dagegen ist es 
sehr fraglich, ob Verwerfungen im Inneren der sächsischen Schweiz 
vorhanden sind (vgl. Kap. 3 — 6). Schwache Bewegungen der Erde 
mögen bis zur Gegenwart fortdauern, im grossen und ganzen jedoch 
war der innere Bau der sächsischen Schweiz mit den grossen Dis- 
lokationen der Oligocänzeit gegeben. Die Bildungsgeschichte während 
der Miocän-, Pliocän- und Quartärzeit ist wesentlich eine Geschichte 
der Zerstörung des in jener Periode geschaffenen Felsengerüstes durch 
die Einwirkung von Wind und Wetter, Wasser und Eis. Diesen zer- 
störenden Einflüssen verdanken wir es, dass wir in der sächsischen 
Schweiz nicht einen unförmlichen Block, sondern eine bis in das ein- 
zelste gegliederte Landschaft vor uns sehen. 

Vom Meere ist die sächsische Schweiz seit der Kreidezeit nicht 
wieder bedeckt worden; nur festländische Kräfte waren bei ihrer 
Modellierung thätig. Unter diesen stehen die Flüsse obenan, weil sie 
den Transport leisten und darum der Zerstörung den Weg weisen. 
Ueber die Verteilung der Wasserläufe in der Eocänzeit können wir 
uns nur undeutliche Vorstellungen machen ; durch die Bewegungen der 
Oligocänzeit wurde im grossen und ganzen das heutige Flusssystem 
geschaffen, wenn auch einzelne Veränderungen in späterer Zeit statt- 
gefunden haben. Die Streitfrage, ob die böhmische Elbe schon seit dem 
Rückzüge des Kreidemeeres die sächsische Schweiz durchtloss und diesen 
Lauf im Kampfe mit den Bodenbewegungen und vulkanischen Aus- 
brüchen der Oligocänzeit bewahrte, oder ob sie erst später den heutigen 
Abfluss aus Böhmen gewann, konnte von uns nicht mit Sicherheit ent- 
schieden werden. 

Die Erosion ist in der sächsischen Schweiz, ihrem Tafelland- 
charakter entsprechend, durchaus rückläufig. Nur an dem Rande der 
Tafel ist das für Erosion nötige Gefälle gegeben, hier aber vereinigen 
sich starkes Gefälle und grössere Wassermenge, um den Fluss schnell 
bis zu der Tiefe einschneiden zu lassen, welche bei der Lage seiner 
Mündung überhaupt noch möglich ist. Allmählich schreitet die Erosion 
am Hauptfluss und an den einmündenden Nebenflüssen mit einer der 
Wassermenge derselben entsprechenden Schnelligkeit thalaufwärts. 
Aber nicht nur die Erosion muss von unten her eingeleitet werden, 



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352 



Alfred Hettner, 



selbst ein reichlicherer Wasserabfluss kommt erst durch die Erosion 
selbst zustande. In den mehr oder weniger horizontalen Tafeln durch- 
lässigen, von zahlreichen Klüften durchzogenen Sandsteins sickert der 
grösste Teil des Wassers in den Boden ein, und erst wenn die Sandstein- 
bänke von Thälern durchschnitten werden, rinnt das nahe dem Thal- 
rande auftreffende Regenwasser zu ihm ab, tritt auf den Schichtenfugen 
Wasser zu Tage. Aber grössere Wassermengen spendet der Boden 
nur da, wo thonreichere Bänke den Sandstein unterbrechen, auf dem 
Vorhandensein der Plänerschicht und einer anderen Thoneinlagerung 
beruht es grossenteils , dass das linke Elbufer sich so wesentlich von 
dem eigentlich typischen rechten Ufer unterscheidet und sich mehr 
dem Charakter anderer Mittelgebirge nähert. Aber der geringen Wasser- 
menge entsprechend ist auch die Menge des zugeführten Schuttes ge- 
ring, und da derselbe wesentlich aus Sand besteht, kann er von den 
Bächen mit verhältnismässig geringem Kraftaufwande transportiert wer- 
den; auch dadurch wird das Einschneiden in die Tiefe im Gegensatz 
zur Verbreiterung der Thäler begünstigt. 

Trotzdem macht die Erosion nur in sehr langen Zeiträumen merk- 
liche Fortschritte. Nur die Elbe hat die jüngste Thalterrasse voll- 
ständig durchschnitten, in den Nebenthälern bildet dieselbe noch auf 
grössere oder geringere Strecken den Thalboden, einige kleinere Bäche 
verharren in ihrem oberen Teile sogar noch auf der Terrasse der Glacial- 
zeit (S. 346 [102]). Noch nirgends hat, unter dem Niveau der Eben- 
heiten, die Verwitterung, wenn wir darunter die Thätigkeit der klei- 
neren, über grosse Flächen gleichmässig verteilten Rinnsale begreifen, 
so grosse Fortschritte machen können, dass die Thalform verloren ge- 
gangen wäre; die meisten Thäler des rechten Elbufers erinnern uns 
mit ihrer Enge und Steil wandigkeit noch ganz an die Canons Nord- 
amerikas. 

Es ist von grosser Wichtigkeit für die Gestaltung der sächsischen 
Schweiz, dass die riesengebirgische Elbe und die Moldau auf die eine 
oder andere Weise einen Durchlass durch das böhmische Mittelgebirge 
gefunden haben, denn sonst würde nicht nur der Spiegel der Kamnitz- 
Elbe nach vollendetem Einschneiden beträchtlich höher liegen, das Ein- 
schneiden würde auch viel langsamer vor sich gegangen sein, die untere 
Terrasse würde vielleicht noch heute von Herrnskretschen aufwärts den 
Thalboden bilden, und jedenfalls würde derselbe bei sämtlichen Neben- 
flüssen beinahe von der Mündung ab auf dieser Terrasse liegen. Die 
sächsische Schweiz wäre durch keinen grossen Strom aufgeschlossen, 
aber sie wäre auch weniger zerrissen. 

Einen ganz anderen Charakter trug die sächsische Schweiz am 
Schlüsse der Tertiärzeit. Unendlich lange Zeit hatte, wie es scheint, 
der Austritt der Elbe aus unserem Gebiete ungefähr die gleiche Höhe 
bewahrt. Die Thalwände oder auch durch Verwerfung gebildete Wände 
waren durch die Kesselbildungen der Regenwässer weit zurückgelegt 
worden, so dass nur noch an wenigen Stellen eigentliche Thäler vor- 
handen, vielfach die Wände ganz verschwunden waren und grossen 
Felsplatten, Ebenheiten, Platz gemacht hatten, die einen stufenförmigen 
Aufbau zeigen. Derselbe ist wesentlich durch die Anordnung der Ge- 



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109] Gebirgbsbau und Oberflächeugestaltung der sächsischen Schweiz. 353 



wässer bedingt, von denen aus die Abtragung auf der Seite der Schichten- 
neigung viel grössere Fortschritte macht als auf der Seite der Schichten- 
köpfe ; die Gesteinsbeschaffenheit dagegen scheint verhältnismässig geringen 
Einflusszu üben, vielleicht sind einzelne Stufen durch Verwerfungen bedingt. 

Vielerlei Umstände wirken also zusammen, um der sächsischen 
Schweiz eine besondere, von anderen Gebirgen verschiedene, Individualität 
zu verleihen. Ihrem Bau nach ist sie ein Tafelland und unterscheidet 
sich dadurch auf das schärfste von allen Gebirgen, welche durch Faltung 
oder Verwerfungen oder durch vulkanische Ausbrüche eine Kammform 
zeigen ; jene ragen über die Umgebung hervor, die sächsische Schweiz 
ist in dieselbe eingesenkt, so dass ihr die Gewässer von allen Seiten 
zuströmen ; jene zeigen meistens langgestreckte, einander parallele Ketten, 
diese eine regellose Gruppierung von Felswänden und Tafelbergen; dort 
finden wir in jedem Winkel eine energische Thätigkeit von Erosion und 
Verwitterung, hier dringen dieselben nur ganz langsam nach innen vor. 
Viel grösser schon ist die Aehnlichkeit der sächsischen Schweiz mit Rumpf- 
gebirgen, wie dem Erzgebirge, der Lausitz, dem rheinischen Schiefer- 
gebirge ; denn sie hat mit denselben die plattenförmige Oberfläche und 
den rückläufigen Charakter der Erosion gemein. Aber die Platten sind 
dort nie ebene Tafeln, sondern sind stets sanft gewellt, so dass der Ab- 
fluss des Wassers von vornherein im ganzen Gebiete vorhanden ist, zumal 
diese Rumpfgebirge aus weniger durchlässigem krystallinischem Gesteine 
zu bestehen pflegen; die schiefe Lage der Schichten und der Mangel 
quaderförmiger Absonderung macht die Bildung steiler Felswände un- 
möglich; statt der engen Gründe und steilen Felswände finden wir 
breitere Thäler und sanftere Rücken. Von vielen Tafeln, wie dem 
schwäbischen Jura, ist die sächsische Schweiz durch ihre geognostische 
Einförmigkeit unterschieden: dort bringt der Wechsel härterer und 
weicherer Schichtensysteme durch den verschiedenen Widerstand, welchen 
dieselben der Erosion entgegensetzen, Stufen hervor, hier sind die Stufen 
wesentlich an die Flussläufe geknüpft (S. 341 [97]). Nur dem Sand- 
stein mit seiner quaderförmigen Absonderung sind die Formen eigen, 
welche uns so sehr an menschliche Bauwerke erinnern. Ebenso wichtig 
wie der Einfluss der Gesteinsbeschaffenheit ist der Einfluss des Klimas ; 
in einer regenlosen W'üste wie der Sahara werden die Felswände voll- 
kommen von den Schuttmassen eingehüllt; in den Tropen überwiegt 
umgekehrt die Regenmenge und drückt die Schuttkegel herab (S. 303 [59]), 
aber die üppige Vegetation mildert die Schärfe der Formen; dieser 
mildernde Einfluss fehlt in heissen aber regenarmen Gegenden, wie dem 
Coloradogebiet, wo daher die Heimat der typischen Canons ist. Nur 
andere Sandsteintafeln der gemässigten Zone können denselben physio- 
gnomischen Charakter wie die sächsische Schweiz besitzen. Trotzdem 
wird ihre Gestaltung eine ganz andere sein, weil die geographischen 
Bedingungen von Punkt zu Punkt wechseln. Wie anders sähe die 
sächsische Schweiz aus, wenn ihr die Elbe fehlte, wenn der skandi- 
navische Gletscher diese Gegend nicht erreicht, wenn sie statt dessen 
vielleicht ein Meer überflutet hätte, wenn keine lange Periode der 
kontinentalen Flächenablagerung die Perioden des Einschneiden unter- 
brochen hätten! 



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354 Alired Hettner, [110 

Es liegt tief im Geiste des Menschen begründet, dass er jeden 
Gegenstand auf sich zu beziehen bestrebt ist. Eine naturwissenschaft- 
liche Untersuchung gewinnt für ihn höhere Bedeutung, wenn sie 
auf die Stellung des Menschen in der Natur ein Streiflicht wirft. 
Auch das Studium der Erdoberfläche dient dem Studium der Mensch- 
heit, denn mit tausend Banden ist dieselbe an die Scholle geknüpft. 
Indem man die Natur einer Landschaft zergliedert, zergliedert man die 
Bedingungen, unter welchen der Mensch lebt und wirkt. Die wissen- 
schaftliche Erkenntnis dieser Beziehungen, welche die letzte und höchste 
Aufgabe der Geographie bildet, erfordert ein ebenso eingehendes Studium 
wie die Natur an sich. Darauf müssen wir verzichten, wir müssen 
uns mit einigen Andeutungen begnügen, die sich aus dem Studium der 
Bodengestalt fast von selbst ergeben. 

Die grössere Hälfte der sächsischen Schweiz ist mit Wald be- 
deckt, aus dem an vielen Stellen nackte Felsen hervorragen; in den 
engen Gründen findet sich die Fichte, auf einigen Basaltgipfeln kommen 
Laubholz Waldungen vor, im ganzen vermag der arme Sandboden nur 
die Kiefer zu ernähren. Am Ende des Mittelalters und in den ersten 
Jahrhunderten der neueren Zeit scheint dieser Wald durch den Men- 
schen auf das erbärmlichste verwüstet worden zu sein, heute befindet 
er sich, dank der guten Forstverwaltung, in einem vortrefflichen Zu- 
stande; ohne Raubwirtschaft wird aus ihm ein reicher Ertrag gewonnen. 
Der Feldbau lohnt sich nur im unteren Teile der sächsischen Schweiz, 
wo nicht die Abtragung überwiegt, sondern das fortgeführte Material 
zusammengeschwemmt ist (vgl. S. 341 [97]), oder wo fremde Boden- 
arten, namentlich die Ablagerungen der Glacialzeit, die Oberfläche ein- 
nehmen ; aber bei dem sandigen Charakter derselben bleibt der Ackerbau 
häufig noch dürftig genug. Durch dieses Ueberwiegen des Waldes 
kontrastiert die sächsische Schweiz auffallend gegen die Nachbargebiete, 
von denen nur der mit Diluvialsand bedeckte untere Teil der Lausitzer 
Platte ausgedehntere Waldungen trägt; auf grossen Strecken, nament- 
lich zwischen Hohnstein und Kreibitz und zwischen Tyssa und Lang- 
hennersdorf, werden die Grenzen der sächsischen Schweiz durch einen 
schroifen Vegetationswechsel bezeichnet. . 

Den Bewohnern der sächsischen Schweiz stehen ausser Land- 
und Forstwirtschaft noch mehrere Nahrungsquellen zu Gebote. Das 
Gestein birgt zwar weder kostbare Erze noch die unentbehrliche Kohle ; 
aber als Baustein und für Bildhauerarbeiten ist der . Quadersandstein 
gesucht, wird er weit elbabwärts verfrachtet. Das nicht sehr bedeutende 
Gewerbe knüpft sich an die Bearbeitung des Holzes und Steines an, 
erst in den letzten Jahren hat der Niedergang des Steinbruchbetriebes 
zu Strohflechterei u. dgl. Anlass gegeben. Eine sehr wichtige Rolle aber 
in dem wirtschaftlichen Leben der sächsischen Schweiz spielt der starke 
Fremdenverkehr ; fast in jedem Orte bestehen Sommerfrischen, Schandau, 
die Schweizermühle, Obergrund sind besuchte Badeorte. Hunderte, 
wenn nicht Tausende finden durch das Gasthofwesen, durch Vermieten 
von Sommerwohnungen, als Führer und Kutscher Unterhalt. 

Der Verbreitung des Feldbaues entsprechend liegen die meisten 
Dörfer auf den Ebenheiten im unteren Teile der sächsischen Schweiz. 



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Gebirgsbau und Oberflächengestaltung der sächsischen Schweiz. ;-J55 



Das Felsen- und Waldrevier zwischen Schandau und Dittersbach und 
der grosse Wald zwischen Königstein und dem Schneeberg sind fast 
unbewohnt. In den Gründen findet man nur einzelne Mühlen und 
Gasthäuser. Nur im Elbthale liegen eine Reihe kleiner Städte und 
Dörfer; die Dörfer sind die W'ohnstätten der Steinbrecher und Schiffer, 
die Städtchen und grösseren Dörfer, Niedergrund, Hermskretschen, 
Schandau, Königstein, Wehlen dienen dem Fremdenverkehr und der 
Ausfuhr der Landesprodukte. Etwas grössere Handelsbedeutung haben 
nur Bodenbach-Tetschen am Eintritt und Pirna am Austritt der Elbe 
aus der sächsischen Schweiz. 

Die Elbe ist eine Hauptverkehrsstrasse zwischen Oesterreich und 
Böhmen auf der einen, Sachsen und dem nördlichen Deutschland auf 
der anderen Seite. Auf ihrem Rücken schwimmen grosse Mengen von 
Holz als Flösse bis ans Meer, tragen zahlreiche Schiffe böhmische 
Braunkohlen, böhmisches Obst, Holz, Steine u. s. f. nach Dresden und 
weiter; an ihrer Seite vermittelt einer der wichtigsten Schienenstränge 
den Schnellverkehr zwischen Dresden und Oesterreich. Ohne den Durch- 
bruch der Elbe wäre die eingesenkte, für den Durchgang scheinbar 
bestimmte, Lage des Elbsandsteingebirges wirtschaftlich verloren ge- 
wesen, denn die tiefen, vielverzweigten Gründe der sächsischen Schweiz 
setzen dem Verkehr die grössten Hindernisse entgegen. Alle Strassen 
führen von hinten, von den Ebenheiten her, zu den Städten hinab, die 
Hauptstrassen nach Böhmen umgingen bis vor kurzem die sächsische 
Schweiz an ihrem südwestlichen und nordöstlichen Rande. Denn auch 
das Elbthal hat erst durch die Entwickelung der modernen Verkehrs- 
mittel seine volle Bedeutung gewonnen. Erst für den Bau einer Eisen- 
bahn lohnte es sich, die Felssprengungen und Schutzbauten auszuführen, 
welche die Anlage eines Verkehrsweges im Elbthale erfordert. 

Sicher hat die Natur der sächsischen Schweiz auch auf die ge- 
schichtliche Entwickelung und auf den Charakter und das geistige Leben 
der Bewohner Einfluss geübt; aber dieser Einfluss ist viel zu fein, 
seine Erkenntnis viel zu schwierig, als dass sie sich wie eine reife 
Frucht vom Wege aus pflücken Hesse. 



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